Generationskonflikt in Ägypten

Bitte nicht in die Fußstapfen der Eltern!

Ägyptische Jugendliche rebellieren mit ihrem Verhalten nicht nur gegen ihre Eltern, sondern gegen jahrhundertealte Gesellschaftsnormen. Das ist völlig normal. Erziehung sollte heute auf gegenseitigem Respekt und Empathie gründen, meint die 20-jährige Studentin Engy Ashraf aus Alexandria.

Generationskonflikte sind keine Neuigkeit. Jeder muss sie schon mit seinen Eltern, Verwandten oder Lehrern erlebt haben. Es ist vollkommen normal, dass Meinungsunterschiede zwischen Menschen verschiedener Altersgruppen auftreten. Wenn diese Unterschiede aber zu viel werden und gegenseitiges Verständnis dagegen seltener wird, dann kann sich jeder vorstellen, wie schwierig das Familienleben sein kann.

Streitigkeiten zwischen Eltern und ihren Kindern kennt auch in Ägypten jeder nur zu gut. Auf der Straße, in Supermärkten, in der Nachbarswohnung – überall sind Schreie und Beleidigungen von beiden Seiten zu hören, sodass eine ägyptische Familie, die nicht tagtäglich laut wird und in Frieden lebt, eine seltene Erscheinung geworden ist.

Wählen wir drei Jahre aus, die jeweils den folgenden drei Generationen zugeordnet werden können: Großeltern, Eltern und Jugendliche. Zum Beispiel: 1957, 1987 und 2017. Natürlich kann man sie nach tausend Aspekten miteinander vergleichen, aber wir wollen uns auf das wichtigste Schlüsselwort konzentrieren: die Medien. 1957 waren lokale Zeitungen und Radiosendungen die üblichen Nachrichtenquellen. Schwarz-Weiß-Fernseher konnten sich nicht alle leisten. 1987 waren Farbfernseher in Mode, PCs noch nicht. Mit der Einführung des World Wide Webs im Jahr 1991 kommt ein wichtiges Medium hinzu, das bald vieles verändern wird.

Angekommen im Zeitalter der Globalisierung

Mit dem Internet liegt uns die ganze Welt zu Füßen oder besser gesagt auf unseren Bildschirmen. Die "ganze Welt" bedeutete aber für unsere ägyptischen Großeltern und Eltern nichts weiter als ihre Heimatstadt. Meine Generation lernt mindestens eine Fremdsprache in der Schule (die mittlerweile eine internationale Schule sein kann), schaut lieber amerikanische Filme im Fernsehen, hört weltweit berühmte Musikgruppen, bevorzugt Markenklamotten, wünscht sich das neue Apple-Handy zum Geburtstag, möchte gerne im Ausland studieren, fragt nach Dingen wie Kommunismus, Atheismus und Homosexualität.

Arabische Jugendliche in einem Internet-Café; Foto: dpa/picture-alliance
Quantensprung ins digitale Zeitalter: "Mit dem Internet liegt uns die ganze Welt zu Füßen oder besser gesagt auf unseren Bildschirmen. Die 'ganze Welt' bedeutete aber für unsere ägyptischen Großeltern und Eltern nichts weiter als ihre Heimatstadt", berichtet Engy Ashraf.

Irgendwann wird es zu viel für die armen Eltern, für die Mc Donald’s, Jeanshosen und Michael Jackson höchste Modernität waren. Und genau wie der alte Spruch sagt, "Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht", fühlt sich die ältere Generation dem schnellen Tempo und der materiellen Natur des 21. Jahrhunderts gegenüber oft entfremdet. Folglich versuchen sie ihre Kinder gemäß ihrem alten, als "richtig" empfundenen Lebensstil zu erziehen.

Jedoch weigern sich die Kinder, zur großen Enttäuschung ihrer Eltern, in einer anderen Zeit als ihrer eigenen zu leben. Und so entsteht schon während der ersten Jahre der Eltern-Kind-Konflikt, der mit der Adoleszenz so stark wird, dass in vielen Fällen die beiden Generationen unwiderruflich "inkompatibel" werden.

Die ägyptische Kultur ist kein Hollywood-Film!

Die Ägypter lieben das Fernsehen. Egal, ob es amerikanische Filme oder türkische Serien sind, das Fernsehen hat jede Menge Einfluss auf die Gesellschaft, insbesondere auf Jugendliche. Stellen wir uns zwei ägyptische 18-Jährige, einen Jungen und ein Mädchen, vor. Der Junge sieht Jugendliche seines Alters im Fernsehen Alkohol trinken, mit Mädels quatschen, gegen den Willen ihrer Eltern handeln, mit 18 Jahren ausziehen, den Glauben ändern, allein die Welt entdecken. Das Mädchen sieht ihresgleichen problemlos mit Shorts herumlaufen, in der Öffentlichkeit Freunde berühren und küssen, ohne Aufsicht mit Freundinnen die Ferien im Ausland verbringen, einen Nebenjob während des Studiums suchen, über die Zukunft selbstständig entscheiden. Dann schalten beide den Fernseher aus und sind mit der Realität der ägyptischen Gesellschaft konfrontiert.

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