Friedrich Schrader zu "Israel und die AfD - ein zwiespältiges Verhältnis" von Stefanie Järkel

Dass der Likud Probleme hat, sich von der AfD abzugrenzen, hat nicht nur mit der aktuellen israelischen Besatzungspolitik zu tun, sondern ganz allgemein mit der Geschichte der israelischen Rechtspartei, die eben nicht die israelische CDU ist, als der sie sich in Deutschland gerne geriert. Der Likud ist in den 1970er Jahren als Bündnis von liberal-konservativen Kreisen, die die damalige Vormacht der sozialistisch geprägten Arbeitspartei von David Ben Gurion und Golda Meir, die Israel seit der Gründung beherrscht und dominiert hatte, brechen wollten, mit einer bis dahin eher marginalen stark rechtsnationalistischen Bewegung, der "Herut"-Partei von Menachem Begin, entstanden. Es lohnt sich, die Geschichte des "Herut" und seiner Rezeption genauer anzuschauen. Teile dieser Bewegung, der "Stern" (Lehi) unter Yitzhak Shamir, bekämpften die britische Besatzungsmacht sogar während des Zweiten Weltkrieges mit Terror und Gewalt, als die damals dominierende "Hagana" mit der britischen Besatzungsmacht zusammenarbeitete und sie gegen den gemeinsamen Feind Hitler unterstützte. Menachem Begins "Herut" bzw. seine Guerilla-Organisation "Irgun" hielt sich damals zurück, begann aber nach 1945 sofort wieder den bewaffneten Kampf gegen die Briten. Im Unabhängigkeitskrieg 1947/48 zeichnete sich der Irgun durch rücksichtslose Brutalität gegen die arabische Zivilbevölkerung aus, das Massaker von Deir Yassin erregte damals bis in die USA Aufsehen und wurde auch und gerade von jüdischen Intellektuellen scharf kritisiert. Auch die von Sozialdemokraten wie Moshe Sharett betriebene Annäherung an das Nachkriegsdeutschland (sogenannte "Wiedergutmachungsverhandlungen") wurden mit Gewalt bekämpft, ein Kommando des "Irgun" versuchte Kanzler Adenauer mit einer Paketbombe zu ermorden, die allerdings lediglich einen Münchner Polizeibeamten tötete. Die Angelegenheit wurde von der Adenauerregierung vertuscht. In den USA, wo Begin Ende der 1940er Jahre Spenden für seine radikale Organisation sammelt, mobilisierten die führenden jüdischen Intellektuellen von Albert Einstein bis Hannah Arendt gegen ihn. Am 4. Dezember 1948 erschien in der "New York Times" der berühmte Leserbrief, der "Tacheles" über Begin und seine Bewegung redete und sie in die Nähe faschistischer Organisationen und Ideologie rückte. Der heutige Likud, der sich seines liberalen Zweiges entledigt hat (der damalige Mitbegründer Ezer Weizman wurde gegen Ende seines Lebens eine in israelischen Augen "linke Taube") wird unter jungen, sehr rechtsnationalistischen Politikern wie Tsipi Hotovely wieder zu der extremistischen Partei der Anfangsjahre, die ethnischen Nationalismus höher wertet als demokratische Prinzipien. Dass sie dadurch der AfD näher stehen als "traditionellen" Parteien in Deutschland wie SPD und CDU liegt auf der Hand.

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