Gesellschaftliche Unterdrückung in Ägypten

Die Fangarme der Autokratie

In Diktaturen werden die Repressionen an die Bürger weitergegeben, die dann wiederum indirekt die absolute Macht des Regimes stabilisieren. Diesen Teufelskreis, unter dem die Bevölkerung leidet, Teile von ihr paradoxerweise aber auch profitiert, beschreibt Maged Mandour am Beispiel Ägyptens.

Um an der Macht zu bleiben, benötigen autokratische Regime ein hohes Maß an Unterdrückung, die hauptsächlich von den oberen sozialen Schichten auszugehen scheint. Die Realität ist allerdings deutlich komplexer.

Die Bürger werden von der Autokratie geprägt, und damit leiden sie nicht nur unter den Repressionen, sondern profitieren auch von ihnen: "Kleinere" Autokraten unterdrücken diejenigen, die in der sozialen Rangordnung unter ihnen stehen. So wird die Unterdrückung dezentralisiert und erzeugt einen Nährboden für gesellschaftliche Repressionen, deren vor allem die schwächeren Teile der Gesellschaft zum Opfer fallen – Randgruppen, Minderheiten, Frauen und Arme.

Diese Repressionen finden auf allen gesellschaftlichen Ebenen statt – an Orten wie Schulen, am Arbeitsplatz und sogar zu Hause in den Familien. So führt die staatliche Politik, die diese Art von Unterdrückung fördert, zu einer Gesellschaft, deren Freiheit extrem eingeschränkt ist – sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich. Dabei nimmt der Druck weiter oben auf der sozialen Skala immer mehr ab. Ungleichheit wird als natürlicher Zustand akzeptiert. Und diejenigen, die am Rande der Gesellschaft stehen, werden entmenschlicht, unterdrückt und missachtet. Diese Methode ist für die Stabilisierung und Förderung eines autokratischen Systems von entscheidender Bedeutung.

Autokratie im Klassenzimmer

Wenn man die Unterdrückung in Ägypten betrachtet, kann man klar erkennen, dass sie alle Schichten der Gesellschaft durchdringt. Ein einfaches Beispiel dafür ist das Schulsystem und die Gewalt, der die Kinder der unteren sozialen Schichten dort ausgesetzt sind. 2015 starb ein Kind an Verletzungen, die ihm von einem prügelnden Lehrer zugefügt wurden. Ein weiterer Fall wurde im Jahr 2014 bekannt: Der Leiter eines Waisenhauses wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem durch Videoaufnahmen belegt werden konnte, dass er Waisenkinder, die unter seiner Obhut standen, brutal geschlagen hatte.

Public school students during religious education class in Shrakya governorate, Egypt (photo: DW/Reham Mokbel)
Eine Diktatur im Kleinformat: "Gewalt gegen Kinder ist an ägyptischen Schulen weit verbreitet, insbesondere in sozial schwachen Regionen. Hinzu kommt, dass die Schüler ständig ideologisch indoktriniert werden, wie wichtig es ist, zu gehorchen und sich gesellschaftlich konform zu verhalten. Dabei wird jegliche Art kreativen Denkens unterdrückt", meint Maged Mandour.

Diese extreme Gewalt gegen Kinder ist an ägyptischen Schulen weit verbreitet, insbesondere in sozial schwachen Regionen. Sie reicht lange vor das gegenwärtige neomilitärische Regime zurück. Einst erklärte Ahmed Zaki Badr, der damalige Ausbildungsminister unter Mubarak, eine Abschaffung der Prügelstrafe an Schulen würde die Lehrer zu sehr angreifbar machen. Dies belegt, wie Gewalt gegen Schüler vom Staat gebilligt wird.

Je ärmer und verletzlicher die Opfer, desto mehr sind sie Repressionen ausgesetzt, die interessanterweise auch von denjenigen ausgehen, die am stärksten leiden. Man muss sich nur vergegenwärtigen, dass der durchschnittliche ägyptische Lehrer wirtschaftlich marginalisiert und unterbezahlt ist – was im Jahr 2015 durch Proteste ans Licht kam. Also hat es die Autokratie geschafft, in den Klassenräumen eine Diktatur im Kleinformat nachzubilden. Diese richtet sich vor allem gegen die unteren Schichten, um die Armen, die sich nicht dagegen wehren können, zwangsweise zu Gehorsam und Disziplin zu erziehen.

Dazu kommt noch, dass die Schüler ständig ideologisch indoktriniert werden, wie wichtig es ist, zu gehorchen und sich gesellschaftlich konform zu verhalten. Auch wird jegliche Art kreativen Denkens unterdrückt. Der Schwerpunkt liegt eindeutig darauf, Informationen auswendig zu lernen, was auf Kosten der Entwicklung analytischer Fähigkeiten geht. Jegliche Abweichungen vom Lehrbuch werden als falsch gewertet.

Autokratie auf der Straße

Nicht nur in den Klassenzimmern erfindet sich die Autokratie immer wieder neu. Auf den Straßen von Kairo geht es ähnlich zu, und am deutlichsten geschieht dies auf Kosten der obdachlosen Straßenkinder. Diese Kinder, von denen es allein in Kairo schätzungsweise 600.000 gibt, leiden in erschütterndem Ausmaß unter Missbrauch und sexueller Gewalt. Und sie genießen keinerlei rechtlichen Schutz oder soziale Unterstützung.

Erst im Jahr 2006, als die Leichname einiger Straßenkinder gefunden wurden, trat das Ausmaß der Gewalt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Damals wurden sechs Personen verhaftet, die mutmaßlich für die Ermordung, Vergewaltigung und Folter von Kindern verantwortlich waren. Der Fall wurde allerdings schnell wieder unter den Teppich gekehrt – ohne dass die Regierung darauf reagiert oder sich die öffentliche Wahrnehmung der Straßenkinder verändert hätte.

Auch hier gibt es also Raum für autokratische Repressionen, auch hier fallen die unteren Schichten der Gesellschaft den Mächtigeren zum Opfer. So wird Unterdrückung und Gewalt an die Peripherie der Gesellschaft weitergegeben und der grundlegende Sozialvertrag des "Leviathan" verletzt, wie er durch Thomas Hobbes definiert wurde. Weder die Regierung noch die mächtigen Schichten der Gesellschaft erkennen die Existenz dieser Kinder an. Deutlich wurde dies beispielsweise durch den Aufruf eines ägyptischen Schriftstellers, die Kinder zu töten, um das Problem zu lösen.

Autokratie und Frauen

Eine weitere soziale Gruppe, die immer wieder Opfer von Missbrauch und Unterdrückung werden, sind die Frauen. Dies reicht von häuslicher Gewalt bis hin zu sexuellem Missbrauch und Massenvergewaltigungen, insbesondere während der Zeit der Proteste in Ägypten zwischen 2011 und 2013. Im Rahmen einer Umfrage der Vereinten Nationen gaben 99,3 Prozent der befragten Frauen an, sie seien schon einmal verbaler oder physischer sexueller Belästigung zum Opfer gefallen. In einer anderen Umfrage von 2005 berichtete ein Drittel der Frauen, ihre Ehemänner hätten sie missbraucht. Sieben Prozent gaben an, sie seien "häufig" geschlagen worden.

Verschärft wird diese schlimme Lage durch eine staatliche Politik, die den Frauen keinerlei Schutz bietet. Im Gegenteil: Die Regierung fördert diese Art von Unterdrückung noch, indem sie Frauen, die häusliche und sexualisierte Gewalt überlebt haben, Hindernisse in den Weg stellt. Wenn Frauen Fälle sexueller Belästigung melden, werden die Sicherheitskräfte laut Berichten von Augenzeugen nur sehr ungern aktiv, und oft raten die Beamten den Frauen sogar von einer Meldung ab.

Was die häusliche Gewalt betrifft, werden die Frauen, die einen Missbrauch melden möchten, von den ägyptischen Gesetzen erheblich behindert. Gemeinsam mit dem umständlichen Scheidungsrecht bedeutet dies, dass Frauen in missbräuchlichen Beziehungen meist zum Schweigen gezwungen sind. Frauen sind eine marginalisierte Gruppe, ein leichtes Ziel für gesellschaftliche Repressionen durch Männer, die wiederum durch mächtigere Männer unterdrückt werden. Und so nimmt der Teufelskreis von Gewalt und Unterdrückung seinen Lauf.

Auch im häuslichen Bereich wird die Autokratie auf diese Art in Gang gehalten. Der Mann, der außerhalb seines Hauses unterdrückt wird, übernimmt innerhalb der Familienstruktur die Funktion des Autokraten. Wie es ihm beliebt, verbreitet er dort Gewalt und Unterdrückung. Gegen diese Behandlung haben Frauen und Kinder kaum soziale oder gesetzliche Schutzmöglichkeiten.

Auch hier, auf der Ebene der Familie, schafft das Regime den Raum, der nötig ist, um die Autokratie immer wieder neu zu erschaffen. Die Rolle des örtlichen Autokraten wird hier vom Haushaltsvorstand eingenommen. Den größten Teil dieser Unterdrückung müssen die Frauen der ärmeren sozialen Schichten tragen. Frauen der Mittel- und Oberschicht genießen einen gewissen Schutz durch soziale Normen, aber auch sie sind gegen solchen Missbrauch nicht immun.

Eine Vielzahl von Autokratien

Angesichts all dessen wird klar, dass es in einer Diktatur nicht nur einen einzigen Autokraten gibt, sondern eine Vielzahl von ihnen – in allen Bereichen des täglichen Lebens. Die Diktatur schafft die Bedingungen für den Missbrauch von Macht und delegiert den Prozess der Unterdrückung an ihr Volk.

Diese Repressalien sorgen dafür, dass das Regime stabil bleibt, da sie es den Opfern ermöglichen, andere zu unterdrücken, obwohl sie selbst unterdrückt werden. Das Endergebnis ist die absolute Macht. Dies trägt auch zu antidemokratischen Tendenzen bei, da Opfer in einer demokratischen Ordnung rechtlich und sozial gegen solchen Missbrauch geschützt wären. Mini-Autokraten hassen es aber, ihre Macht über ihre Opfer zu verlieren.

Ständige Gewalt und Unterdrückung haben zur Folge, dass die Bürger brutalisiert und entmenschlicht werden. Damit schaffen sie die nötigen sozialen Bedingungen für autokratische gesellschaftliche Strukturen. Dieser Prozess negiert Ideen von Gleichheit und Freiheit und vertieft die Wahrnehmung, die Grundlage der sozialen Ordnung sei eine natürliche Ungleichheit wofür die Ansicht, Männer seien Frauen überlegen, das beste Beispiel liefert.

Ohne diese sozialen Bedingungen könnte die Autokratie nicht überleben. Damit ein Autokrat regieren kann, müssen die Fangarme der Unterdrückung alle Teile der Gesellschaft umschlingen.

Maged Mandour

© Open Democracy 2018

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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