Fünf Jahre nach dem Arabischen Frühling

Schöne neue Welt?

Bereits vor fünf Jahren richteten sich die Aufstände in vielen arabischen Ländern gegen die Unzulänglichkeiten der veralteten gesellschaftlichen Ordnung und die massiven wirtschaftlichen Probleme. Doch die arabischen Regierungen scheinen die Botschaft noch immer nicht verstanden zu haben. Von Marwan Muasher

Eine aktuelle Umfrage der Stiftung Carnegie Endowment for International Peace unter hundert arabischen Vordenkern ließ einen breiten Konsens darüber erkennen, was der Grund für viele der Probleme in der Region ist: ein Mangel an guter Staatsführung. Die Befragten hielten die darauf zurückzuführenden inländischen Probleme – Autoritarismus, Korruption, veraltete Ausbildungssysteme und Arbeitslosigkeit – sogar für wichtiger als regionale Themen wie die Bedrohung durch den selbsternannten "Islamischen Staat" (IS) oder die Einmischung regionaler oder internationaler Mächte.

Fünf Jahre nach dem Ausbruch der Unruhen haben die arabischen Bürger bei den Angelegenheiten ihrer jeweiligen Länder immer noch wenig Mitsprache – und in manchen Fällen sogar noch weniger als damals. Darüber hinaus hängen sie von Rentenökonomien ab, die nicht in der Lage sind, für ihre jungen, gut ausgebildeten Bevölkerungen genug Arbeitsplätze zu schaffen. Und sie leiden unter einem alarmierenden Mangel an Rechtsstaatlichkeit, aufgrund dessen sie nicht sicher sein können, unabhängig von Geschlecht, ethnischer Herkunft oder Religion gleich behandelt zu werden.

Hoffnungsschimmer Tunesien

Doch die momentan schlechte Staatsführung bedeutet nicht, dass die arabische Welt zum Scheitern verurteilt ist. Tunesien ist ein Leuchtfeuer der Hoffnung. Nach der Revolution von 2011 kam im Land ein konsensorientierter und integrativer Prozess in Gang, um eine neue Gesellschaftsordnung zu entwickeln, die die individuellen und kollektiven Rechte der Bürger in den Vordergrund stellt.

Zwar gibt es dort immer noch ernste Wirtschafts- und Sicherheitsprobleme, aber der erste Schritt zu deren Lösung ist der nationale Dialog, den das Land begonnen hat. Andere arabische Gesellschaften müssen nun einen ähnlichen Dialog starten, damit Volkswirtschaften und Institutionen geschaffen werden können, die die Bedürfnisse ihrer Bürger erfüllen.

Stimmenauszählung nach den Wahlen von 2014 in Tunesien; Foto: Reuters
Wahlen als Lackmustest für die demokratische Verfasstheit: Tunesien ist das einzige arabische Land, das nach den arabischen Aufständen den Übergang zur Demokratie geschafft hat. 2014 wurde eine neue Verfassung beschlossen, die die persönliche Freiheit sämtlicher Bürger garantieren soll.

Die Geschichte lehrt uns, dass solche Wandlungsprozesse Zeit brauchen. Um ihre volle Wirkung auf die Gesellschaft zu entfalten, müssen die lang unterdrückten Ideen und Energien, die durch Ereignisse wie den Arabischen Frühling freigesetzt wurden, erst reifen.

Betrachten wir die Aufstände in Europa von 1848, als die Bürger gegen autoritäre und feudale Systeme sowie den Mangel an wirtschaftlichen Möglichkeiten protestierten. Am Ende des Jahres konnten die Kräfte des Status Quo die Macht wieder erlangen, und die Aufstände schienen niedergeschlagen zu sein.

Unumkehrbarer Wandel

Aber etwas hatte sich verändert. Tabus waren gebrochen worden, und während der folgenden Jahrzehnte führten technische Fortschritte zur Verbreitung neuer Ideen. Bald darauf löste sich der Feudalismus auf, liberale und demokratische Werte gewannen an Boden, die Frauen konnten größere Rechte erlangen, und es entstanden Wirtschaftssysteme, die zu gesteigerter Produktivität, hohen Wachstumsraten und besserem Lebensstandard führten.

Nach und nach entwickelt sich auch in der arabischen Welt ein ähnlicher Prozess. Die Bürger (insbesondere die jungen Menschen), denen es an Vertrauen in ihre Regierungen mangelt, suchen alternative Informationsquellen und neue Wege, wirtschaftlich zu überleben. Dieser Wandel wurde von den Regierungen bislang kaum wahrgenommen, was verdeutlicht, wie sehr sie sich von ihren eigenen Bürgern entfremdet haben. Doch bald wird er nicht mehr zu übersehen sein.

Arabische Frauen mit Smartphones; Foto: AFP/Getty Images
Technologie als Schlüssel für einen demokratischen Wandel in der Region? "Technologie ist zwar kein Allheilmittel für die Region. Doch durch sie kann der soziale und wirtschaftliche Fortschritt der arabischen Welt beschleunigt werden", schreibt Marwan Muasher.

All dies geschieht zu einer Zeit, in der eine weitere wichtige Entwicklung stattfindet: Die ölbasierten Rentensysteme schrumpfen rapide, was am starken Rückgang der Energiepreise in den letzten zwei Jahren liegt. Insbesondere Saudi-Arabien sah sich gezwungen, zu einem Wirtschaftsmodell überzugehen, in dem das Wachstum hauptsächlich durch Investitionen und Produktivität angetrieben wird. Andere Länder der Region müssen dem folgen und ebenfalls ihre Wirtschaftssysteme reformieren. Tun sie dies nicht, werden sie den Zorn ihrer immer wütenderen Bürger zu spüren bekommen.

Faktor Technologie

Ein wichtiges Element innerhalb der Wirtschaftsreformstrategien ist die Technologie. Bereits jetzt haben 240 Millionen – größtenteils junge – Araber über ihre Mobiltelefone Zugang zum Internet. Etwa bis 2020 werden dann alle arabischen Jugendlichen so miteinander verbunden sein. Durch Technologie wird das Entstehen und die Verbreitung von Wissen gefördert, und das in einer Region, die bei diesem Prozess traditionell hinterher hinkt. Und momentan werden viele Technologiefirmen neu gegründet.

Dies bedeutet nicht, dass Technologie für die Region ein Allheilmittel ist. Immerhin wird sie auch vom IS verwendet, allerdings auf unheilvolle Art: um grausame Propaganda zu verbreiten und neue Mitglieder zu rekrutieren. Aber durch Technologie kann der soziale und wirtschaftliche Fortschritt der arabischen Welt beschleunigt werden, und dies auch dadurch, dass die Länder zu ihrer Unterstützung ein modernes institutionelles Umfeld schaffen.

Heute kann sich kein Land entwickeln, ohne effektive und vertrauenswürdige Institutionen zu entwickeln, ein sinnvolles System politischer Kontrollmechanismen aufzubauen und die Zuständigkeit für die Entscheidungsfindung auf mehrere Gewalten zu verteilen. Diese Elemente sind entscheidend dafür, dass die Länder ihren Bürgern eine angemessene Lebensqualität bieten können.

Eines Tages wird die arabische Welt über all dies verfügen. Im Gegensatz zur internationalen Gemeinschaft, die sich auf den IS oder die destruktive Rolle des Iran im Nahen Osten konzentriert, kümmern sich die meisten Araber darum, ihr Leben zu verbessern. Dies sollte von ihren Regierungen unterstützt werden.

Marwan Muasher

© Project Syndicate 2016

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Marwan Muasher, ehemaliger Außenminister und stellvertretender Premier Jordaniens, ist heute Vize-Präsident der "Carnegie Endowment for International Peace". 2014 erschien sein Buch "The second Arab awakening and the battle for pluralism".

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Leserkommentare zum Artikel: Schöne neue Welt?

Zittat:
"Insbesondere Saudi-Arabien sah sich gezwungen, zu einem Wirtschaftsmodell überzugehen, in dem das Wachstum hauptsächlich durch Investitionen und Produktivität angetrieben wird"

Saudien Arabien kaufen ausländische Aktien, das ist auch per Definition immernoch eine Rentenökonomie.
Das saudien Arabien irgendwas produziert ist mir fremd. Die saudis verkaufen Öl und konsumieren ausländische Güter.

Magnus 14.06.2016 | 16:20 Uhr