Geschichte des Kalifats

Wir alle sind Kalifen!

Das Kalifat hat eine traurige und wechselhafte Geschichte, mit ein paar Ausnahmen. Stefan Weidner erklärt in seinem Essay, warum die selbsternannten Kalifen von heute mit den historischen Kalifen wenig gemein haben.

Es hat, bezeugen uns glaubwürdige Historiker, tatsächlich einmal Kalifen gegeben, und der letzte von – wiewohl bescheidener – weltgeschichtlicher Bedeutung ist erst vor neunzig Jahren abgesetzt worden. Dennoch sind Kalifen immer auch Märchen- und Phantasiegestalten gewesen, nicht viel anders als Feen, Zauberer, Drachen und fliegende Teppiche. Wenn nämlich das Wort Kalif eine Aura hat, dann verdankt es diese nicht der historischen Wirklichkeit, die von Anfang an eine traurige war, sondern ist ein Produkt des Wunschdenkens – des politischen Wunschdenkens der Muslime, des orientalistischen und des westlichen Wunschdenkens.

Im wörtlichen Sinn heißt Kalif – arabisch „chalîfa“, mit einem ch-laut wie in „lachen“ – nichts anderes als „Nachfolger“ oder „Stellvertreter“. Die ersten Kalifen wurden so genannt, weil sie die spirituellen und zugleich politischen Nachfolger des Propheten in der Leitung des jungen islamischen Gemeinwesens waren.

Als Mohammed 632 starb, hatte er schlecht vorgesorgt. Der Koran war, sofern überhaupt notiert, eine ungeordnete, fragmentarisch anmutende Loseblattsammlung; ein Sohn, der das Kindesalter überlebt hätte und an seine Stelle hätte treten können, war ihm nicht vergönnt gewesen; und wer stattdessen sein Erbe schultern sollte, hatte er offengelassen.

Seine engsten Freunde bestimmten daher einen der ihren zum ersten „Nachfolger“ des Propheten. Er hieß Abu Bakr und regierte nur zwei Jahre, dann starb er. Abu Bakr und die drei nächsten Kalifen wurden von folgenden Generationen „rechtgeleitet“ genannt, weil sie angeblich im Sinne Mohammeds handelten, den sie, anders als die späteren, noch persönlich kannten.

Das goldene Zeitalter

"Der Koran aus Samarkand", alte Koranhandschrift, die angeblich auf den Kalifen Uthman zurückgeht; Foto: Creative Commons
Muslime begannen in der Zeit des Kalifen Uthman den mündlich verkündeten Koran systematisch zu verschriftlichen.

Tatsächlich könnte man sagen, dass es ohne sie den Islam nicht gäbe. Nicht einmal der Koran wäre überliefert, wenn nicht der dritte Kalif, Uthman (im Türkischen Osman) zumindest teilweise damit begonnen hätte, das, was damals als Koran (wörtlich übersetzt mündliche „Rezitation“) kursierte, schriftlich niederzulegen.

Alle Fundamentalisten, Salafisten und sonstige religiösen Nostalgiker berufen sich bis heute auf dieses in ihren Augen Goldene Zeitalter und glauben, es wiederbeleben zu können, wenn sie sich nur so verhalten, wie es die Muslime zur Zeit der rechtgeleiteten Kalifen taten.

Zum großen Charme dieser Geschichtsfiktion trägt bei, dass diese Epoche dem Streit zwischen Sunniten und Schiiten vorausliegt. Genauer gesagt: Sie endete mit eben diesem Streit!

Wunder Punkt

Viele nicht-muslimische Beobachter vergessen heutzutage, dass der Islam für die meisten Muslime auch beinhaltet, an die Rechtleitung dieser ersten Kalifen zu glauben, ganz ähnlich wie für die Christen das Wirken der Apostel nach dem Tod Christi zur Heilsgeschichte dazugehört.

Karte von der maximalen Ausdehnung des islamischen Kalifats in der Frühzeit; Foto: Wikimedia Commons
Ein riesiges Reich, das verschiedene Völker, Sprachen und Religionen vereinte: DIe Karte zeigt die Ausdehnung des Kalifats zurzeit des Propheten Muhammad (braun), unter den vier Rechtgeleiteten Kalifen (rot) und unter den Umayyaden (gelb).

Aus der Perspektive des sachlichen Historikers ist dies jedoch ein wunder Punkt des Islams. Von den vier ersten Kalifen wurden drei ermordet, und ein Vorbild für die späteren scheinen sie oft nur in Bezug auf die gewaltsame Art ihres Todes gewesen zu sein. Es gelang ihnen zwar, den Islam weit über die arabische Halbinsel hinaus zu verbreiten, der inneren Spaltung konnten sie jedoch nicht Einhalt gebieten.

Noch bevor der Prophetenvetter Ali, der vierte und letzte der Rechtgeleiteten, im Jahr 661 ermordet wurde, hatte sein Konkurrent Mu‘awiya von Damaskus aus das Kalifat für sich reklamiert. Daraufhin kam es zu einem Bürgerkrieg (arabisch „Fitna“), den man als den längsten der Weltgeschichte erachten könnte: Er währt bis heute. Die Gefolgsleute Alis werden seit jener Zeit Schiiten genannt. Sie unterlagen im Kampf gegen die Truppen Mu’awiyas, konnten sich in vielen Gegenden Iraks und Irans jedoch halten.

Wenn der ISIS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi heute als Kalif vor allem gegen die Schiiten zu Felde ziehen will, die er für Ungläubige hält, erweckt er nicht das Goldene Zeitalter des Islams, sondern die Zeit der „Fitna“, des innerislamischen Bürgerkriegs. Er tritt weniger die Nachfolge des ersten Kalifen Abu Bakr an, dessen Namen er trägt, sondern Mu’awiyas, der übrigens der Stammvater der Kalifendynastie der Omayyaden ist.

Während nämlich zuvor der Kalif durch Beratung führender Persönlichkeiten bestimmt wurde, freilich unter der Bedingung, dass er wie der Prophet dem Stamm der Kuraish angehört, wurde das Kalifat mit Mu‘awiya dynastisch und in der Regel vom Vater auf den Sohn vererbt.

Kalifen und Gegenkalifen

Wenn bei uns das Wort „Kalif“ fällt, denkt man freilich weniger an die Frühzeit des Islams als an die Zeit der größten islamischen Blüte und Machtentfaltung, an die Kalifate der Omayyaden in Damaskus (661-749) und Cordoba (929-1031), das Kalifat der Abbasiden in Bagdad (749-1258) und der Fatimiden in Kairo (969-1171).

Einen solchen irgendwie märchenhaft anmutenden leiblichen Nachfolger der fatimidischen Kalifen kennt man heute noch: Es ist der Agha Khan. Wer aber eben gestutzt hat, stutzte zurecht: Ja, es gab um die Jahrtausendwende drei Kalifate parallel.

Das lag einerseits daran, dass der Kalif in Bagdad seinen Anspruch, der geistige und politische Führer über die islamische Welt zu sein, schon lange nicht mehr verwirklichen konnte und zu einer Marionette lokaler Machthaber und seiner Soldateska verkommen war. Zugleich aber hatte das Kalifat nach wie vor eine besondere Aura und kündete vom Anspruch auf die religiöse und politische Führung über die Muslime.

Die Zeiten des im Westen berühmtesten aller Kalifen, Harun Ar-Raschid (reg. 786-809), waren damals lange vorbei und versanken bereits in ein von Geschichtenerzählern aller Art mythisch verklärtes Dunkel.

Sollten dem ISIS-Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi nicht nur die Rechtgeleiteten Kalifen, sondern auch Harun Ar-Raschid als Vorbild vorschweben, so dürfen wir lachen. Sein Wesir – also der eigentliche Staatslenker – war ein nicht sehr sunnitischer Perser namens Djaafar al-Barmaki, und sein berühmtester Hofdichter war ein homosexueller, zu jeder Art von Gotteslästerung neigender Trunkenbold, Abu Nuwas. Nach ihm ist bis heute eine der berühmtesten Straßen Bagdads benannt.

1001 Nacht und historische Wirklichkeit

Glauben wir den Märchen von Tausendundeine Nacht, in denen das Dreiergespann Harun Ar-Raschid, der Wesir Djaafar al-Barmaki und Abu Nuwas zahlreiche Auftritte hat und welche die abendländische Vorstellung vom Kalifat mehr geprägt haben dürften als die realen Verhältnisse, war der berühmteste Kalif auch einer der ersten Herrscher, der es liebte, seine Untertanen auszuspionieren.

Ansicht der Al-Mustansiriya-Universität in Bagdad; Foto: Wikimedia Commons
Unter dem abbasidischen Kalifen Al-Mustansir (reg. 1226-1242) wurde eine der ältesten Universitäten der Welt gegründet: Die Al-Mustansiriya in Bagdad. Auch die Fatimiden gründeten in Kairo eine der ältesten Universitäten, die Al-Azhar-Universität, die heute immer noch als Zentrum islamischer Gelehrsamkeit gilt.

Dazu verkleidete er sich als Normalbürger, verließ seinen Palast und mischte sich unter das Volk, vorgeblich um zu sehen, ob alles in seinem Reich in Ordnung sei, tatsächlich aber auf der Jagd nach unterhaltsamen Geschichten. Es war die Zeit einer ersten islamischen Moderne, wie einer der Erben des Abu Nuwas, der 1930 geborene arabische Dichter Adonis sie genannt hat, die Zeit eines tabulosen geistigen und religiösen Aufbruchs, der für die Gestalt des Islams heute in Wahrheit viel prägender ist als die Zeit der Rechtgeleiteten Kalifen, deren tatsächliches Wirken historisch kaum objektiv zu greifen ist.

Dass es sich bei Harun Ar-Raschid anders verhält, verdankt sich nicht zuletzt einer unter seiner Herrschaft vollzogenen medialen Revolution: Im Jahr 800 wurde in Bagdad die erste arabische Papierfabrik gegründet. Das Papier hatten die Araber zwar schon fünfzig Jahre zuvor von chinesischen Kriegsgefangenen kennengelernt. Aber erst jetzt stand massenweise bezahlbares Schreibmaterial zur Verfügung.

Wie in keiner Kultur zuvor machen die Muslime Gebrauch davon, und erst jetzt wird der Wildwuchs der mündlichen Überlieferung gesammelt, systematisiert und geordnet: Das gilt für die arabische Grammatik ebenso wie für das islamische Recht und die Überlieferung der Taten und Sprüche des Propheten, dem sogenannten Hadith.

Die multikulturelle Wende

Ein anderes wichtiges Ingredienz kalifaler Blütezeiten ist im Lauf der Zeit in Vergessenheit geraten. Der Aufschwung im Dichten, Denken und in Sachen Religion ist nur möglich gewesen, weil diese Kalifen – auch die andalusischen und fatimidischen – über multiethnische, multiregliöse, vielsprachige oder mit einem Wort multikulturelle Bevölkerungen geherrscht haben. Die erst 762 gegründete Stadt Bagdad wäre ohne Einwanderer nie eine Großstadt geworden. „Aus allen Ländern, fern und nah, kamen sie dorthin, und Leute aus allen Gegenden zogen es ihrer Heimat vor,“ schreibt der Geograph al-Ja’kubi im neunten Jahrhundert über Bagdad.

Der Streit, wer die besseren Muslime seien, diejenigen mit arabischen Vorfahren oder die Konvertiten aus anderen Ländern, die aus echter Überzeugung glauben und nicht aufgrund ihrer Herkunft, hat damals für viel Wirbel gesorgt.

In jener Zeit entstand ein genuin arabisches Wort für den Multikulturalismus, nämlich „Shu’ubiyya“. Indirekt unterminierte die „Shu’ubiyya“ nicht nur den Führungsanspruch der Araber, sondern auch des Kalifen, der ja von den Kuraish abstammen, also echter Araber sein sollte.

Damit kündigte sich ein Problem an, das heute stets virulent ist, wenn jemand beansprucht, für die Gesamtheit der Muslime zu sprechen: Haben die Araber, nur weil der Koran in ihrer Sprache abgefasst ist, einen genuineren Zugang zum Islam als Türken, Iraner, Afghanen, Indonesier und erst recht Konvertiten aus dem Westen? Wenn es aber schwer vorstellbar ist, dass die arabischen Muslime jemals einen Indonesier oder Iraner als ihren Kalifen akzeptieren, warum sollten dann die indonesischen oder iranischen Muslime einem arabischen Kalifen folgen?

Historischer Tiefpunkt

Ein weiterer Aspekt darf nicht unterschlagen werden: Sofern die Kalifen nämlich überhaupt weltliche Macht besaßen, herrschten sie immer auch über Angehörige anderer Religionen. Dazu zählten stets Christen und Juden, oft auch Zoroastrier, und ohne ihre Duldung, ja oft Einbeziehung in die Macht ist die Blütezeit der Kalifate nicht denkbar. Es waren Christen mit Kenntnissen der griechischen und syrischen Sprache, welche die antiken Philosophen und Mediziner ins Arabische übersetzten, und Anhänger iranischer Religionen, deren Muttersprache Persisch war, führten die Verwaltungstradition des Sassanidenreiches fort und formten das Arabische zu einer biegsamen Amtsprache und lingua franca eines Großreiches.

Gemälde von Julius Köckert, dass den Kalifen Harun ar-Raschid beim Empfang einer Delegation von Karl dem Großen zeigt; Foto: WIkimedia Commons
Im Westen stellt man sich das Leben und Wirken der islamischen Kalifen wie in den Erzählungen von 1001 Nacht vor: Doch in Wirklichkeit gab es harte politische Kämpfe um das Kalifat. Mehr noch: der Kampf zwischen Sunniten und Schiiten wurzelte in der Frage, wie die Nachfolge des Propheten bestimmt werden sollte.

Mit ihren Söldner-Konvertiten aus aller Herren Länder ist auch die ISIS irgendwie multikulturell. Aber ihr Hass auf alles, was anders und andersgläubig ist, entlarvt ihre Kalifatsträume als wenig zukunftsfähig.

Man könnte freilich auch denken, dass das Kalifat irgendwann ein wenig zu ‚multi‘ geworden war, um mehr als ein paar Jahrhunderte ein ernstzunehmender Machtfaktor zu sein. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass irgendwann niemand mehr so recht glaubte, der Kalif sei wirklich ein Stellvertreter Mohammeds, selbst wenn in ihm noch das Blut der Kuraish floss. Zu viele Kalifen hatten sich als machtlos und unfähig erwiesen und die Aura des Amtes zerstört. Als die Mongolen 1258 Bagdad eroberten und den letzten Abbasiden ermordeten, war die Institution des Kalifats auf ihrem historischen Tiefpunkt angelangt.

Kalifat als Rettungsanker

Die Idee erfuhr jedoch eine Renaissance! Daran hat paradoxerweise Europa kräftigen Anteil. Im Laufe des 19. Jahrhunderts traten die europäischen Staaten zunehmend als Schutzmächte der Christen in muslimischen Ländern auf, besonders im Osmanischen Reich – ein bequemes Mittel, sich in die inneren Angelegenheiten dieser Länder einzumischen, ähnlich wie es heute Russland in der Ukraine bezüglich der ukrainischen Russen tut.

Porträt Mustafa Kemal "Atatürk"; Foto: Wikimedia Commons
Die wohl drastischste "Reform" bei der Entstehung des modernen türkischen Nationalstaats war die Abschaffung des osmanischen Sultanas und Kalifats durch Mustafa Kemal.

Dasselbe versuchten damals die Osmanen für die Muslime außerhalb ihres Machtbereichs geltend zu machen, vor allem in der Auseinandersetzung mit Russland, das zahlreiche muslimische Gebiete in sein Reich eingliederte. Der Weg dazu war die Wiederbelebung der Kalifatsidee.

Zwar wurde den osmanischen Sultanen häufig der Titel „Kalif“ beigesellt, offiziell beriefen sie sich jedoch erst seit dem 19. Jahrhundert auf diesen Titel. Der aufkommende Panislamismus, der den Muslimen ihre religiöse Identität und Einheit jenseits konkreter politischer Machtverhältnisse vor Augen führen wollte, trug das seine zu dieser Renaissance bei.

Die Idee des Kalifats diente dem auseinanderfallenden Osmanischen Reich dann zunehmend als Rettungsanker: Wenn schon nicht machtpolitisch, sollte wenigstens religiös der Führungsanspruch manifestiert werden. Praktisch hatte dies wenig Auswirkungen, abgesehen davon, dass das Kalifat von islamischen Intellektuellen plötzlich überhaupt wieder diskutiert wurde (in seinem Buch „Staat und Glaubensgemeinschaft im Islam“ erzählt Tilman Nagel diese Diskussionen ausführlich nach).

Abschaffung des Kalifats per Gesetz

Einer konnte damit jedoch definitiv nichts anfangen: Mustafa Kemal, genannt Atatürk. 1922 beschoss die türkische Nationalversammlung die Abschaffung des Sultanats, nicht aber des vom türkischen Staat unterhaltenen Kalifats, nun verstanden als rein geistliches Amt.

Vielleicht hätte sich daraus eine Art islamischer Vatikanstaat entwickeln können, und der Kalif wäre das geworden, was die Europäer immer schon darunter verstehen wollten, eine Art islamischer Papst. Aber Atatürk besann sich und erließ zwei Jahre später ein Gesetz, dass das Kalifat abschaffte. Es sei überflüssig geworden, weil Regierung und Republik ohnedies das einzig legitime Kalifat darstellten – eine denkbar forsche Umdeutung dieses traditionsreichen Amtes.

Da es seither niemanden und nichts mehr gibt, der einen Kalif ernennen könnte, müssen sich diejenigen, die dieses Amt bekleiden wollen, wohl oder übel selbst ernennen, sowie es jetzt Abu Bakr al-Baghdadi oder vor ein paar Jahren in Deutschland Metin Kaplan gemacht hat, der sogenannte Kalif von Köln.

Wer diesen selbsternannten Kalifen Gefolgschaft leisten soll und will, ist eine andere Frage, aber vielleicht erübrigt sich sie sich, wenn man das Wort Gottes nur richtig auslegt. Der Koran sagt im einhundertfünfundsechzigsten Vers der sechsten Sure ebenso wie in einigen weiteren, ähnlichen: „Er (Gott) ist es, der Euch (Menschen) zu Nachfolgern (Kalifen) auf Erden machte.“

Womöglich liegt darin die Keimzelle für eine islamische Begründung der Demokratie. Ob wir wollen oder nicht: Laut Koran sind wir alle Kalifen!

Stefan Weidner

© Qantara.de 2014

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Wir alle sind Kalifen!

Lieber Stefan Weidner,
vielen Dank für den interessanten, weil zum kritischen Nachdenken anregenden Artikel "Wir alle sind Kalifen"! Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass das arabische Wort "Chalifa" zwar auch "Nachfolger" oder "Stellvertreter" bedeuten kann; und in dieser Bedeutung macht es ja auch Sinn, wenn wir etwa von Abu Bakr als Nachfolger des Propheten Muhammad im Amt der Staatsführung sprechen. Im Quran hat das Wort "Chalifa" jedoch noch eine weitere Bedeutung, und zwar "Statthalter". Das Wort taucht zum ersten Mal in der zweiten Sure auf - da, wo über die Erschaffung Adams gesprochen wird und Allah den Engeln verkündet, dass ER einen "Chalifa" auf Erden zu erschaffen im Begriff stehe. Hier taugt als Übersetzung das deutsche Äquivalent "Nachfolger" sicher nicht, denn es stellt sich ja dann die berechtigte Frage: Nachfolger für wen? Auch ein weiteres Äquivalent, nämlich "Stellvertreter", halte ich in diesem Zusammenhang für unpassend - aus Respekt als Geschöpf gegenüber seinem Schöpfer.
Mit freundlichen Grüßen!
Hasan Gunter

Hasan Gunter19.07.2014 | 09:41 Uhr

Danke an den Autoren fuer diesen hochinteressanten, informativen, geistreichen und gut zu lesenden Beitrag! Mehr davon bitte!

Ingrid Wecket19.07.2014 | 13:40 Uhr

Der Fachmann staunt, der Laie wundert sich über diese Märchenstunde zum Kalifat. Weidner hat damit einen kalifalen Bock – mit einem ck-Laut wie in „Quark“ – geschossen, der eurozentristisch angehaucht weder die historischen Bezüge noch die aktuelle Motivation für das Ausrufen eines Kalifats in Irak und Syrien erhellt. Hier nur die zwölf erstaunlichsten Punkte:
1. Ob der sunnitische Islam eine „Heilsgeschichte“ kennt (vergleichbar einer jüdischen oder christlichen Geschichtsauffassung) und ob das Wirken der vier Rechtgeleiteten Kalifen dazugehört, darf bezweifelt werden. Dass der Verfasser sodann weiterfabuliert, „ein Vorbild für die späteren scheinen sie [die Kalifen] oft nur in Bezug auf die gewaltsame Art“ ihres Ablebens gewesen zu sein, passt jedenfalls nicht zusammen.
2. Dass die frühislamische fitna bis heute währt und somit „der längste der Weltgeschichte“ sei, kann nur behaupten, wer (a) von Sunnitentum und Schiitentum spricht, bevor sich beide als Konfessionen etabliert haben, (b) die aktuellen Ursachen für die Verschärfung des Sunna-Schia-Konflikts ignoriert, (c) die Aufspaltung in Konfessionen generell als einen Krieg betrachtet, (d) Phasen der Koexistenz auslässt, etwa dass Schiiten hohe Ämter unter abbasidischen Kalifen inne hatten oder die Abbasiden-Kalifen zweitweise unter schiitischer Schutzmacht standen, und (e) Initiativen der Annäherung übergeht.
3. Die Truppen Alis „unterlagen“ nicht im Kampf gegen Mu’awiya, sondern sie konnten diesen nur nicht bezwingen. Es ergab sich ein Patt, so dass ein Schiedsgericht einberufen wurde. Mu’awiya blieb Statthalter von Damaskus und führte den Kalifentitel wohl erst wieder nach dem Tode Alis.
4. Nicht Mu’awiya ist es, sondern erst sein Sohn Yazid, der seine Truppen 680 bei Kerbala „gegen die Schiiten zu Felde ziehen“ lässt.
5. Der Agha Khan ist kein „irgendwie märchenhaft anmutender leiblicher Nachfolger der fatimidischen Kalifen“, sondern allenfalls Nachfahre einiger, nicht aller Fatimiden. Denn die Nizari-Ismaeliten, denen er vorsteht, spalteten sich von den Fatimiden nach einem Nachfolgestreit im Jahr 1094 ab, in dem Nizar als Kalif übergangen wurde und zu Tode kam. Der Agha Kahn beansprucht weder ein Kalif noch Kalifen-Nachfolger zu sein, sondern er wird von seinen Anhängern als der 49. „Imam“ seit Ali verehrt.
6. Ein Dichter, der von Knabenliebe schreibt, ist kein „Homosexueller“, genauso wenig wie einer, der Weingedichte verfasst, ein gotteslästerlicher „Trunkenbold“ ist, sonst gälte Khomeini ebenfalls als ebensolcher.
7. Was lernen wir über Geschichtsbilder? Die Dschihadisten sollten sich besser an die Märchengestalt Harun Ar-Rashid, die angeblich „erste islamische Moderne“ an seinem Hofe und sein Untertanen-„Ausspionieren“ halten denn an frühere Kalifen, „deren tatsächliches Wirken historisch kaum objektiv zu greifen ist“. So muss es wohl sein, wenn man 1001 Nacht für eine sichere Quellenbasis hält.
8. Auch wenn islamische Reiche religiös und ethnisch pluralistisch waren, so ist Shu’ubiyya gewiss kein „genuin arabisches Wort für Multikulturalismus“, da es sich lediglich auf nicht-arabische Muslime bezieht – etwa auf das Wiederaufleben persischer Kultur ab dem 9. Jahrhundert. Es umfasst weder alle religiösen noch ethnischen Minderheiten noch deren Gleichstellung.
9. Der „letzte Abbaside“ wurde nicht 1258 getötet, sondern einem Familienmitglied soll die Flucht nach Kairo gelungen sein. Daher existierte das Kalifat dort unter den Mamluken weiter bis 1517.
10. „Offiziell“ beriefen sich die osmanischen Sultane nicht „erst seit dem 19. Jahrhundert“ auf den Kalifentitel, erstmals taucht er vielmehr im Friedensvertrag von Küçük Kaynarca 1774 auf, als sich der Sultan im Gegenzug für das Abtreten der Krim an Russland zusichern ließ, geistliches Oberhaupt, eben Kalif, für die Krimtartaren zu bleiben.
11. Es wäre durchaus vorteilhaft, „wenn man das Wort Gottes nur richtig auslegt“. Weidner gibt Koransure 6:165 so wieder: „Er (Gott) ist es, der Euch (Menschen) zu Nachfolgern (Kalifen) auf Erden machte.“ Er (Weidner) folgert daraus, dass wir (Menschen) laut Koran alle Kalifen seien. Im Koran taucht khalifa jedoch nie im Sinne einer Nachfolge Muhammads auf, sondern nur in Bezug auf Adam (2:30) und David (38:26). Ebenso bezieht sich die Pluralform khala‘if (10:14, 10:73, 35:39) auf frühere Generationen und Gesandte, nie jedoch auf alle Menschen. Am ehesten lässt sich die genannte Stelle entweder so verstehen, dass Gott seine Gesandten nacheinander auf Erden einsetzte oder dass die Gläubigen (etwa Muslime) anderen (etwa Juden, Christen) nachfolgen, die die Offenbarung schon vorher erhalten haben.
12. In der „kalifalen“ Korandeutung soll „womöglich die Keimzelle für eine islamische Begründung der Demokratie“ liegen. Ja, wenn alle die Rechtleitung für sich reklamieren, dann dürfte die Demokratie „womöglich“ nicht mehr weit sein. Weidners Selbstermächtigungsinterpretation liegt dem Koranverständnis selbsternannter Kalifen näher, als er wahrhaben will.

Dr. Manfred Sing23.07.2014 | 10:43 Uhr

@ Dr. Sing: Vielen Dank !!!

Habibes25.07.2014 | 09:39 Uhr

Leider hat Stefan Weidner in seinem Beitrag nicht alles richtig dargestellt, z. T. überflüssige Einzelheiten erwähnt und dafür einige wichtige Dinge ausgelassen. Die Verschriftlichung des Qur’āns (Korans) begann nicht erst unter dem Kalifen ´Uthmān, sondern bereits unter dem Propheten Muhammad – Friede sei auf ihm – selbst. Der erste Kalif Abū Bakr ließ dann alle bis dahin noch nicht schriftlich festgehaltenen Teile niederschrieben. ´Uthmān ordnete später an, diese auf verschiedenen Materialien (Palmblätterrispen, flachen Knochen, Lederstücken u. dergl.) geschriebenen Teile in mehreren Exemplaren in Buchform auf Pergament zu kopieren und alle abweichenden privaten Exemplare zu vernichten. Zugleich mit jedem der Exemplare schickte er auch Rezitatoren in die damaligen Metropolen des islamischen Reiches; die mündliche Überlieferung begleitete die schriftliche, und die schriftlichen Exemplare waren mehr Gedächtnisstützen denn Quellen der Überlieferung.
Es ist nicht richtig, alle Sunniten als Gefolgsleute Mu´āwiyas darzustellen und alle Anhänger ´Alīs als Schi´iten. Mu´āwiyas Anhängerschaft bestand fast ausschließlich aus Syrern (er war ja Statthalter von Syrien gewesen), während die Mehrzahl der Muslime der anderen Regionen ´Alī den Treueid als Kalifen geleistet hatten, auch solche, die später zu den „Sunniten“ gerechnet wurden. Die Schi´a in ihrer heutigen Form bildete sich erst später heraus. Diese inkorrekte und indifferenzierte Sichtweise hat bei vielen heutigen Schi´iten dazu geführt, in allen Sunniten fälschlich Anhänger des Umayyaden-Kalifen Mu´āwiya zu sehen und sie dafür zu hassen, obwohl die meisten von ihnen – wie auch die Schi´iten – ´Alī und dessen Nachkommen achten und lieben, nicht jedoch in der übertriebenen Weise wie die Schi´ten und ohne deren abweichende Dogmen übernommen zu haben.
Es gibt arabische Historiker, die dem vom Kalifen Hārūn ar-Raschīd in den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht gezeichneten Bild als eines untugendhaften Willkürherrschers widersprechen, kann doch diese Sammlung volkstümlicher Erzählungen nicht als historische Quelle dienen.
Die sunnitischen Geschichtsschreiber, wie as-Suyūtī, zählen die schi´itischen Fatimidenherrscher Ägyptens nicht als Kalifen, da sie deren Anspruch auf das Kalifat nicht als gerechtfertig sehen und die Richtigkeit ihrer Genealogie bezweifeln. Auch nach der Ermordung des abbasidischen Kalifen in Baghdad durch die Mongolen im Jahre 1258 gab es in Ägypten noch abbasidische Kalifen, die jedoch keinerlei reale Macht mehr besaßen. Mit der Eroberung Ägyptens durch die osmanischen Türken 1517 und die Überführung der bis dahin im Besitz des abbasidischen Kalifen befindlichen Reliquien in die osmanische Hauptstadt Istanbul ging das Kalifat praktisch auf die osmanischen Sultane über, ohne daß dies damals offiziell reklamiert wurde.
Der Vollständigkeit halber sei zu erwähnen, daß auch der König von Marokko aus der Herrscherdynastie der ´Alawīs (nicht zu verwechseln mit den Alawiten in Syrien oder den Aleviten Anatoliens) sich offiziell als Kalif, als „Befehlshaber der Gläubigen“ tituliert.

Frank Walter28.07.2014 | 01:44 Uhr