Historische Fotografien aus dem Iran

Ins Herz der Schia

Der schiitische Islam ist vielen Menschen im Westen weitgehend fremd. Doch dem deutschen Fotograf Hans Georg Berger gelang mit seinen Fotos aus den Zentren des schiitischen Islams ein ungewöhnlich tiefgehender Einblick. Von Marian Brehmer

Beklemmend, unheimlich, in seiner medialen Repräsentation befremdend - mehr noch als der sunnitische Islam erscheint die Schia uns eigenartig anders. Bilder vom schwarzen Tschador, von fäustereckenden Demonstranten aus der Zeit der Islamischen Revolution und von selbstgefälligen Mullahs haben unser Bild der Religiosität im Iran lange klischeehaft geprägt. Das Land wurde damit in eine finstere Ecke gerückt, aus der es bis heute nicht ganz herausgekommen ist.

Als der deutsche Fotograf Hans Georg Berger zum ersten Mal im Zentrum von Isfahan eine sogenannte Hauza, ein schiitisches Theologiezentrum, besuchte, war er beeindruckt von der auffälligen Harmonie und durchdringenden Stille der Anlage.

Die Schule, so schreibt Berger, war "von solchem Ebenmaß, von solch unirdischer Schönheit, dass es mir den Atem verschlägt". Der Berührung folgte die Idee: In den Jahren 2000 bis 2005 verschrieb sich Berger einem Fotoprojekt, in dem er das Leben in den Koranschulen der Städte Isfahan, Qom und Mashhad einfing. Seine nun im Bildband "Einsicht. Drei Reisen in die innerste Welt des schiitischen Islam" erschienenen Fotografien führen den Leser ins Herz der Schia.

Unwissenheit als Arbeitsprinzip

Berger, der zuvor bereits in anderen Regionen der Welt verschiedene Religionsgemeinschaften fotografiert hatte - etwa die Buddhisten in Laos - nähert sich grundsätzlich bei seinem Vorhaben mit der Grundhaltung eines Anfängers. Seine Unwissenheit, so schreibt der Fotograf im Vorwort, erhob er zum Arbeitsprinzip. So entstand eine dynamische Beziehung zwischen dem Unwissendem und den Wissenden, konnte Berger durch aufrichtiges Interesse an der fremden Religion das Vertrauen der Menschen in den religiösen Schulen, den sogenannten Madressen gewinnen.

Aus seiner Einführung in das Thema zu Beginn des Buches spricht Kenntnis, die sich Berger durch lange Vorgespräche mit den von ihm porträtieren Personengruppen aneignete. Auch an den Porträts im Buch, die sowohl Theologieschüler verschiedener Altersgruppen als auch Lehrende zeigen, ist erkennbar, dass sich Berger grundsätzlich viel Zeit bei seiner Arbeit gelassen hat. Seine Subjekte wirken entspannt, selbstbewusst und stets auf Augenhöhe mit dem Fotografen.

In den Gesichtern spiegeln sich Sammlung und Konzentration sowie oft auch eine Feinheit, die den Betrachter bisweilen überraschen mag. Anfängliche Bedenken ob des Bilderverbots im Islam zerschlugen sich, stattdessen entstanden zwischen Berger und seinen Studenten angeregte Gespräche über Kunst und Transzendenz.

Bergers Buch lässt uns an der alltäglichen Normalität in den Hauzas teilhaben: Ein Foto aus einer Lehrveranstaltung in Qom zeigt Mullahs beim Literaturstudium, während ein kleiner Junge neben ihnen am Boden spielt. Andere Aufnahmen sind in ordentlichen Bibliotheken entstanden, bei Predigten oder theologischen Diskussionen zwischen Lernenden und Lehrenden - ob in den Nischen der verzierten persischen Moscheen, auf ausgerollten Teppichmatten oder in den Gartenanlagen der Schulen.

Respektvoller Dialog als vertrauensbildende Maßnahme

Es war vor allem der Stellenwert des Dialogs im schiitischen Islam, der es dem westlichen "Außenseiter" mit dem Fotoapparat ermöglichte, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. In der Schia spielt der akademische Austausch, die theologische Unterhaltung, eine zentrale Rolle. Hiermit verknüpft ist die Überzeugung, dass intellektuelle Anstrengung jede Frage zu lösen vermag - auch jene nach Gott und Transzendenz.

Berger bringt hier ein Beispiel aus seiner Recherche: Selbst eine Begegnung mit einem der Fotografie zunächst zutiefst skeptisch eingestellten Groß-Ayatollah konnte er durch respektvollen Dialog für sich gewinnen. Am Ende ließ sich der Ayatollah sogar fotografieren.

Hans Georg Berger: "Einsicht. Drei Reisen in die innerste Welt des schiitischen Islam"
"Bergers umsichtiger und entschleunigter Umgang mit der Fotografie ist eine Wohltat angesichts des schnelllebigen Bildjournalismus", schreibt Marian Brehmer. "Die Fähigkeit, konzentriert zuzuhören und nachhaltig zu sehen, bildet eine Herangehensweise, die es heute mehr denn je zu kultivieren gilt."

Auf diese Weise öffneten sich dem Fotografen viele Türen, selbst jene zur renommierten Fehzieh-Universität in Qom – die einstige Keimzelle der Islamischen Revolution von 1979. Bis heute ist sie das wichtigste Zentrum der schiitischen Lehre. Jahrzehntelang waren dort keine Fotos entstanden, doch für Berger machte man eine Ausnahme.

Je mehr wir uns der Welt öffnen, die Berger durch seine Fotos sprechen lässt, desto mehr lösen sich in uns Zerrbilder auf, an deren Stelle sich eine ganz andere Realität stellt: In den langen Gewändern und Turbanen der Geistlichen stecken keine irrationalen religiösen Eiferer, sondern Menschen, die neben ihrem Religionsstudium nach Lebenserfahrung, Begegnungen und Freundschaften suchen. Und so bleibt zwar am Ende eine kulturelle Distanz zu den Protagonisten, aber keinesfalls eine menschliche.

Der Kunsthistoriker Boris von Brauchitsch drückt dies passend in seinem Vorwort mit folgendem wichtigen Satz aus: "Es gibt nicht den Islam, das Christentum oder den Buddhismus, sondern in jeder Kultur, mag sie von fern auch noch so monolithisch erscheinen, vor allem Individuen, die vielfältige Wünsche und Bedürfnisse besitzen, Bedürfnisse, die sich im innersten Kern weit weniger voneinander unterscheiden, als ein Gelichter von Machtstrategen und religiösen Führern glauben machen möchte".

Kadscharen-Fotografie als schiitischer Kulturerhalt

Eine weitere Darstellungsebene im Bildband sind die Fotografien schiitischer Geistlicher, die unter der Kadscharen-Dynastie im Iran des 19. Jahrhunderts entstanden. Nach der Übernahme des Zweistromlandes durch die Osmanen im Jahr 1794 fürchtete man im Iran, dass die Trennung der schiitischen Heiligtümer vom iranischen Staatsgebiet zu einem Verlust der schiitischen Identität führen könnte.

So ließ der Kadscharen-Kaiser Naser al-Din Schah auf einer Reise nach Kerbala im Jahr 1871 Fotos von schiitischen Pilgerstätten und Geistlichen aufnehmen, die uns heute etwas von der Kontinuität des schiitischen Kulturerbes erzählen. Durch die Gegenüberstellung der historischen Fotos mit Bergers Aufnahmen entsteht so das Bild einer stolzen ungebrochenen Tradition der Gelehrsamkeit, von der im Westen wenig bekannt ist.

Natürlich spielte, das lässt sich nicht vermeiden, auch moderne Zeitgeschichte und Politik eine Rolle in Bergers Recherche, wurde zum Gesprächsgegenstand zwischen ihm und seinen Sujets, drängte sich jedoch nie zu sehr in den Raum. Letztendlich liegt der Verdienst des Buches gerade darin, dass es uns jenseits des Politischen führt und uns dabei hilft, unseren Tunnelblick, der womöglich simplen medialen Narrativen entstammt, abzulegen.

Bergers umsichtiger und entschleunigter Umgang mit der Fotografie ist eine Wohltat angesichts des schnelllebigen Bildjournalismus. Die Fähigkeit, konzentriert zuzuhören und nachhaltig zu sehen, bildet eine Herangehensweise, die es heute mehr denn je zu kultivieren gilt.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2018

Hans Georg Berger: "Einsicht. Drei Reisen in die innerste Welt des schiitischen Islam", Hrsg.: Boris von Brauchitsch & Saeid Edalatnejad, Verlag Kehrer 2017, 248 Seiten, ISBN 978-3-86828-818-6

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