Maikel Nabil Sanad; Foto: &copy Maikel Nabil Sanad

Hungern für ein freies Ägypten

Der ägyptische Blogger Maikel Nabil Sanad wurde vom Militärgericht zu drei Jahren Haft verurteilt. Aus Protest hungert er nun schon seit fast 50 Tagen und ist dem Tode nahe. Viktoria Kleber berichtet.

Das letzte Mal als Nabil Sanad seinen Sohn Maikel gesehen hat, war am Samstag vor einer Woche. Maikel hatte Geburtstag, 26 Jahre alt, doch zum Feiern war keinem zu Mute. Mit seinem Sohn Mark, Maikels Bruder, und einem Kuchen ging der Vater ins Al-Marg Gefängnis. Seit Ende März ist der ägyptische Blogger Maikel Nabils Sanad dort inhaftiert.

"Es ist traurig seinen Geburtstag im Gefängnis zu verbringen", schreibt Maikel in seinem Blog. "Was mich noch trauriger stimmt ist, dass mein Heimatland ohne Vision, Ethik und Menschlichkeit regiert wird."

Fast 50 Tage ist Maikel bereits ohne Nahrung. Rund 15 Kilo hat er inzwischen abgenommen. Seit letzten Mittwoch (5.10.) trinkt Maikel nun auch nicht mehr, aus Protest, dass sein Berufungsverfahren am vergangenen Dienstag (4.10.)  um eine Woche vertagt wurde. Maikels Vater sagt, sein gesundheitlicher Zustand sei lebensbedrohlich, die Nieren hätten bereits versagt, andere Organe leiden. Maikel kann nicht mehr aufstehen, kaum noch sprechen. Er ist dem Tode nahe.

Drei Jahre Haft für Kritik am Militär

Solidaritätskundgebung für Maikel Nabil Sanad vor dem Militärgericht in Kairo; Foto:  Maikel Nabil Sanad
Solidarität für Maikel Nabil Sanad: Sanad wurde für die Veröffentlichung eines Blogeintrags mit der Überschrift "Die Armee und das Volk waren niemals eine Hand" verurteilt. Seit dem 23. August 2011 ist der inhaftierte ägyptische Blogger Maikel Nabil Sanad im Hungerstreik.

​​Seit über einem halben Jahr sitzt Maikel schon im Gefängnis. Das Militärgericht hat ihn für einen Blogeintrag zu drei Jahren Haft verurteilt. Darin wirft er der Armee vor, während der Revolution nicht auf der Seite des Volkes gestanden zu haben und greift damit ein Fundament der Post-Mubarak Ordnung an.

Nach Ansicht des Militärrats stand die Armee zu allen Zeiten auf der Seite der Bevölkerung. "Beleidigung der Armee" lautete das Urteil, außerdem wird ihm die "Verbreitung von Falschinformation" vorgeworfen. Denn im gleichen Eintrag kreidet Maikel dem Militär an, ägyptische Aktivistinnen mit Jungfräulichkeitstests gepeinigt zu haben - eine Tatsache, die das Militär aber erst Wochen nach dem Urteil einräumte.

Maikel fühlt sich ungerecht behandelt, im August trat er dann in den Hungerstreik. "Es gab schon viele Opfer in anderen Ländern, bis auch dort die Menschenrechte anerkannt wurden.", schreibt er in seinem Blog. "Freiheit hat seinen Preis und wir sollten ihn bezahlen."

Für die Freiheit Ägyptens ist Maikel bereit zu sterben. Mit seinem Hungerstreik will er vor allem auf die Willkür der Militärjustiz aufmerksam machen. Denn seit Februar sind nach Angaben der Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" bereits rund 12.000 Zivilisten vor ein Militärtribunal gestellt worden, mehr Menschen als in den gesamten 30 Jahren des Mubarak-Regimes.

Kurzer Prozess

Hier wird kurzer Prozess gemacht: Als Richter, Ankläger und Zeugen sind nur Offiziere geladen, einen eigenen Verteidiger gibt es nicht. Lediglich knapp 800 der Angeklagten wurden freigesprochen, die meisten davon Polizisten oder Personen, die dem Militärregime die Treue halten.

Auch andere Aktivisten und Blogger in Ägypten kämpfen für ihre persönliche Freiheit und die ihres Landes. Seit der Militärrat das Sagen hat, sind einige von ihnen verhört und festgenommen worden. Mit dem Urteil gegen Maikel Nabil Sanad will der Militärrat auch ein Zeichen setzen: Kritik am Militär ist tabu.

Logo von Reporter ohne Grenzen (ROG)
Für den aktuellen kritischen Gesundheitszustand von Sanad macht die Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) den Obersten Rat der ägyptischen Streitkräfte verantwortlich.

​​Doch die meisten Blogger lassen sich nicht einschüchtern, auch nicht Ali Rigel. "Wir haben massive Gewalt von Mubarak und seinem Regime ausgehalten, wenn wir jetzt Angst hätten, würde das keinen Sinn machen." Ali Rigel will so lange weiterringen, bis Ägypten ein demokratischer Staat ist.

Die Blogger bloggen weiter und Maikel hungert weiter. Für den Militärrat ist Maikel ein leichtes Opfer. Andere Blogger wurden schnell wieder freigelassen, sie konnten die Massen mobilisieren. Maikel hat jedoch nur einen kleinen Unterstützerkreis in Ägypten. Mit seinen politischen Äußerungen war er immer schon ein Außenseiter, machte sich in der ägyptischen Gesellschaft unbeliebt.

Maikel ist Atheist, in einem Land, in dem Religion das tägliche Leben der Mehrheit der Bevölkerung bestimmt, eckt er an. Und Maikel ist pro-israelisch, achtet die Meinungsfreiheit und demokratischen Werte des Staates, drückt israelischen Opfern von Terror-Anschlägen sein Bedauern aus. Auch den Wehrdienst hat er offiziell verweigert.

Worte und Taten, für die ihn die breite Masse der Ägypter hasst und die deshalb nicht gegen die Inhaftierung Maikels auf die Straße gehen. Sie lassen dem Militärrat freie Hand. Dass dieser nun auch noch den Berufungs-Prozess vertagt hat, kommt einem Todesurteil gleich.

Denn ob Maikel die Prozesswiederaufnahme noch erlebt, ist ungewiss. Nabil Sanad, Maikels Vater, ist verzweifelt. Er hat die Hoffnung schon aufgegeben, muß er doch befürchten, dass er seinen Sohn an seinem Geburtstag zum letzten Mal gesehen hat. "Ich warte jeden Moment auf einen Anruf von jemanden, der mir sagt: Maikel ist tot, komm und hole seinen Leichnam."

Viktoria Kleber

© Deutsche Welle 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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