Gaza-Krieg 2014

Israel kann nicht siegen

Alle, die anders denken, gelten als Saboteure: Wie die Gedankenpolizei meine Heimat dominiert und warum sich die wahren Probleme nicht einfach wegbomben lassen. Ein Gastbeitrag des israelischen Schriftstellers Etgar Keret.

Ob ich will oder nicht, seit Tagen stoße ich immer wieder auf den Spruch „Lasst die israelischen Verteidigungskräfte siegen“. Viele der Jugendliche, die ihn auf ihren Facebook-Seiten zitieren, glauben tatsächlich, er wäre anlässlich der jüngsten Militäroperation im Gazastreifen erfunden worden. Ich aber bin alt genug, um mich daran zu erinnern, dass er viel früher in die Welt kam, erst als Autoaufkleber, später als gängiger Spruch, den jedes Kind in Israel kennt.

Und dieser Spruch richtet sich auch nicht an Anhänger der Hamas oder an Bürger in Europa, sondern einzig und allein an die Menschen in Israel – und ihre verflixte Weltanschauung, die hier seit nunmehr vierzehn Jahren alles beherrscht. Denn diese Denkweise beruht auf falschen Annahmen.

Die Sache zu einem Ende bringen?

Die erste davon ist die, dass es Menschen in Israel gibt, die den Sieg und die damit einhergehende Ruhe verhindern. Diese Saboteure – ich und alle, die anders denken als sie – hielten unsere Armee vom Sieg ab. Wir nämlich fesselten die starken Muskeln unserer Militärs mit ätzenden Artikeln und defätistischen Rufen nach mehr Humanität und Mitgefühl. Gäbe es uns nicht, diese Verräter, so hätten die israelischen Verteidigungskräfte schon längst gesiegt, und die Ruhe, nach der wir uns so sehr sehnen, wäre endlich hergestellt.

Die andere, viel gefährlichere Annahme hinter dem Spruch „Lasst die israelischen Verteidigungskräfte siegen“ ist die, dass die israelische Arme überhaupt siegen kann. „Wir sind bereit, alle Raketen zu ertragen“, sagt jedes Mal eine andere Vorzeigefamilie aus dem Süden des Landes, „nur, damit der ganze Schrecken endlich ein Ende hat“.

Etgar Keret; Foto: Moti Kikayon/Wikimedia Commons
"Die israelische Armee kann einen Kampf gewinnen, aber nur ein politischer Kompromiss wird den israelischen Bürgern Sicherheit und Ruhe bringen", sagt Etgar Keret.

Vierzehn Jahre, vier militärische Einsätze im Gazastreifen später – und wir hängen immer noch an der gleichen schiefen Parole fest. Die Kinder, die während der „Defensive Shield Operation“ im Jahr 2002 in die erste Klasse gingen, sind heute die Soldaten, die in Gaza einmarschieren. Bei jeder Militäroperation gibt es Politiker aus dem konservativen Lager und politische Kommentatoren, die uns erklären, dass die Zeit, freundlich zu sein, vorbei sei und die Sache nun endlich zu einem Ende gebracht werden müsse.

Und wenn man sie dann auf dem Bildschirm anschaut, fragt man sich: Welches Ende meinen sie? Worauf zielen sie? Denn selbst wenn jeder einzelne Hamas-Kämpfer getötet wird, glaubt doch niemand wirklich, dass der palästinensische Wunsch nach nationaler Anerkennung damit vernichtet wäre. Bevor die Hamas kam, haben wir gegen die PLO gekämpft, und wenn die Hamas zerstört sein wird – und wir hoffentlich noch alle hier sind –, werden wir gegen eine andere palästinensische Organisation kämpfen.

Die israelische Armee kann einen Kampf gewinnen, aber nur ein politischer Kompromiss wird den israelischen Bürgern Sicherheit und Ruhe bringen. Das aber darf man nach dem Willen der patriotischen Kräften, die das aktuelle Gefecht anführen, nicht sagen. Deshalb wird man, wenn die Waffen schweigen und die Toten beider Seiten gezählt sind, mit dem Finger auf uns zeigen.

Es ist schlimm, einen Fehler zu machen, der viele Menschenleben kostet. Noch schlimmer ist es, ihn zu wiederholen. Vier militärische Operationen, viele Tote – und wir sind wieder am selben Punkt wie zuvor. Das Einzige, was sich ändert, und zwar zum Schlechteren, ist die Fähigkeit der israelischen Gesellschaft, mit Kritik umzugehen.

In den letzten Wochen wurden linke Demonstranten immer wieder von Rechtsradikalen zusammengeschlagen; Facebook-Seiten unter Namen wie „Tod den Linken“ wurden eröffnet, und es wurden Rufe nach Boykotten gegen alle und jeden laut, deren Meinung vom Sieg Israels abwich. Anscheinend ist die blutige Route, die uns in Israel von Einsatz zu Einsatz führt, kein Kreis, wie wir dachten, sondern eine Spirale. Sie weist nach unten, zu Abgründen, die wir, fürchte ich, noch kennenlernen werden.

Etgar Keret

© Frankfurter Allgemeine Zeitung 2014

Aus dem Hebräischen von Alexandra Belopolsky.

Etgar Keret, Jahrgang 1967, ist einer der bekanntesten Schriftsteller Israels und veröffentlichte auf Deutsch zuletzt „Plötzlich klopft es an der Tür“.

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

 

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Leserkommentare zum Artikel: Israel kann nicht siegen

Ich gebe Dir grundsätzlich Recht, lieber Etgar, aber was ist die Alternative ? Wollt Ihr weiter unter den Raketen der Hamas leiden? Und wie lange wollt Ihr Euch das Gesundere der restlichen Welt noch gefallen lassen, einer Welt, die nur bereit ist, alles in Schwarz-Weiß zu sehen, hier die Guten, dort die Bösen, die Frauen- und Kindermörder. Wenn Ihr jetzt ordentlich aufräumt, dann habt Ihr wieder für einige Jahre Ruhe - eine traurige Weisheit, gewiss, aber, was wollt Ihr sonst machen?? Mit einer Hamas, die nicht wirklich weiß, was sie will, kann man nicht verhandelt. Zum einen sind sie nach wie vor Terroristen und zum andern haben sie Israel noch nicht anerkannt und werde dies auch nie tun. Alle Waffenstillstandsabkommen wurden bislang gebrochen, wie kann man so einer Organisation noch trauen? Wo sind die Milliarden geblieben, die Palästina im Verlaufe von Jahrzehnten erhalten hat ? Wurden sie angelegt, wurden sie investiert? Nein, damit wurden Waffen gekauft, statt der Bevölkerung ein besseres Leben zu ermöglichen.

Ali Baba28.07.2014 | 10:41 Uhr