Gewalt in der arabischen Welt

Vom barbarischen Staat zur barbarischen Gesellschaft

Der syrische Publizist Morris Ayek beschreibt in seinem Essay, wie es den repressiven arabischen Staaten gelungen ist, eine Gesellschaft nach ihrem Vorbild und Antlitz zu schaffen.

"Der barbarische Staat", so lautete der Titel von Michel Seurats Studie über das Syrien Hafiz al-Assads, und Seurat sollte schon bald selbst Opfer dieser von ihm untersuchten Barbarei werden, als er 1985 im Libanon entführt und ein Jahr später umgebracht wurde.

Seine Beschreibung zielte auf bestimmte Merkmale eines Staates, der in seinem Vorgehen und seiner Machtausübung nicht kontrolliert wird durch Gesetze oder institutionelle Vorgaben und sich im Verhältnis zu den eigenen Bürgern, ganz gleich, ob es sich dabei um Gegner handelt oder nicht, durch ein gewissen- und skrupelloses Verhalten auszeichnet.

Und vielleicht entscheidend ist, dass der Lebensnerv von Macht und Autorität in einem solchen Staat auf Fanatismus im Sinne eines Stammesbewusstseins beruht, und zwar in der von Ibn Khaldun definierten Bedeutung: in anderen Staaten kann solcher auch die Form von Konfessionalismus oder Tribalismus annehmen.

Der barbarische Staat als grenzübergreifendes Phänomen

Iraks Ex-Diktator Saddam Hussein während einer Militärparade nach dem Golfkrieg 1991 in Bagdad; Foto: Reuters
Kurzer Prozess mit "verräterischer Genossen": Iraks Ex-Diktator ging nicht nur äußerst brutal gegen jedwede Opposition sowie ethnische und religiöse Gruppierungen im Irak vor, sondern schürte ein Klima der Angst selbst bei seinen eigenen Untergebenen der Baath-Partei, gegen die er Schauprozesse zur Einschüchterung durchführte. Er selbst bezeichnete sich als "Al-Qaid al-daruri" (unersetzlicher Führer) und sah sich als Nachfolger des Königs von Babylon.

Der barbarische Staat indes ist kein Phänomen, das sich auf Syrien beschränkt. Er findet sich auch im Irak und in Libyen, in abgeschwächter Form auch in Ägypten und anderen arabischen Staaten. Barbarei von staatlicher Seite ließ sich 1982 beim Massaker von Hama beobachten oder in der Anfal-Operation der Truppen Saddam Husseins und im Giftgasangriff von Halabdscha 1988.

Doch der Ort schlechthin, an dem sich die Barbarei manifestiert, ist und bleibt das Gefängnis, und nicht von ungefähr sind die Namen einiger Gefängnisse zu Meilensteinen in unseren Staaten geworden, angefangen vom syrischen Tadmur-Gefängnis über die Abu-Zaabal-Haftanstalt in Ägypten bis hin zum Hochsicherheitsgefängnis Abu Salim in Libyen und dem berühmt-berüchtigten Abu Ghreib in Bagdad.

Auch ließe sich theaterreife Zurschaustellung von Barbarei wie die landesweite Konferenz der irakischen Baath-Partei im Jahre 1979 nennen, auf der Saddam Hussein endgültig die Macht an sich riss.Während jener Konferenz kam es zur Enttarnung "verräterischer Genossen", wurden deren Geständnisse gehört und hernach ihre Hinrichtung vorgenommen – alles ohne Prozess, ja die übrigen anwesenden Delegierten wurden sogar genötigt, die Exekutionen eigenhändig durchzuführen.

Kollektiviertes Verbrechen

Ähnlich verlief die Liquidierung des libyschen Oppositionellen Abdel Salam Akhchiba im Jahr 2005, der ebenfalls ohne vorheriges Gerichtsverfahren zu Tode geschleift wurde, wobei Dutzende von Soldaten auf ihn einschlugen und traten. In beiden Fällen war es nicht nur die Ungesetzlichkeit und Abscheulichkeit, die diese Schreckensszenen ausmachte, sondern auch die erzwungene Teilnahme aller Anwesenden an dem Hinrichtungsakt, eine Kollektivierung des Verbrechens.

Doch die Barbarei blieb nicht auf den Staat beschränkt, sondern hat längst schon die Gesellschaft erreicht. Sie ist zu einem allgemeinen Verhaltensmerkmal geworden, zu beobachten in vermehrter Grausamkeit und immer öfter fehlender Moralität oder einem Mindestmaß von menschlichem Einfühlungsvermögen und Mitleid.

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