Golfkrise

Qatars Außenpolitik am Wendepunkt

Seit Jahren befindet sich Qatar mit Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und Ägypten in einem Konflikt, der sich nun einem entscheidenden Punkt zu nähern scheint. Falls sich Doha aus dem Golfkooperationsrat verabschiedet, könnte sich das Machtgleichgewicht in der Region erheblich verändern. Von Stasa Salacanin

In der Golfkrise ist keine Lösung in Sicht, und die Frage, ob Qatar aus dem Golfkooperationsrat (GKR) austritt, rückt immer stärker in den Vordergrund. Die qatarische Regierung steht derzeit am Pranger, und einige Staaten des Arabischen Quartetts fordern immer wieder, das Land aus dem GKR auszuschließen. Sollte Doha den Rat aber tatsächlich verlassen, hätten die Saudis und die Vereinigten Arabischen Emirate ein ernstes Problem – vor allem deshalb, weil sich Qatar an den Iran angenähert hat und immer engere Beziehungen zur Türkei pflegt.

Eine weitere politische Baustelle an der Türschwelle Saudi-Arabiens und der Emirate würde zusätzliche Ressourcen binden – insbesondere dann, wenn Kuwait und Oman womöglich Qatars Beispiel folgen würden. Um dies zu verhindern, haben die Saudis versucht, Qatar so effektiv wie möglich zu isolieren, wenn auch bislang ohne großen Erfolg.

Ebenso ist unklar, ob Kuwait und der Oman mitziehen und die saudisch-emiratische Dominanz akzeptieren – insbesondere angesichts der neuen Wirtschafts- und Sicherheitspartnerschaft der Saudis mit den Emiraten, die im letzten Dezember angekündigt wurde, ohne die übrigen GKR-Staaten dabei einzubeziehen. Dies verdeutlicht die tiefen Spaltungen zwischen den Golfstaaten und lässt die Zukunft – und sogar die Existenz – des GKR in einem sehr zweifelhaften Licht erscheinen.

Eine pragmatische Annäherung an den Iran

Seit Beginn der Blockade hat Qatar einige neue Abkommen geschlossen, die sich auf Militär, Sicherheit, Handel und andere Bereiche beziehen. Insbesondere fällt dabei die Annäherung des Landes an den Iran und die Türkei ins Auge: Einige Beobachter erkennen darin bereits die Umrisse eines neuen regionalen Blocks.

Immer schon haben sich der Iran und Qatar um gute Arbeitsbeziehungen bemüht, um in den stürmischen Gewässern des Persischen Golfs miteinander auszukommen. Mit dem Nord-Feld teilen sie sich die größten Erdgasvorkommen des Planeten.

Und seit letztem Juni ist der Iran für Qatar auch eine wichtige Handelsroute, insbesondere für Waren aus der Türkei und Aserbeidschan. Um den Handel zu intensivieren und zu vereinfachen, haben Qatar, der Iran und die Türkei sogar ein trilaterales Transportabkommen geschlossen.

Ras Laffan Industrial City, Qatars Hauptstandort für die Produktion von Flüssigerdgas wird von Qatar Petroleum, rund 80 Kilometer nördlich der Hauptstadt Doha, am 6. Februar 2017 verwaltet (Foto: Getty Images / AFP / K. Jaafar)
Pragmatisch, aber verletzlich: „Eine mögliche qatarisch-iranische Allianz baut nicht auf ethnischen Verbindungen oder einer gemeinsamen ideologischen Plattform auf. Daher könnte sie sich gegenüber Veränderungen in der Region als sehr verletzlich erweisen“, meint Przemyslaw Osiewicz vom Nahostinstitut in Washington D.C. in seiner Analyse.

Silvia Colombo ist Vorsitzende des Mittelmeer- und Nahostprogramms beim "Italienischen Institut für Auswärtige Angelegenheiten" (IAI). Für sie ist die "qatarische Entscheidung, die Beziehungen zum Iran zu reparieren, ein pragmatischer Schachzug, um die Isolation und Blockade, unter der Qatar schon seit vielen Monaten leidet, zu umgehen. Mit dieser diplomatischen Aktion hat Qatar seinen Nachbarn klar gemacht, dass das Land ein unabhängiger Akteur ist."

Auch Przemyslaw Osiewicz vom Nahostinstitut in Washington D.C. glaubt, eine qatarisch-iranische Allianz könne sich als höchst pragmatisch und effektiv erweisen. "Eine solche Kooperation baut allerdings nicht auf ethnischen Verbindungen oder einer gemeinsamen ideologischen Plattform auf", fügt er hinzu. "Daher könnte sie sich gegenüber Veränderungen in der Region als sehr verletzlich erweisen."

Die große Frage ist, was geschieht, wenn der Streit im Golf einmal vorbei sein sollte. Wird Doha dann seine Beziehungen zu Teheran automatisch zurückfahren, um das Verhältnis zu Riad und Abu Dhabi wieder zu verbessern?

Laut Silvia Colombo wird Qatar seine außenpolitische Ausrichtung wahrscheinlich nicht erheblich verändern, sondern weiterhin autonom agieren. Doha gehe bei der Annäherung an Teheran nicht berechnend vor. Und in jedem Fall werde Qatar die Kommunikationskanäle zur Islamischen Republik offen halten.

Osiewicz hingegen glaubt, Qatar könne alle Verbindungen zum Iran kappen – unter der Voraussetzung, dass Saudi-Arabien und die anderen GKR-Mitgliedstaaten dem Land ein gutes Angebot machen und die Gespräche und Kontakte zu Doha wieder aufnehmen. "Nicht die qatarischen Politiker drängen auf eine Annäherung an den Iran, sondern es sind vielmehr die GKR-Staaten, die Qatar zum Iran hindrängen."

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.