Angestellte diverser Ministerien und Behörden oder anderer staatlicher Einrichtungen wie Flughäfen wurden von nun an nicht mehr an ihre Arbeitsplätze gelassen, wenn sie ohne Kopftücher erschienen. Wer nicht bereit war, sich dem Zwang zu unterwerfen, quittierte den Dienst. Andere legten die Kopftücher erst beim Betreten des Gebäudes unter den Blicken der Sittenwächter an und beim Hinausgehen wieder ab. Auch Frauen, die Behördengänge zu erledigen hatten, bei der Bank oder bei der Post Erledigungen machten, mussten sich vorsorglich islamisch bekleiden, wenn sie das Haus verließen.

Es war also keine Überraschung mehr, als wenig später angekündigt wurde, Frauen dürften von nun an nur noch in islamischer Kleidung auf die Straße, also in langen Mänteln in dunklen Farben, langen Hosen und mit Kopftüchern.

Das erste Gesetz, das Verstöße gegen den Schleierzwang unter Strafe stellte, wurde 1983 verabschiedet. Laut Paragraf 102 des iranischen Strafgesetzes werden seither nicht islamisch korrekt bekleidete Frauen zu zehn Tagen bis zwei Monaten Gefängnis oder Geldstrafen auferlegt.

Frauen der Mittelschicht gegen den Schleierzwang

Das Thema Hidschab ist von der Frauenrechtsbewegung im Iran nicht in den Mittelpunkt gerückt worden. Die Aktivistinnen haben sich eher gegen die viel gravierendere rechtliche Benachteiligung von Frauen eingesetzt: gegen die Steinigung, für das Recht auf Scheidung und das Sorgerecht der Mütter für ihre Kinder, gegen häusliche Gewalt, gegen Berufsverbote, Männerquoten an Hochschulen, Erbrecht etc. Darüber haben sie Artikel und Bücher geschrieben, Seminare veranstaltet, an Konferenzen und Kongressen teilgenommen, aufgeklärt und demonstriert. Sie sind deshalb verhaftet worden und haben Proteste organisiert, um die Verhafteten frei zu bekommen.

Das Thema islamische Bekleidungsordnung hatten sie den politisch weniger ambitionierten Frauen aus der Mittelschicht überlassen. Vor allem diese "Einzelkämpferinnen" waren es, die sich seit fast 40 Jahren kontinuierlich und sichtbar auf den Straßen dem Willen der Obrigkeit widersetzten.

Frauenrechtlerinnen glaubten eine Zeit lang, dass es der islamischen Regierung gar nicht um den einen Quadratmeter Stoff ging, wenn sie die Sittenwächterinnen auf Frauen losließ oder diese vor "dem moralischen Verderben" retten wollte. Sondern darum, Frauen wie Männer zu verunsichern, ihnen Angst einzujagen und ihre eigene Autorität zu sichern. Menschen, die täglich ihre Ohnmacht spüren, sind nicht in der Lage, sich dem Willen der Obrigkeit zu widersetzen.

Doch seit einigen Jahren begehren junge Frauen im Iran nicht mit Bitterkeit, sondern kreativ und lustvoll gegen die islamische Kleiderordnung auf. Sie sind zahlreicher geworden, zumeist nicht organisiert und handeln auf eigene Faust. Sie betrachten ihre Autos als Privatraum und nehmen dort die Kopftücher herunter. In Langstreckenbussen werden die Vorhänge zugezogen, es wird laute Musik gespielt und getanzt. In U-Bahnen oder Bussen legen sie plötzlich ihre Kopftücher ab und lassen sich dort filmen. Sie sind lebensfroh, fangen in Einkaufspassagen trotz des Gesangsverbots für Frauen an zu singen, Passanten bleiben stehen, applaudieren oder spenden Geld.

Das kleinere Übel für die religiöse Obrigkeit

Es handelt sich hierbei weder um organisierte Protestaktionen noch um prominente Frauenaktivistinnen. Und kaum jemand setzt sich für die Freilassung derjenigen ein, die bei solchen Aktionen verhaftet werden. Denn in diese werden von der Obrigkeit nicht als politische Rebellionen verstanden. Oft sind es junge Mädchen, die spontan entscheiden, sich für eine halbe Stunde den Gesetzen zu entziehen. Nicht zuletzt wollen sie damit auch sich selbst und ihren Freundinnen gegenüber Mut beweisen.

Doch nicht nur unbekannte Iranerinnen produzieren solche Bilder. Naimeh Eshraghi, eine Enkelin des Republikgründers Khomeini, erscheint stark geschminkt in der Öffentlichkeit, wo Frauen seit Jahrzehnten wegen der Verwendung von Lippenstift oder Nagellack von Sittenwächtern belangt wurden. Ihre Tochter Naima Taheri, die in Kanada studiert, erschien dort jüngst bei einer Preisverleihung in High Heels, hautenger Hose und einem Oberteil mit durchsichtigen Ärmeln. Azadeh Namdari, Starmoderatorin des staatlichen Fernsehens und Vorzeigefrau, weil sie immer als Befürworterin der strengsten Form des Hidschabs auftrat, zeigten Fotos ohne Kopftuch und mit einer Flasche Bier in einem Schweizer Park.

Dass der ultrakonservative Kleriker, Politiker und Khamenei-Freund Alamollhoda ausgerechnet jetzt offenbart, der Hidschab ließe sich nicht mit Zwang durchsetzen, könnte mit dem dringenden Bedürfnis erklärt werden, das Gesicht der Machthabenden zu wahren.

Wenn man Frauen mit unbedecktem Haar nicht mehr festnehmen und wegsperren kann, weil sie es inzwischen zu viele sind, die keiner Organisation angehören und auf eigene Faust handeln, bleibt der Obrigkeit nichts übrig, als sich in deren Richtung zu bewegen – um zu verhindern, dass sie sichtbar für alle unbestraft gegen geltendes Recht verstoßen. Eine Lockerung des Kopftuchzwangs wäre für sie wohl leichter zu ertragen als ein umfassender Macht- und Autoritätsverlust.

Nasrin Bassiri

© Iran Journal 2017

Dr. Nasrin Bassiri ist Autorin, Journalistin und Frauenbeauftragte an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.