Frauenrechtskampagne im Iran

"Jetzt sind die Männer an der Reihe"

Die Spielführerin der iranischen Fußballnationalmannschaft durfte jüngst nicht an den Asien-Spielen teilnehmen, da ihr Ehemann es ihr untersagt hatte. Damit hat er zwar das Gesetz der Islamischen Republik auf seiner Seite, aber scheinbar nicht alle Männer im Land. Von Yalda Zarbakhch

"Meine Frau, du bist frei!" - "Als iranischer Mann schäme ich mich für Artikel 18 im Passgesetz!" - "Ich gebe meiner Frau nicht nur das Recht zu reisen zurück, sondern auch alle anderen Rechte die ihr zustehen." (siehe Artikelbild) Alles Bekenntnisse iranischer Männer, die seit Ende September auf Facebook und unter dem Hashtag #itsmensturn ("Jetzt sind die Männer an der Reihe") in den sozialen Medien im Iran die Runde machen.

Der Anstoß für diese ungewöhnliche Frauenrechtskampagne von Männern kam aus dem Sport. Niloufar Ardalan, die beliebte Spielführerin der Frauenfußball-Nationalmannschaft ("Lady Goal") musste während der Asien-Hallenmeisterschaft in Malaysia zu Hause bleiben. Nicht etwa, weil sie verletzt gewesen wäre. Hintergrund war ein häuslicher Streit: Ardalans Ehemann Mehdi Toutounchi, ein bekannter Sportmoderator, wollte, dass seine Frau bei der Einschulung des jüngsten Sohnes der beiden anwesend ist. Und dafür musste er nichts weiter tun, als sich auf sein Recht zu berufen.

Denn per Gesetz entscheiden Männer über die Ausreise ihrer Frauen. Und auch über das Recht zu arbeiten, zu studieren, über den gemeinsamen Wohnort, das Sorgerecht, das Scheidungsrecht. All diese Rechte tritt die Frau automatisch an den Mann ab, sobald sie heiratet. (Einzige Ausnahme ist die Pilgerfahrt nach Mekka - für diese Reise bedarf es keiner männlichen Genehmigung.)

Kampf für Frauenrechte noch nicht gewonnen

Zwar ist das Gesetz, das über 50 Jahre alt ist, also aus der Zeit vor der islamischen Revolution stammt, von der gesellschaftlichen Wirklichkeit im Iran weitgehend überholt worden. Die Frauen haben sich gegen den Widerstand der konservativen Geistlichen mehr und mehr finanzielle und gesellschaftliche Unabhängigkeit erkämpft und stellen inzwischen über 70 Prozent der Studierenden.

Niloufar Ardalan; Foto: nasimonline
Im Abseits: Nachdem ihr Ehemann die Ausreise zur Asienmeisterschaft verboten hatte, kritisierte die populäre iranische Fußballerin Niloufar Ardalan das iranische Rechtssystem, das nicht einmal Nationalspielerinnen das Recht auf eine Teilnahme an internationalen Turnieren gewährt. Die Mannschaft brauche sie, nun müsse sie ihre Mitspielerinnen in Stich lassen. "Ich wollte für den sportlichen Erfolg meines Landes zu den Spielen, nicht um mich zu amüsieren", betonte sie.

Trotzdem sei aber der Kampf für Frauenrechte im Iran noch lange nicht gewonnen, sagt die weltweit bekannte Anwältin und Menschenrechtsaktivistin Nasrin Sotudeh, die von 2010 bis 2013 inhaftiert war und mit einem staatlichen Ausreiseverbot belegt ist. "In bestimmten Teilen der Gesellschaft gehören solche Verbote für Frauen leider zum Alltag und da schreit niemand auf", sagt sie.

Umso erfreulicher sei es, dass "die junge Generation nicht mehr bereit ist, solche Ungerechtigkeiten zu ertragen. Egal ob die nun ideologisch begründet werden oder mit der Islamischen Revolution oder unter dem Vorwand, dass Männer das dominierende Geschlecht seien. Es gibt viele junge Männer in dieser Generation, die dafür sogar Strafverfahren in Kauf genommen haben und auch einige, die verhaftet wurden und die bereit waren, diesen Preis zu zahlen", berichtet Nasrin Sotudeh.

Stillstand trotz Internet-Kampagne

Damit bezieht sie sich auf die verschiedenen Frauen- und Bürgerrechtsinitiativen, die 2009 in die sogenannte "Grüne Bewegung" gegen die Wiederwahl von Präsident Rohanis Vorgänger Ahmadinedschad mündeten. Die Bewegung wurde zerschlagen, seitdem herrsche aus Angst vor Repressionen eine Art Stillstand zwischen der Zivilgesellschaft und dem Regime, sagt der Sozialwissenschaftler Kaveh Mozafari, der selbst in der Bewegung aktiv war.

Er begrüßt zwar die aktuelle Internetkampagne, ist allerdings skeptisch, was ihre Wirksamkeit betrifft: "Es ist schön und gut, dass sie Flagge zeigen, aber ich glaube nicht, dass die Mehrheit dieser Männer bereit wäre, einen höheren Preis zu zahlen als ein Foto zu posten, um wirklich was zu verändern", vermutet er.

Rein rechtlich ist es möglich, bei der Eheschließung eine Änderung im Ehevertrag eintragen zu lassen, um der Frau alle Rechte zurückzugeben, die laut Gesetz dem Mann zustehen. Aber die zuständigen Standesämter sind mit Beamten und Geistlichen besetzt, die an traditionellen Rollenmustern festhalten und sich oft weigern, solch eine Änderung einzutragen.

Irans Menschenrechtsaktivistin Nasrin Sotudeh; Foto:  picture-alliance/abaca/K. Farzaneh
Irans Menschenrechtsaktivistin Nasrin Sotudeh: "Die junge Generation ist nicht mehr bereit, solche Ungerechtigkeiten in Bezug auf die Frauenrechte zu ertragen. Egal ob die nun ideologisch begründet werden oder mit der Islamischen Revolution oder unter dem Vorwand, dass Männer das dominierende Geschlecht seien. Es gibt viele junge Männer in dieser Generation, die dafür sogar Strafverfahren in Kauf genommen haben und auch einige, die verhaftet wurden."

Änderungen beim Ehevertrag möglich, aber schwierig

Kaveh Mozafari gehört zu den wenigen, die das trotzdem geschafft haben: "Erst einmal mussten wir lange suchen, um überhaupt ein Amt zu finden, das bereit war, das zu machen. Dann hatte der Standesbeamte Probleme mit dem Textinhalt, den wir aufgesetzt hatten. Er weigerte sich, das wortwörtlich so zu ergänzen, und kam damit nicht klar. Er sagte mir dauernd, er könne das nicht aushalten, denn ich würde mich ja über den Tisch ziehen lassen, und so weiter." Kaveh und seine Frau konnten sich aber letzten Endes durchsetzen.

Diese Möglichkeit einer Änderung im Ehevertrag sei vielen Frauen gar nicht bewusst, sagt Kaveh Mozafari. Und die, die davon Kenntnis haben, hielten es unter Umständen nicht für angebracht oder trauten sich gar nicht erst, das Thema aufzuwerfen.

Viele Paare befürchteten auch einen Konflikt zwischen den Familien vor der Hochzeit. Und schließlich gebe es auch immer noch Fälle von arrangierten Ehen. "Eine Frau, die mehr oder weniger zwangsverheiratet wird, ist weit davon entfernt, mit solch utopischen und progressiven Forderungen anzukommen", so der Sozialwissenschaftler.

Für ihn und auch für Nasrin Sotudeh ist die Änderung im Ehevertrag demnach auch nur eine Notlösung. Ändern könne sich die Lage nur dann, wenn sich die Gesetze ändern. Denn, so Kaveh Mozafari: "Andernfalls können die Männer ihre Frauen immer wieder zurück an den Herd zwingen, egal wie hoch die Position der Frau in der Gesellschaft ist."

Yalda Zarbakhch

© Deutsche Welle 2015

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