Indien und der "Islamische Staat"

Alles im Griff?

Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Zahl der indischen IS-Rekruten verschwindend gering. Offenbar stoßen die Propaganda-Botschaften der Dschihadisten bei der großen Mehrheit der indischen Muslime auf taube Ohren. Doch die Regierung in Neu Delhi reagiert nervös und setzt auf sicherheitspolitische Maßnahmen, wie Ronald Meinardus berichtet.

In der Außenpolitik Indiens spielt der Nahe Osten traditionell eine eher untergeordnete Rolle. Neu Delhi vermeidet konsequent, in die dortigen Konflikte hineingezogen zu werden. Mehr als einmal haben die Inder dem Westen die kalte Schulter gezeigt, als es um eine direkte Beteiligung am militärischen Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) ging.

Den Indern geht es einerseits um den hehren Grundsatz der Nicht-Einmischung, andererseits gibt es ein wesentlich profaneres Motiv für die nahostpolitische Abstinenz der südasiatischen Großmacht: die Sorge um das leibliche Wohl einer kopfstarken indischen Diaspora im Nahen- und Mittleren Osten.

In der Golfregion arbeiten rund sieben Millionen indische "Gastarbeiter", drei Millionen verdingen sich allein in Saudi-Arabien. Sie zu schützen, ist eine Priorität der indischen Politik. Ein Mittel zum Zweck ist – so das Kalkül – sich aus militärischen Aktionen herauszuhalten.

Zumindest rhetorisch hat Neu Delhi nun dem anhaltenden Druck Washingtons nachgegeben und seine Position in Bezug auf eine Teilnahme an einer internationalen Anti-IS-Front revidiert. "Wir werden teilnehmen, wenn es eine UN-Resolution gibt und (die Mission) unter einer UN-Fahne erfolgt", sagte Indiens Verteidigungsminister Manohar Parrikar.

Dass diese Positionierung nur bedingt belastbar ist, zeigte sich wenige Stunden später, als der Sprecher des indischen Außenministeriums die Worte des Ministers revidierte mit dem Hinweis, es handle sich um "eine hypothetische Situation", Neu Delhi werde sich mit dem Thema befassen, wenn es aktuell wird.

Alarmierte Geheimdienste

Das soll nicht heißen, dass die indische Regierung die Gefahren, die vom islamistischen Terrorismus ausgehen, auf die leichte Schulter nimmt. Spätestens seit IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi im Sommer 2014 auch Indien zum Einzugsgebiet des angestrebten Weltkalifats erklärte, schrillen bei den Geheimdiensten des Subkontinents die Alarmglocken.

Indische Gastarbeiter am Flughafen in Neu Delhi; Foto: SAFIN HAMED/AFP/Getty Images
Sorge um das Wohl der kopfstarken indischen Diaspora in der MENA-Region: "In der Golfregion arbeiten rund sieben Millionen indische 'Gastarbeiter', drei Millionen verdingen sich allein in Saudi-Arabien. Sie zu schützen, ist eine Priorität der indischen Politik. Ein Mittel zum Zweck ist – so das Kalkül – sich aus militärischen Aktionen herauszuhalten", schreibt Meinardus.

Im Zuge der Pariser Anschläge hat das Innenministerium eine aktuelle Bedrohungsanalyse veröffentlicht. Dort heißt es, dass es dem IS "nicht gelungen ist eine nennenswerte Präsenz in Indien zu etablieren". Gleichwohl vermochte die Terrormiliz, einige indische Jugendliche zu radikalisieren. Dies habe die Gefahr von IS-gesponserten Terroraktionen in Indien eröffnet, heißt es in dem Bericht, aus dem die örtlichen Medien ausführlich zitierten.

Rein rechnerisch betrachtet ist Indien ein geeignetes Zielgebiet für islamistische Propaganda. Indiens muslimische Minderheit zählt 180 Millionen Menschen. Nur in Indonesien leben mehr Muslime als in dem südasiatischen Land. Nicht unbegründet ist daher die Sorge, diese Menschen, die vielfach politisch und sozio-ökonomisch marginalisiert sind, könnten ins Fadenkreuz der Rekrutierungs-und Angriffsstrategien der islamistischen Terrormiliz geraten.

In den indischen Medien nimmt das Thema einen breiten Raum ein. Kaum ein Tag, ohne dass die Zeitungen in bisweilen großem Detail von der heimischen Anti-Terror-Front berichten. Oft stützen sich die Redakteure allein auf nicht näher genannte Geheimdienstquellen. Die Berichte sind daher mit der gebotenen Vorsicht zu genießen.

Schenken wir den Veröffentlichungen Glauben, so haben Indiens Behörden sehr genaue Vorstellungen vom Treiben des IS und seiner Zuarbeiter. Demnach schlossen sich bislang 23 indische Jugendliche der Terrormiliz als Kämpfer im Nahen Osten an; von diesen seien sechs bei Kampfhandlungen ums Leben gekommen. Ein Inder habe die Ränge gebrochen und sei reumütig in die Heimat zurückgekehrt.

Mobilisierung durch soziale Medien

Erstaunlich ist, dass die Medien in allen Fällen die Namen der betroffenen Menschen veröffentlichen; teilweise erscheinen auch Interviews mit besorgten Angehörigen. Gut dokumentiert sind die Methoden, mit denen die Islamisten indische Jugendliche für den Dschihad im Nahen Osten anlocken. Im Mittelpunkt stehen die sozialen Medien, die sich in Indien auch in ärmeren sozialen Schichten explosionsartig ausgebreitet haben.

Über digitale Dienste wie Twitter, Facebook oder WhatsApp treten die Rekrutierer mit den Zielpersonen in Kontakt. Dabei sprechen sie vor allem solche Jugendlichen an, die durch pro-islamistische Kommentierungen oder "likes" und "retweets" aufgefallen sind.

Proteste radikaler Islamisten gegen Charlie Hebdo in Kashmir; Foto: picture-alliance/F. Khan
Französische Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" im Visier islamistischer Eiferer: Im Jahr 2007 lösten die Mohammed-Karikaturen in der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" nicht nur in der MENA-Region, sondern auch in Indien zahlreiche Proteste aus. Bereits ein Jahr zuvor wurden in Indien und Pakistan hohe Kopfgelder für die Ermordung der Zeichner der Mohammed-Karikaturen ausgesetzt.

In einem nächsten Schritt kommen beide Seiten ins Gespräch. Am Ende der Kontaktanbahnung  geht es um praktische Fragen der Reise in die nahöstliche Krisenregion und die dortige Aufnahme im Schoße der Terrororganisation.

Die Überwachung des Internets, vor allem der unzähligen Kommunikationsstränge in den sozialen Medien, ist die Speer-Spitze der indischen Anti-IS-Strategie. Hier arbeitet Neu Delhi intensiv mit ausländischen Geheimdiensten zusammen – zeitgleich und intensiv mit US amerikanischen Diensten, den Israelis und den Arabern.

"Schwarze Liste" für "Gefährder"

Die indische Regierung rühmt sich, dass im Zuge der digitalen Vorwärtsverteidigung 150 namentlich bekannte Inder wegen pro-IS-Kommunikation im Internet aktenkundig sind und auf einer "schwarzen Liste" geführt werden. Diese "Gefährder" stehen unter Beobachtung und dürfen das Land nicht verlassen. Medienberichten zufolge haben die Behörden in 30 Fällen verhindern können, dass "Gefährder" Indien in Richtung Syrien oder Irak verlassen.

Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Zahl der indischen IS-Rekruten verschwindend gering. Dafür sind einerseits die hier beschriebenen Überwachungsaktionen verantwortlich. Andererseits ist auch von Bedeutung, dass die Propaganda-Botschaften des "Islamischen Staates" offenbar bei der sehr großen Mehrheit der indischen Muslime auf taube Ohren stoßen.

Für die meisten Inder muslimischen Glaubens ist die arabische Welt eine andere Welt mit wenigen direkten Bezügen. Die heimischen Probleme stehen im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit und des politischen Interesses.

Hat Indien also die tödliche Gefährdung durch den IS im Griff? Glaubt man den offiziellen Beteuerungen könnte man die Frage mit einem klaren "Ja" beantworten. Doch erst die Zukunft wird zeigen, ob das Land mit der größten muslimischen Minderheit der Welt auf Dauer unbeschadet bleibt in einer eskalierenden Konfrontation, die viele längst zu einem globalen Kampf zwischen dem Westen und dem Islam hochstilisiert haben.

Ronald Meinardus

© Qantara.de 2015

Dr. Ronald Meinardus ist Leiter des Regionalbüros Südasien der Friedrich Naumann Stiftung mit Sitz in Neu Delhi.

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