Habib Selmis Roman: "Meine Zeit mit Marie-Claire"

West-östlicher Liebeszwist

Der tunesisch-französische Autor Habib Selmi gilt als einer der wichtigsten tunesischen Autoren arabischer Sprache. Seinen neuen Roman, der die Beziehung eines tunesischen Einwanderers mit einer lebensfrohen Pariserin schildert, sieht Volker Kaminski in der Nähe der großen Liebesromane der Weltliteratur.

Habib Selmi; Foto: Lenos Verlag
Der 1951 in Kairuan (Tunesien) geborene Schrifsteller Habib Selmi legt mit seinem neuen Buch ein einfühlsames Drama über das "Rätsel der Liebe" vor.

​​ Machfudh, ein tunesischer Einwanderer, glaubt nicht an die Liebe. Er führt in Paris das Leben eines Einzelgängers und flaniert wie ein moderner Nachfahre von Hermann Hesses "Steppenwolf" durch die nächtliche Großstadt. Tagsüber unterrichtet er als Privatdozent arabische Literatur an der Universität, doch nachts zieht es ihn hinaus, ruhelos streicht er durch die verlassenen Straßen, bis er bei dem Hotel ankommt, wo er als Nachtportier sein Geld verdient.

Eines Tages jedoch trifft er die Liebe seines Lebens. Er begegnet ihr – wie könnte es in Paris anders sein – in einem Café, die junge Frau sitzt allein an einem Tisch. Schnell sind erste Blicke getauscht, ein paar belanglose Sätze gewechselt. Machfudh zieht den Stuhl an Marie-Claires Tisch – er braucht, wie es im Roman heißt, dazu nicht einmal aufzustehen: "eine kleine Drehung genügte, um ihr gegenüberzusitzen", und nach einem ersten intensiven Flirt nimmt ihre Liebesgeschichte ihren Lauf.

Es scheint, als ob Machfudh keine bessere Frau hätte treffen können. Marie-Claire, eine lebenslustige, etwas gewöhnliche, aber liebenswerte Pariserin, träumt von der großen Welt. Offenherzig bekennt sie, sie habe während ihres zwei Jahre dauernden Studiums (das sie abbrach, weil sie keine Lehrerin werden wollte) viele "tolle Jungs" kennengelernt, Männer aus Guadeloupe, Martinique und Algerien, sie habe "die wundervollsten ausländischen Romane" gelesen und sei mit dem Auto durch mehrere Länder getourt. Machfudh verliebt sich auf Anhieb in die temperamentvolle Frau, und so scheint es für beide eine Win-win-Situation, als Marie-Claire nach ein paar Monaten ihre Mansardenwohnung aufgibt und zu Machfudh zieht.

Kulturelle Kluft oder alltägliche Beziehungsprobleme?

Doch Machfudh kommt mit seiner neuen Rolle als Partner in einer festen Beziehung nur schwer zurecht. In der ersten Zeit genießt er Marie-Claires Gegenwart zwar, ist verrückt nach ihrem Körper, ihrem Geruch, ihrer Ausstrahlung; Marie-Claire krempelt sein ganzes Leben um, gestaltet seine in ihren Augen altmodisch eingerichtete Wohnung vollständig neu, entfernt Tapeten, Teppiche, besorgt moderne Möbel und schafft sich und ihm ein Zuhause. Doch dann stellen sich erste Probleme ein, Streit und Eifersüchteleien häufen sich, und der Leser fragt sich, ob diese Schwierigkeiten eher von der kulturellen Kluft zwischen ihnen herrühren oder ob es sich um "gewöhnliche" Beziehungsprobleme handelt, wie sie in der Welt alltäglich sind.

​​ Habib Selmi hat mit seinem siebten Roman, der 2009 auf der Shortlist des Arabischen Booker Prize stand, auf leichte, unterhaltsame Weise die Möglichkeiten einer stabilen arabisch-europäischen Liebesbeziehung ausgelotet. Er beobachtet genau und subtil die verschiedenen Wahrnehmungen der jeweiligen Seite, die unterschiedlichen Herangehensweisen an das Leben. Wie in einem Experiment, bei dem das Kräftespiel eines Multi-Kulti-Paares ermittelt werden soll, verfolgt der Roman Schritt für Schritt den Prozess der Anziehung und Abstoßung in einer zeitgenössischen Liebesbeziehung, die zuerst wie im Rausch beginnt und schließlich kläglich endet.

Das Porträt, das der Erzähler von Marie-Claire entwirft, ist einfühlsam und genau. Es ist nicht nur die Liebe zu ihren Pflanzen, sondern ihre angenehme Sensibilität insgesamt, die sie uns sympathisch macht. Ihr Interesse an Machfudhs Leben und Herkunft ist ehrlich, ihre Rücksichtnahme gegenüber seinen Wünschen groß.

Melancholische Ernsthaftigkeit

Machfudh dagegen, der Ich-Erzähler, erfüllt bei aller herkunftsbedingten Fremdheit keineswegs das Klischee des arabischen Liebhabers. Er ist ein zurückhaltender, introvertierter Mann, dem die Züge eines dominanten Draufgängers fehlen. Umso schmerzlicher ist das Scheitern seiner so romantisch begonnenen Liebesbeziehung. Als würde dem Erzähler dieser Zusammenhang selbst bewusst, sucht er in seiner Geschichte nach den Gründen des Scheiterns.

Akribisch genau, geradezu protokollhaft, wird der gemeinsame Alltag unter die Lupe genommen, die Aufs und Abs beschrieben, das Vergehen der Tage und Monate festgehalten. Ein gemeinsamer Kretaurlaub auf einem Campingplatz stellt einen Höhepunkt dar, dem vor allem wegen Machfudhs unbesiegbarer Ungeschicklichkeit durchaus groteske Züge anhaften. Dadurch gewinnt dieser Roman auch komische Seiten, obwohl er ansonsten von einem melancholischen Ernst getragen ist.

Pariser Café; Foto: AP
Begegnung in einem Pariser Café: Wie in einem Experiment, bei dem das Kräftespiel eines Multi-Kulti-Paares ermittelt werden soll, verfolgt der Roman Schritt für Schritt den Prozess der Anziehung und Abstoßung in einer zeitgenössischen Liebesbeziehung, schreibt Kaminski.

​​ Letztlich scheinen die Differenzen zwischen Machfudh und Marie-Claire allzu groß; sowohl auf der persönlichen Ebene als auch vor dem Hintergrund ihrer verschiedenen Herkunftsländer scheinen die Probleme unlösbar. Machfudh, der dörflich sozialisierte, von Einsamkeit geprägte Einwanderer, kann sich nicht mit der selbstbewussten, durch und durch westlich empfindenden Großstädterin einig werden, immer größer wird das Schweigen, das gegenseitige Unverständnis.

Die Liebe als unergründliches Rätsel

Habib Selmi beschreibt auch den Sex der beiden sehr genau und zeigt uns, wie man diesem Thema in Literaturform gerecht werden kann, ohne in Peinlichkeiten abzugleiten. Dass sich auch auf diesem Feld während ihrer langsam zerbröckelnden Beziehung ein Scheitern abspielt, überrascht kaum. Ist die Sinnlichkeit und Sexualität zuerst ein Feld großen Glücks für beide, so entsteht in der Folge eine immer frustrierendere Unerfülltheit, die schließlich in einen Eklat mündet.

Eines Abends ist Machfudh angetrunken; er hat sich nicht mehr unter Kontrolle und versucht Marie-Claire zum Sex zu zwingen, er vergewaltigt sie zwar nicht, doch im anschließenden Wortwechsel beschimpft er sie als "Hure". Diese völlig aus der Luft gegriffene Beleidigung kann sie ihm nicht verzeihen, das Ende ihrer Beziehung ist nicht mehr abzuwenden. "Schluss, aus und vorbei", wie es dazu lapidar im Text heißt.

Wahrscheinlich kommt in diesem Scheitern eine Grundüberzeugung des Autors zum Ausdruck, der – wie es im Nachwort heißt – die Liebe für ein unergründliches "Rätsel" hält, deren Gehen und Kommen uns verborgen bleibt. Nicht zuletzt diese Einschätzung rückt Selmis stillen Roman in die Nähe der großen Liebesromane der Weltliteratur.

Volker Kaminski

© Qantara.de 2010

Habib Selmi, "Meine Zeit mit Marie-Claire", Roman, Lenos, Basel, 2010.

Habib Selmi, geb. 1951 in Kairuan/Tunesien, Universitätsdozent für Arabisch, seit 1983 in Paris. Er hat Romane und Erzählbände veröffentlicht und gilt als einer der wichtigsten tunesischen Autoren arabischer Sprache.

Redaktion: Lewis Gropp/Qantara.de

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