CD-Cover der Band ''The Orphaned Land''
Heavy Metal eint Juden und Muslime im Nahen Osten

Koexistenz als reale Chance

Während sich das Verhältnis Israels zur arabischen und muslimischen Welt in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert hat, schafft es eine israelische Heavy Metal-Band, Tausende Juden und Muslime im ganzen Nahen Osten zusammenzubringen. Von Roi Ben-Yehuda

Orphaned Land, der bekanntesten Heavy Metal-Band Israels, sagt man nicht nur nach, das Genre des Nahost-Metals zu erneuern, es gelingt ihr nebenbei auch noch, zahlreiche Anhänger in den arabischen Nachbarländern zu begeistern, aber auch in anderen Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit – etwa in der Türkei , im Libanon, in Syrien, Jordanien, Saudi-Arabien und im Iran, und das trotz des Umstandes, dass ihre Musik in vielen dieser Länder verboten ist.

Orphaned Land, deren Mitglieder nicht offen politisch eingestellt sind, freuen sich dennoch darüber, dass sie eine Realität der Koexistenz geschaffen haben, die sowohl den Politikern als auch den Friedensaktivisten bisher entgangen ist.

CD-Cover der Metal-Band Orphaned Land
Raue Klänge für Verständigung und Dialog im Nahen Osten: die israelische Band "Orphaned Land" setzt sich für eine friedliche Koexistenz zwischen Juden und Muslimen ein

​​Sie sprechen oft davon, wie es der Macht der Musik gelingt, aus vermeintlichen Feinden Freunde zu machen. Und sie loben häufig die Zusammenarbeit mit arabischen und muslimischen Künstlern. Außerdem ermöglichen sie es den Fans in einer Reihe von Staaten im Nahen Osten und in Nordafrika, sich ihre neue CD kostenfrei im Internet herunterzuladen.

Friedenspreis für "Metalheads"

Als Antwort auf die vielseitigen Initiativen der Band widmete das iranische Rock-Magazin Divan der Band nicht nur eine Titelseite, sondern auch einen Artikel auf acht Doppelseiten. Schon 2010 wurde der Gruppe für ihren Beitrag zur Verständigung zwischen Muslimen und Juden im Nahen Osten von der Istanbuler Handelsuniversität ein Friedenspreis verliehen. Und im Februar dieses Jahres erhielt die Band den "Friendship and Peace Award" aus der Hand von Dr. Huseyin Tugcu, einem Berater von Premierminister Recep Tayyip Erdoğan.

Dies war während einer Fünf-Städte-Tournee durch die Türkei, deren Einnahmen zum Teil (die kompletten Einnahmen des Konzertes in Istanbul) den Opfern eines kurz zuvor geschehenen Erdbebens zugute kamen.

Wie war das alles möglich und was können wir daraus lernen? Die Geschichte einer israelischen Rockband und ihres überraschenden Erfolges in der muslimischen und arabischen Welt beruht auf drei Ursachen: Musik, Beispiele der Kooperation und der Gemeinschaft.

Heavy Metal ist ein Genre, das im Nahen Osten und Nordafrika noch im Wachsen begriffen ist. Orphaned Land leistet hier Pionierarbeit, indem es Heavy Metal mit dem Klang traditioneller Instrumente aus der Region, mit ihren Melodien und ihrem Rhythmen kombiniert.

Damit schafften es die Musiker nicht nur, die Sensibilität für diese künstlerischen Elemente der Region anzusprechen, sondern auch den Beweis zu erbringen, dass die Wurzeln der Juden im Nahen Osten liegen und dass ihr Engagement im Zeitalter der Globalisierung nicht unbedingt dazu führen muss, dass ihre in der Region verwurzelte Kultur verschwindet.

Songtexte aus Torah, Neuem Testament und Koran

In ihren Texten, die oft vom Kampf des Lichts mit der Dunkelheit handeln und die sie in englischer, arabischer und hebräischer Sprache vortragen, verwenden Orphaned Land Zitate aus der Torah, dem Neuen Testament und dem Koran – was ihnen im letzten Fall auch Kritik einbrachte. Mit ihrer Vision einer ökumenischen Spiritualität gelang es der Band aber auch, eine sich unvermindert ausbreitende religiöse Sensibilität anzusprechen, die ein wesentlicher Bestandteil des modernen Nahen Ostens ist.

Wie um ein Vorbild für eine gelungene Kooperation abzugeben, arbeitete Orphaned Land in den letzten Jahren immer wieder mit muslimischen und arabischen Künstlern zusammen. Für ihr Album The Never Ending Way of OrwarriOR aus dem Jahr 2010 holte sich die Band das Arab Orchestra of Nazareth ins Studio und ließ den jordanischen Künstler Zen Two das Cover der CD gestalten. Und in diesem Jahr begab sich die Gruppe auf eine Europa-Tournee, begleitet von einer libanesischen Bauchtänzerin und Vorbands mit tunesischen und algerischen Wurzeln – die erste jüdisch-muslimische Heavy Metal-Tournee überhaupt.

Für Orphaned Land und die Künstler, mit denen sie zusammenarbeiten, ist diese Art der Kooperation nur ein kleines Beispiel, das aber zeigt, dass Koexistenz eine reale Möglichkeit ist.

Der vielleicht beeindruckendste Aspekt des Phänomens Orphaned Land aber ist die Gemeinschaft, die sich um die Band herum gebildet hat: Die offizielle Facebook-Seite von Orphaned Land zählt inzwischen über 60.000 Mitglieder; Fans aus der ganzen Welt nutzen es, um ihre Nachrichten an die Band zu senden, Artikel und Videos hinzuzufügen und mit anderen Fans zu interagieren.

Neue Sichtweise des Konfliktes

Orphaned Land live auf dem Summer Breeze Open Air; Foto: Flickr
Populär über Grenzen hinweg: Zusammen mit muslimischen und arabischen Künstlern startete "Orphaned Land" die weltweit erste jüdisch-muslimische Heavy Metal-Tournee

​​Die Bedeutung der "Orphaned Land-Fanbase" liegt in den immer engeren Verbindungen und gemeinsamen Identitäten, die sich so gebildet haben. Viele Fans behaupten von sich selbst, dass sich, seitdem sie Orphaned Land regelmäßig hören, ihr gegenseitiges Verständnis gewandelt habe und auch ihre Sichtweise auf den Konflikt. Erstmals seien sie in der Lage, das Potential für einen positiven Wandel zu erkennen.

Viele werden Orphaned Land als Verirrung ohne wirklich Bedeutung abtun. Denn was ist schon die Geschichte einer israelischen Band mit arabischen und muslimischen Fans im Vergleich zu den politischen Schlagzeilen, die wir jeden Tag lesen müssen? Doch solche Ansichten wären wohl zu simpel. Es hieße, die verändernde Kraft zu unterschätzen, die diese Gruppe bereits unter Beweis gestellt hat.

Orphaned Land hat die zerstörerischen Muster der Wahrnehmung und der Kommunikation geschwächt und geholfen, neue Formen der Verständigung zu erschaffen. Es geht nicht darum, dass wir all unsere Hoffnung in eine Heavy Metal-Band setzen. Es kommt darauf an, uns darüber bewusst zu werden, wie und wo ein positiver Wandel seinen Ursprung haben kann.

Roi Ben-Yehuda

© Common Ground News Service 2012

Roi Ben-Yehuda ist Professor für Konfliktlösung am John Jay College für Strafrecht in New York City. Außerdem ist er Doktorand an der Columbia University und George Mason University.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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