Graphic Novel "The Apartment in Bab El-Louk"

Chronik eines Wohnviertels

Donia Mahers preisgekrönte Graphic Novel "The Apartment in Bab El-Louk", für die sich der bekannte ägyptische Künstler Ganzeer und der Karikaturist Ahmed Nady zusammengetan haben, ist die Tour de Force eines talentierten Künstlerteams. Marcia Lynx Qualey hat das Buch gelesen.

Es gibt eine Szene etwa in der Mitte von "The Apartment in Bab El Louk", die die dunkle, undurchsichtige Stimmung des Buches besonders gut einfängt. Die Erzählerin steht auf einem Balkon und blickt auf den Midan Talaat Harb hinunter, einen zentralen Platz Kairos, auf dem sich immer mehr Lastwagen der ägyptischen Sicherheitskräfte einfinden.

Diese Szene steht für die soziale und politische Ausgrenzung der Hauptfigur. Sie findet sich im ersten Teil des Buches, bei dem die Schriftstellerin Donia Maher zum ersten Mal mit zwei Illustratoren zusammenarbeitet hat. Schauplatz des gesamten Texts ist ein Wohnhaus und seine Umgebung in Bab El Louk, einem Viertel in der Innenstadt von Kairo. Dort befinden sich sowohl das Innenministerium des Landes als auch zwei weltberühmte Plätze, Talaat Harb und Tahrir.

Der erste, von Ganzeer illustrierte Teil, entwickelt sich in der vertraulichen Du-Form: "Eines Tages wird dich dieses Gefühl dazu treiben, du Demonstrationen auf den Talaat Harb zu gehen." Aber auf dem monumentalen Bild unter der Betrachterin entdeckt man keine Demonstranten, sondern nur eine Reihe von grimmig blickenden, sichtlich gelangweilten Polizisten mit Schilden, Helmen und Stöcken. Ihre Körper sind schwarzweiß, ihre Augen verschattet oder vom Betrachter abgewandt. Nur ihre Schilde sind farbig.

Die nächste Seite führt den Leser an den Rand des Platzes. Eine in kontrastreichem Schwarzweiß gehaltene Szene zeigt ein paar Passanten, die in der Ferne vorbeieilen, aber wieder keine Demonstranten. Ein Farbfleck ist in der Mitte erkennbar – die Statue von Talaat Harb (1867-1941) -, aber auch die Statue kehrt uns den Rücken zu. Wir werden die Demonstranten nie zu sehen bekommen: "Während du zwei Stunden lang auf dem Platz hin- und hergehst, wirst du die Demonstranten zwar nicht hören, aber sehen. Du versuchst für einen Moment stehenzubleiben, da befiehlt dir ein Jemand an deiner Seite, zu verschwinden."

Eine trostlose, düstere Atmosphäre

Illustration aus Donia Mahers ″The Apartment in Bab El Louk″, übersetzt von Elisabeth Jaquette; Foto: Darf-Verlag
Donia Mahers "The Apartment in Bab El Louk" erschien 2013 im arabischen Original im Kairoer Merit Verlag.

Der erste Teil des Buches liest sich weniger wie eine Erzählung denn wie eine Sammlung von Prosagedichten im Stil des "Noir". Aus der Wohnung in Bab El Louk hören wir: "Du wirst zu einem wahren Meister in allen Techniken der Heimlichtuerei werden." Menschen kommen und gehen, aber es gibt fast keine Verbindungslinien, kein soziales Umfeld, keine Handlung.

Das Innere der Wohnung will einfach nicht sauber werden, so sehr sie auch geschrubbt wird. Und "von deinem Fenster aus scheint dir ganz Kairo einsam und verlassen zu sein, wie der Schauplatz eines Verbrechens, den man vorsätzlich verkommen lässt." Die Erzählerin adoptiert zwei Katzen, aber auch das geschieht irgendwie unmotiviert.

Die Katze, die dem Leser nachschleicht

Die Katzen "werden dir nur leise von Ort zu Ort folgen und miteinander sprechen, manchmal. Du wirst schwören, dass sie deine Gespräche belauschen und boshaft kommentieren, dass sie deine Gäste abschätzig betrachten und alles beurteilen, was du tust."

Diese kurzen Sätze erscheinen nicht als Schriftblock auf der Buchseite, sondern ergeben die Gestalt einer Katze, die dem Leser nachschleicht. Durchgängig konzentriert sich das Buch nicht auf die Handlung, sondern auf die Atmosphäre. Und was wir über Bab El Louk erfahren, ist immer unvollständig, distanziert, skeptisch.

Am Morgen der Präsidentschaftswahlen hören wir Slogans aus Fahrzeugen, auf denen "Regierung" steht. Schwarz-grüne Textzeilen sprühen aus den Megaphonen der Fahrzeuge, immer dieselbe Botschaft verkündend: "Wir haben ihn gewählt wir haben ihn gewählt Tag aK Tag unsere Herzen sind mit ihm."

Leser und Erzählerin fragen sich gleichermaßen ratlos nach der Bedeutung des Slogans. "Dennoch wirst du alle Strophen dieses Liedes mitsingen, als Begleitung für die Wagen, die ungehindert über den Platz kreuzen."

Teil zwei: Comics

Auszug aus Donia Mahers "The Apartment in Bab El Louk", illustriert von Ganzeer;  Foto: Darf-Verlag
Vor allem atmosphärisch, nicht handlungsbezogen: Was wir über Bab El Louk erfahren, ist immer unvollständig, distanziert, skeptisch. Die kurzen Sätze erscheinen nicht als Schriftblock auf der Buchseite, sondern ergeben die Gestalt einer Katze, die dem Leser nachschleicht.

Danach erscheint in Schwarzweiß eine Zeitung mit auffälligen Schlagzeilen. Sie markiert den Wechsel von den fantasievollen Illustrationen des ägyptischen Künstlers Ganzeer zu denen des ägyptischen Karikaturisten Ahmed Nady, der klassische Panels bevorzugt.

Im letzten Teil des Buches führt ein Hausmeister einen hartgesotten wirkenden ägyptischen Detektiv zu einem Haus in der Falaki Street 38, das dieser aufbricht. Der Detektiv und eine Phalanx von Polizisten dringen in die Wohnung ein und finden auf dem Boden neben dem Bett einen Leichnam "mit schreckensverzerrten Gesichtszügen". Man habe Gründe, von einem Verbrechen auszugehen, erklärt daraufhin der Detektiv.

Wieder blickt der Leser von oben nach unten, diesmal auf eine schmale Gasse, in der sich Nachbarn versammelt haben. Wir sehen ihre Scheitel, während sie sich über den Ermordeten austauschen: "Gott sei seiner Seele gnädig. Er war wohl nicht vorsichtig genug mit seinen Mitmenschen."

Ein letztes Mal wechselt danach das Buch den Erzählton und endet mit einer kurzen, poetischen Bemerkung der Autorin Donia Maher, mit der sie ihr Werk ihren Nachbarn in Bab El Louk widmet. Sie widmet es "den Demonstranten, die ich von meinem Fenster aus höre, dem Kaffeehaus mit seinen Trinkern, den seltsamen Gestalten auf dem Platz morgens um vier Uhr, den schlaflosen Menschen mit ihren kleinen Kindern, die vor dem Markt hin und her gehen, meiner lästigen Nachbarin" und allen anderen Geräuschen und Bildern aus ihrer Wohnung.

Wer hofft, neues vom Tahrir zu erfahren oder eine Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende vorgesetzt zu bekommen, wird enttäuscht sein. Wer aber bereit ist, sich von den Erwartungen an eine "Story" zu lösen und sich auf ein kreatives Gemeinschaftsporträt des Stadtkerns von Kairo einzulassen, wird auf den gut achtzig Seiten des schmalen Bandes von Donia Maher, Ganzeer und Ahmed Nady reich belohnt.

Mahers Buch, das 2016 den Kahil Award für die beste Graphic Novel erhielt, erscheint im selben Jahr auf Englisch wie Ahmed Naji und Ayman Zorkanys eindrucksvoller Graphic-Novel-Zwitter "Using Life". Beide Publikationen vermitteln englischsprachigen Lesern einen Einblick in die florierende und energiegeladene ägyptische Graphic-Novel-Szene.

Marcia Lynx Qualey

© Qantara.de 2018

Übersetzung aus dem Englischen: Maja Ueberle-Pfaff

Für diese Übersetzung des Artikels von Marcia Lynx Qualey haben Petra Dünges und Rafael Sanchez mit freundlicher Genehmigung des Goethe Instituts die der englischen Version von Elisabeth Jaquette entsprechenden Textpassagen aus ihrer eigenen Übersetzung vom Arabischen ins Deutsche zur Verfügung gestellt, die für ein deutsch-französisches Publikationsprojekt im Auftrag des Goethe Instituts Kairo angefertigt wurde (Anmerkung der Übersetzerin).

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