Historische Wurzeln der aktuellen Nahost-Krisen

Aus Krieg folgt Krieg

Nach dem Ersten Weltkrieg hofften viele auf eine dauerhafte Friedensordnung. Dem Nahen Osten sollte das Mandatssystem eine neue Form des "wohlwollenden" Imperialismus unter Aufsicht der internationalen Gemeinschaft bringen. Doch die damals angelegten Probleme beherrschen die Region immer noch – heute stärker als jemals zuvor. Von Jakob Krais

Ein zersplittertes Syrien versinkt im Chaos. Im Irak kommt es zu Aufständen, in einigen Regionen des Maschreks versuchen die Kurden, ihre Autonomie durchzusetzen. Im Westjordanland führen arabische Anschläge auf jüdische Siedler zu entsprechenden Gegenreaktionen. Und schließlich wird ein neuer Kalif ausgerufen, den aber nur seine Anhänger anerkennen. Ein paar Jahre nach der Aufbruchsstimmung macht sich allenthalben Ernüchterung breit.

Was sich liest, wie eine Aufzählung der Ereignisse des Jahres 2014 im Nahen Osten, beschreibt tatsächlich die Situation in der Region Mitte der 1920er Jahre. Während das zu Ende gehende Jahr im Zeichen des Gedenkens an den Ersten Weltkrieg stand, scheint kaum jemand die aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten mit den Folgen des großen Konflikts vor einem Jahrhundert in Zusammenhang zu bringen. Dabei wurde nach Kriegsende nicht nur die Landkarte Europas neu gezeichnet, sondern auch die des Nahen Ostens.

Der Untergang des Kalifats – vom Osmanischen Reich nach Saudi-Arabien

Am Ende des Ersten Weltkriegs waren die Osmanen besiegt, in Damaskus wurde ein arabisches Reich ausgerufen – die Unabhängigkeit der Völker in der Region schien bevorzustehen. Kurze Zeit später stand der Nahe Osten von den kurdischen Siedlungsgebieten im Norden bis hinunter ans Rote Meer und den Persischen Golf unter der Herrschaft der führenden europäischen Kolonialmächte.

Mit dem Osmanischen Reich fiel ein gemeinsames Dach weg, das lange das Zusammenleben der unterschiedlichsten Völker gewährleistet hatte. Die neue Türkei dagegen verfolgte unter Mustafa Kemal nicht nur eine nationalistische Politik, sondern auch eine antireligiöse: 1924 schaffte das Parlament in Ankara offiziell das Kalifat ab, das zuletzt die Osmanen innegehabt hatten. Es ist kein Zufall, dass die modernen islamistischen Bewegungen, von denen viele bis heute eine Rückkehr zum Kalifat propagieren, sich in den folgenden Jahren entwickelten.

Nach dem offiziellen Kriegseintritt des Osmanischen Reichs ruft der Scheich ul-Islam von Konstantinopel am 14. November 1914 den "Heiligen Krieg" aus; Foto: picture-alliance
Der Anfang vom Ende des Osmanischen Reichs: Nach dem offiziellen Kriegseintritt des Osmanischen Reichs ruft der Scheich ul-Islam von Konstantinopel am 14. November 1914 den "Heiligen Krieg" aus.

In Aktion trat damals freilich zunächst ein alteingesessener Herrscher: Scherif Hussein von Mekka erklärte sich zum neuen Kalifen – die Briten hatten ihm Jahre vorher Unterstützung zugesagt –, nur um umgehend von saudischen Truppen aus der heiligen Stadt vertrieben zu werden. Seitdem kontrollieren die Herrscher Saudi-Arabiens Mekka und Medina und versuchen, mit ihrem strengen wahhabitischen Glauben zur islamischen Führungsmacht aufzusteigen.

Die Kunst der Diplomatie und die Künstlichkeit der Staaten

Außerdem besteht bis heute das Staatensystem, das die europäischen Siegermächte damals aus den Trümmern des Osmanischen Reichs errichteten. Auf Grundlage der Abmachungen zwischen einem britischen und einem französischen Diplomaten in dem nach ihnen benannten Sykes-Picot-Abkommen wurden ab 1920 die Grenzen in der Region neu gezogen.

Das neue Staatensystem des arabischen Ostens galt vielen von Anfang an als künstlich. Offiziell waren die Gebiete keine britischen und französischen Kolonien, sondern vom Völkerbund vergebene Mandate, die nur zeitweilig von Europa aus regiert werden sollten, bis die Völker des Nahen Ostens – die ihre Meinung dazu nicht äußern durften – reif für die Unabhängigkeit sein würden.

Den offensichtlichsten Widerspruch hatte die britische Geheimdiplomatie in Palästina geschaffen, das arabische Nationalisten für sich reklamierten, während die Zionisten dort ihre Utopie vom jüdischen Staat realisieren wollten. Aber auch anderswo ergaben die neuen Nationen sich nicht einfach von selbst.

Jordanien: die Erfindung der Nation

Die eigens gegründeten Staaten Irak und Transjordanien nutzte die Regierung in London, um ihre ehemaligen Verbündeten gegen die Osmanen zufrieden zu stellen: Zwei Söhne des Scherifen Hussein herrschten nun in Bagdad und Amman – natürlich unterstützt (beziehungsweise kontrolliert) von Beratern aus London.

Winston Churchchill; Foto: Getty Images
"Wenn Faisal im Irak weiß, dass nicht nur die materielle Unterstützung seines Vaters Hussein und der Schutz der Heiligen Stätten vor einem wahhabitischen Angriff, sondern auch die Stellung seines Bruders Abdallah in Transjordanien von seinem eigenen Wohlverhalten uns gegenüber abhängt, dann wird er viel leichter zu handhaben sein“, so fasste Winston Churchill, damals Kolonialminister, 1921 die britische Unterstützung der Mandate auf ihrem Weg in die Unabhängigkeit zusammen.

"Wenn Faisal im Irak weiß, dass nicht nur die materielle Unterstützung seines Vaters Hussein und der Schutz der Heiligen Stätten vor einem wahhabitischen Angriff, sondern auch die Stellung seines Bruders Abdallah in Transjordanien von seinem eigenen Wohlverhalten uns gegenüber abhängt", so fasste Winston Churchill, damals Kolonialminister, 1921 die britische Unterstützung der Mandate auf ihrem Weg in die Unabhängigkeit zusammen, "dann wird er viel leichter zu handhaben sein." Im Nahen Osten hatte die Ära westlicher Einflussnahme auf nominell einheimische Regierungen begonnen.

Jordanien bezieht seine nationale Identität dennoch bis heute vor allem aus der regierenden Dynastie – der von den Briten inthronisierte Abdallah I. war der Urgroßvater des gegenwärtigen Königs Abdallah II. Ursprünglich sollte Jordanien dabei gar kein eigener Staat werden, sondern zu Palästina gehören. Erst als der britische Hochkommissar den Jordan als Grenze für jüdische Siedlungen bestimmte, entstand das Land jenseits dieses Flusses, Transjordanien, als eigene Einheit.

Bei dieser Entstehungsgeschichte ist es kein Wunder, dass israelische Politiker Jordanien immer wieder als eine Art Ersatz-Palästina ins Spiel gebracht haben, das einfach alle Araber von westlich des Jordan aufnehmen könne.

Der Irak: das zersprungene Mosaik

Andernorts schufen die recht willkürlichen Grenzziehungen wahre Mosaiken aus verschiedenen Volksgruppen. Das größte der neuen Länder, der Irak, wurde etwa aus drei ehemaligen osmanischen Provinzen zusammengesetzt und war dem entsprechend heterogen: Um Mossul lebten vorwiegend sunnitische Kurden, die sich nach Anatolien orientierten, um Bagdad sunnitische Araber, die nach Syrien blickten, und um Basra schiitische Araber, die enge Verbindungen nach Iran pflegten.

Dazu kamen kleinere Minderheiten wie die sunnitischen Turkmenen, die christlichen Assyrer oder die Jesiden. Sie alle wagten irgendwann den Aufstand gegen die sunnitische Regierung in Bagdad – und wurden mithilfe der britischen Luftwaffe zurückgeschlagen.

Grenzziehung im Rahmen des Sykes-Picot-Abkommens; Infografik: DW
Willkürliche Grenzziehung im imperialen Interesse: Auf Grundlage der Abmachungen zwischen einem britischen und einem französischen Diplomaten in dem nach ihnen benannten Sykes-Picot-Abkommen wurden ab 1920 die Grenzen im Nahen- und Mittleren Osten neu gezogen. Das neue Staatensystem des arabischen Ostens galt vielen von Anfang an als künstlich.

Die Dominanz der sunnitisch-arabischen Minderheit im Irak kam übrigens erst 2003 mit dem Sturz Saddam Husseins zum Ende – ausgerechnet durch eine westliche Intervention, wie sie auch den irakischen Staat ursprünglich errichtet hatte. Seitdem hat die schiitische Regierung in Bagdad zum einen die Kontrolle über die faktisch unabhängigen Kurdengebiete verloren und sieht sich nun auch noch dem Aufstand der sunnitischen IS-Miliz gegenüber: Die Situation hat sich umgekehrt, die Fragilität des Irak aber ist geblieben.

Syrien und Libanon: die Alternative heißt Konfessionalismus

Die Franzosen gingen in ihrem Mandatsgebiet zunächst den entgegengesetzten Weg. In Syrien entstanden gleich fünf neue Einheiten, deren Grenzen auf konfessioneller Grundlage gezogen wurden. Während die Staaten der Drusen im Süden und der Alawiten an der Mittelmeerküste nach größeren Rebellionen 1930 mit dem sunnitisch dominierten Kernland zur Republik Syrien zusammengelegt wurden, besteht der Libanon bis heute.

Dieser kleinste durch das Mandatssystem entstandene Staat wies von Anfang an eine ähnliche Vielfalt auf wie der vierzigmal größere Irak: Geplant als Heimat für die Maroniten – arabische Christen, die man in Frankreich schon lange als besondere Schützlinge betrachtete –, umfasste das in Paris markierte Territorium auf einmal weit mehr als das Libanongebirge, wo die Christen lebten. Nun hatte der Libanon zahlreiche Bürger, die sich eher als Syrer oder einfach als sunnitisch-muslimische Araber verstanden – mit Beirut fand sich gar eines der überregionalen Zentren der arabischen Welt auf einmal in dem kleinen christlich dominierten Staat wieder.

Obwohl als maronitischer Staat ins Leben gerufen – noch heute muss der libanesische Staatspräsident stets Maronit sein –, sind im Libanon insgesamt 18 christliche, muslimische und jüdische Religionsgemeinschaften anerkannt. Spätestens seit dem Bürgerkrieg der 1970er und 1980er Jahre wird die Politik völlig vom Konfessionalismus beherrscht.

Mit dem momentanen Krieg in Syrien scheinen die Staatsgrenzen gegenüber diesen konfessionellen Identitäten immer weiter an Bedeutung zu verlieren: Am bekanntesten dürfte die Unterstützung der schiitischen libanesischen Hisbollah für das alawitisch geprägte (und iranfreundliche) syrische Regime sein. Aber auch Sunniten, Drusen und verschiedene christliche Gruppen leben im Libanon wie in Syrien.

Durch den Konflikt treten diese Religionsgemeinschaften in beiden Ländern immer stärker als Lokalmächte mit eigenen Milizen auf. Wie im Irak scheint dadurch eine Stabilisierung des Zentralstaats in immer weitere Ferne zu rücken – möglicherweise ist das aus dem Sykes-Picot-Abkommen hervorgegangen "künstliche" Staatensystem nach fast 100 Jahren tatsächlich am Ende.

Jakob Krais

© Qantara.de 2015

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Leserkommentare zum Artikel: Aus Krieg folgt Krieg

Der deutsche Sozialdemokrat Dr. Friedrich Schrader hat schon 1919 gesehen, dass das Durchprügeln ethnisch-nationalistischer Ideologien in Nahost in die Katastrophe führt: „Wir dürfen auch im Ausland nicht, wie wir bisher getan haben, stets zu der Partei halten, die es auf Vergewaltigung wichtiger Kulturelemente zugunsten der eigenen nationalen Vorherrschaft abgesehen hat. Das wird sich stets rächen, wie es sich in der Türkei gerächt hat. Wir hätten nicht türkischer sein dürfen als der Türke.“ – Friedrich Schrader, Eine Flüchtlingsreise, Tübingen 1919, S. 112/113

Eine Alternative, wie man einen Vielvölkerstaat wie das Osmanische Reich nach demokratischen Prinzipien hätte anders organisieren können, hat vor dem ersten Weltkrieg der österreichische Sozialdemokrat Dr. Karl Renner ausgearbeitet: das sogenannte "Personalverbandsprinzip", das allerdings für das damalige Osteuropa gedacht war und nicht für den Nahen Osten. Mit der "Balkanisierung des Nahen Ostens", die Hannah Arendt schon unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg diagnostiziert hat, wäre dieses Modell aber spätestens auch für den Nahen Osten interessant.

Egmont Zechlin hat in seiner berühmten Studie "Die deutsche Politik und die Juden im Ersten Weltkrieg" das Personalverbandsprinzip eingehend diskutiert, worauf 1971 der damalige Papst der deutschen Politikwissenschaften, Ernst Fraenkel, in seiner Buchbesprechung in "DIE ZEIT" ausdrücklich hingewiesen hat:

Ernst Fraenkel: Ostjuden ohne Hoffnung: DIE ZEIT, Ausgabe 14/1971, 2.4.1971

"Zechlin beschreibt in dem wohl faszinierendsten Abschnitt seines Werkes ein Experiment, das im Jahre 1918 in der Ukraine ausprobiert wurde: Dort wollte man das Personalverbandsprinzip realisieren. Es läßt sich nicht übersehen, daß diesem Prinzip Zechlins Sympathien gehören. 1919 taucht es in den Vorschlägen wieder auf, die von den großen amerikanischen und englischen jüdischen Organisationen der Versailler Friedenskonferenz vorgelegt wurden, um das Problem der Ostjuden zu lösen. Im Grunde stellte das Personalverbandsprinzip nichts anderes dar als die Anwendung der Pluralismustheorie auf die Nationalitätenfrage. Kein Wunder, daß es von Stalin bereits in der Zeit vor 1914 leidenschaftlich abgelehnt worden ist."

Friedrich Schrader16.01.2015 | 11:18 Uhr