Indonesiens Kunstmesse "ArtJog"

Perspektivwechsel in Zeiten wachsender Intoleranz

"Changing Perspective" ist das Thema der diesjährigen "ArtJog", der größten Kunstmesse Indonesiens und eine der wichtigsten in Südostasien, die mittlerweile zum zehnten Mal in der zentraljavanischen Kulturmetropole Jogjakarta stattfindet. Einblicke von Zora Rahman

Knallbunte Riesenaugen schwimmen auf künstlichen Teichen vor dem Jogja National Museum – einzeln, paarweise neben- und übereinander, vieläugige Aliens und ein sieben Meter hohes Gebilde aus einem Dutzend Augen. Sie starren den Betrachter an, schauen durch ihn hindurch, über ihn hinweg und erfassen doch alles.

"Floating Eyes" nennt der Künstler Wedhar Riyadi sein Werk, mit dem er den sozialen Wandel in seinem Land und der ganzen Welt darstellen will. Einerseits konnte noch nie zuvor jeder so einfach und so frei seine Meinung kundtun wie in Zeiten der Sozialen Medien. Andererseits war es aber auch noch nie so einfach, die Menschen zu überwachen und zu kontrollieren: Jeder beobachtet jeden.

"Mit dem Motto 'Changing Perspective' wollten wir die aktuellen Bedingungen von Politik, Gesellschaft und Kultur betrachten und hinterfragen – vor allem auch unter dem Blickwinkel der steigenden Intoleranz", erklärt Kurator Bambang Witjaksono. "Auch wenn wir eine kommerzielle Messe sind: Ich wollte gern kritische Werke, gerade in Bezug auf die gesellschaftlichen Veränderungen in unserem Land."

Diesen Wunsch haben allerdings nur wenige der teilnehmenden Künstler erhört. So hochprofessionell, ästhetisch beeindruckend und unterhaltsam sich die "ArtJog" dieses Jahr präsentiert: Inhaltlich beschäftigen sich die gezeigten Werke größtenteils mit dem Innenleben der Künstler oder der Kunstszene und setzen sich kritisch vor allem mit Lifestyle-Themen, der globalen Kommerzialisierung und bisweilen auch Umweltproblemen auseinander. Sozial-politische oder gar religiöse Entwicklungen im Land bleiben – mit wenigen Ausnahmen wie Riyadi – außen vor. "Ich hatte mir ehrlich gesagt etwas mehr Tiefgang erhofft", gibt Kurator Witjaksono zu, "aber ich kann die Künstler ja nicht zwingen."

Wladimir Putin und Kim Jong Un als gläubige Pilger

Der digitale Fotokünstler Agan Harahap zum Beispiel zeigt Hulk Hogan in einem digital bearbeiteten Schwarzweißfoto als traditionellen "Bounty Hunter". Ein technisch perfektes, sehr ästhetisches, sogar witziges Werk. Aber wenig kritisch. Dabei gilt der 37-jährige Grafikdesigner – auch "König der Photoshopper" genannt – nicht zuletzt wegen seiner politsatirischen Bilder als Star der Sozialen Medien Indonesiens: 64.000 Follower klicken auf Harahaps Instagram-Account, wenn dieser den gerade wegen Blasphemie verurteilten christlichen Gouverneur von Jakarta in brüderlicher Geste mit dem Chef der radikalen "Front der Verteidiger des Islams" (FPI) digital vereint. Oder wenn er Wladimir Putin und Kim Jong Un gemeinsam im Gewand der Hadschis pilgern lässt.

Wladimir Putin und Kim Jong Un gemeinsam im Gewand der Hadschis; Quelle: Agan Harahap/Instagram
Russlands und Nordkoreas Potentaten als muslimische Glaubensbrüder: Der digitale Fotokünstler Agan Harahap avancierte unlängst zum "König der Photoshopper". Nicht zuletzt wegen seiner politsatirischen Bilder gilt er als Star der Sozialen Medien Indonesiens.

"Niemals würde ich solche Bilder bei einer Ausstellung dieser Größenordnung zeigen", sagt der international erfolgreiche Künstler, "das wäre Selbstmord." Wäre doch schade, so fährt er fort, wenn die aufwändige Kunstmesse schließen müsste, weil radikale Gruppierungen wegen solcher Bilder das Gelände stürmten.

Leider keine unbegründete Furcht. Die Übergriffe von radikal-islamischen wie rechts-nationalistischen Organisationen haben in den vergangenen beiden Jahren stark zugenommen, gerade in Jogjakarta. Besonders häufig betroffen waren Veranstaltungen, bei denen es entweder um LGBT-Rechte oder die Aufarbeitung der Massenmorde an rund einer Million Kommunisten in den Jahren 1965/66 ging – beides Themen, die sowohl den islamischen, als auch den nationalistischen konservativen Kräften ein Dorn im Auge sind.

Polizisten und Moralhüter im Schulterschluss

Auch jeder noch so kleine Verdacht von pornographischen Darstellungen bringt den Mob auf die Straße. Während die Angreifer praktisch immer ungestraft einschüchtern und Gewalt anwenden dürfen, schaut die Polizei entweder tatenlos zu oder erscheint gar gemeinsam mit den selbst ernannten Moralhütern, um die öffentliche Ordnung wiederherzustellen, indem die betreffende Veranstaltung geschlossen wird.

Erst im Mai diesen Jahres etwa wurde eine Ausstellung des Künstlers und Menschenrechtsaktivisten Andreas Iswinarto schon vor der Eröffnung beendet, weil eine anti-kommunistische Jugendorganisation die Veranstalter mit Gewalt bedrohte: Die gezeigten Gemälde beschäftigten sich mit dem unter Suharto verschleppten und vermutlich ermordeten Dichters Wiji Thukul.

Bis heute verhindern alte Seilschaften in Militär und Politik die Aufklärung dieses und tausender anderer Fälle politischer Willkür unter dem ehemaligen Regime. Der seit Jahrzehnten geschürte Hass gegen alles, was in irgendeiner Weise an Kommunismus erinnern könnte, vereint die rechtsradikalen und islamistischen Lager im Land.

Bambang Witjaksono, Kurator der diesjährigen "ArtJog"; Foto: Zora Rahman
Bambang Witjaksono befürchtet, dass die Übergriffe gegen Künstler und Andersdenkende im südostasiatischen Vielvölkerstaat künftig noch weiter zunehmen werden: "Das Ziel dieser Leute ist es, die alten Traditionen Indonesiens zu zerstören. Sie lassen nur eine Wahrheit gelten", meint der sechsmalige Kurator der "ArtJog".

Im Mai 2016 musste eine relativ kleine Ausstellung junger Künstler abgebrochen werden, nachdem sie von einer radikal-islamistischen Gruppe bedroht wurde, weil dort angeblich pornografische und homosexuelle Bilder gezeigt würden. Obwohl das nicht der Wahrheit entsprach, erzwang die Polizei die Schließung des Ausstellungsraumes sowie das Übermalen von Wandgemälden.

Auch die Betreiber des alternativen Kulturzentrums "Survive Garage" erfuhren die Ohnmacht gegenüber diesen sogenannten Bürgerinitiativen am eigenen Leib. Im April 2016 überfielen Dutzende in islamische Gewänder gekleidete Männer den Workshop eines Frauenkollektivs. Obwohl hauptsächlich Frauen und Kinder anwesend waren, drohten die Angreifer mit Bambusstangen und Macheten Gewalt an, sollte die Veranstaltung nicht sofort aufgelöst werden – es ging unter anderem um die Rechte von Frauen und Homosexuellen, außerdem traten "unmoralisch bekleidete" Frauenbands auf und es sei Alkohol konsumiert worden.

Appell für Toleranz und Vielfalt

Anstatt den eingeschüchterten Teilnehmern zu helfen, unterstrichen zugleich anrückende Polizisten mit Warnschüssen die Forderung der Eindringlinge und nahmen einige der Teilnehmer mit auf die Wache – "zu ihrem eigenen Schutz". Die Veranstalter hatten sich kein Vergehen gegen die säkulare Gesetzgebung Indonesiens geleistet.

Dennoch musste "Survive Garage" danach trotz Anstrengung aller legalen Mittel auf Betreiben der Anwohner geschlossen bleiben – bislang ohne jeden Schadenersatz für die bereits im Voraus bezahlte Miete. Heute hat der alternative "Art Space" in einem anderen Viertel wieder eröffnet, das wegen seiner zahlreichen Kunststudios als offener gilt.

"Wir wollen weiter für die Toleranz und Vielfalt in unserem Land kämpfen. Kunst ist ein wichtiges Medium, um die Menschen zu bilden", sagt Fitri Dwi Kurniasih, Mit-Betreiberin des Kulturzentrums. "Aber wir arbeiten jetzt vorsichtiger – der Terror ist noch in unseren Köpfen."

Bambang Witjaksono glaubt, dass es sich bei den genannten Ereignissen nur um den Anfang einer Entwicklung handelt, die in den nächsten Jahren weiter zunehmen wird. "Das Ziel dieser Leute ist es, die alten Traditionen Indonesiens zu zerstören. Sie lassen nur eine Wahrheit gelten", sagt der sechsmalige Kurator der "ArtJog", selbst ein namhafter Popart-Künstler.

"Meine Mission ist es, den Glauben an Indonesien in seiner alten Vielfalt zurückzubringen. Kunst kann die Augen dafür öffnen, was geschieht – und wie man darauf reagieren muss. Wenn wir nichts tun, wird es Krieg geben."

Zora Rahman

© Qantara.de 2017

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