Frauenrechte im Iran

Khomeinis Töchter

Die Situation der Frauen im öffentlichen Raum ist zwar nach wie vor schwierig, dennoch regt sich unter dem Schleier auch Widerstand. Zumeist sind sie gut ausgebildet, selbstbewusst und kämpfen um ihren Platz in einer patriarchalischen Gesellschaft. Von Claudia Hennen

Iranische Fotografin Newsha Tavakolian; Foto: ONUK
"Irannerinnen sind keine Opfer und wollen als solche auch nicht betrachtet werden. Sie sind sehr stark und sie arbeiten hart daran, ihre Situation zu verändern!", sagt die Fotografin Newsha Tavakolian.

​​"Warum trägt Ahmadinedschad den Scheitel in der Mitte? Die Antwort: Damit er die weiblichen Läuse besser von den männlichen trennen kann!" Witze wie dieser kursierten unter den Iranerinnen per SMS, erzählt die iranisch-französische Journalistin Delphine Minoui.

Regelmäßig berichtet die 34jährige für französische Medien aus dem Nahen Osten. Acht Jahre lang hat sie den Alltag der Teheraner Frauen beobachtet und in ihrem Buch "Les pintades à Téhéran" – zu deutsch etwa: "Die gackernden Hühner von Teheran" - festgehalten.

In Situation iranischer Frauen im öffentlichen Raum ist zwar nach wie vor schwierig, dennoch regt sich unter dem Schleier auch Widerstand. In den 30 Jahren seit der iranischen Revolution haben sich die Frauen Schritt für Schritt Nischen erobern können.

Die Töchter Khomeinis, das heißt die jungen Frauen um die 30 Jahre, sind gut ausgebildet, selbstbewusst und stolz – und kämpfen um ihren Platz in einer patriarchalischen Gesellschaft, auch wenn sie dafür manchmal einen hohen Preis zahlen müssen.

Humor als Waffe

Darum sei der Humor eine weit verbreitete Waffe, erzählt Delphine Minoui. Die Kraft dieser Witze liege darin, dass sie anonym verbreitet würden.

Eine Feministin oder eine Rechtsanwältin, die ihren Namen nennt, muss befürchten, verhaftet zu werden. "Demgegenüber ist ein Witz wie eine Welle, die sich über das Land verbreitet", sagt sie schmunzelnd, "er lässt sich nicht verhaften."

Iranisch-französische Journalistin Delphine Minoui; Foto: ONUK
"In ihren Weblogs lassen die Iranerinnen im wahrsten Sinne des Wortes alle Hüllen fallen", erklärt Delphine Minoui. Acht Jahre lang hat sie den Alltag Teheraner Frauen beobachtet und in einem Buch dokumentiert.

​​Vor einem Jahr wurde Irans einzige feministische Frauenzeitschrift "Zanan" verboten. Doch der Widerstand sucht sich neue Kanäle, etwa über Weblogs oder per SMS, wo die Macht der Männer in Frage gestellt wird:

"In Weblogs lassen die Iranerinnen im wahrsten Sinne des Wortes alle Hüllen fallen", erzählt Delphine Minoui. "Sie sprechen über ihre familiären Probleme, über ihre Rolle in der Gesellschaft, über ihre sexuellen Schwierigkeiten. Ja, es gibt sogar Blogs von lesbischen Frauen im Iran. Die virtuelle Welt ist zu einem wirklichen Raum für Diskussionen geworden. Auch der Internetchat ist sehr beliebt. Es ist zum einen ein Netzwerk für junge Leute, um sich kennen zu lernen, aber es kann schnell auch politisch werden."

Stille Revolution

Natürlich wird das Internet im Iran zensiert. Das erkennt man spätestens dann, wenn der Hinweis "Zugang verwehrt" auf dem Monitor erscheint. Doch so rasch Internetseiten gesperrt werden, so schnell würden auch wieder neue generiert, berichtet Delphine Minoui.

Sie selbst hat die Zensur am eigenen Leib erfahren müssen – vor zwei Jahren wurde ihr die Arbeitserlaubnis entzogen, seither lebt sie in Beirut und reist nur noch temporär in den Iran. Die Grenzen müssten immer wieder neu ausgelotet werden, Millimeter für Millimeter.

Buchtitel
Humor als Waffe: "Die gackernden Hühner von Teheran" von Delphine Minoui.

​​Es sei wie mit dem Lippenstift. Viele Iranerinnen malen sich ihre Lippen leuchtend rot und nehmen in Kauf, von der Sittenpolizei gemaßregelt zu werden, erzählt die Journalistin. Auf offener Straße werden sie gezwungen, sich die Schminke mit Watte abzureiben.

Doch schon an der nächsten Ecke tragen sie die rote Farbe wieder auf. Einige lassen sich sogar die Lippen tätowieren: Die Autorin nennt das eine "stille Revolution", weil diese Frauen nicht die Schlagzeilen der internationalen Zeitungen füllen, aber sie ist sich sicher: "Diese Frauen kämpfen für ihre Sache von morgens bis abends."

Das Leben der Iranerinnen von heute spielt sich irgendwo zwischen Tradition und Moderne ab. Diese doppelte Identität dokumentieren auch die Bilder der iranischen Fotojournalistin Newsha Tavakolian.

Auf ihren Bildern sind junge Frauen zu sehen, in traditioneller Tracht bei religiösen Festen, anderen Bildern sitzen sie rauchend und lachend im Café, der Hedschab ist fast auf ihre Schultern gerutscht.

Daneben wiederum hängen Aufnahmen von Müttern, die mit Trauermienen neben den Bildern ihrer als Märtyrer gefeierten Söhnen posieren. Das Lieblingsfoto der 27jährigen zeigt junge Irannerinnen beim Kampfsport. Karate hat sich zu einem der beliebtesten Sportarten unter Frauen entwickelt.

Kein Zufall, glaubt Newsha Tavakolian: "Irannerinnen sind keine Opfer und wollen als solche auch nicht betrachtet werden. Sie sind sehr stark und sie arbeiten hart daran, ihre Situation zu verändern!", sagt sie.

Natürlich hätten Frauen im Iran noch nicht so viele Rechte wie in anderen Ländern, aber sie ist sicher: "Wir befinden uns in einem Prozess, und wir werden da hinkommen wo andere sind!"

Fortschritte im Iran

Als Beispiel für den Fortschritt führt sie an, dass im Jahr 2004 Frauen das Sorgerecht der Kinder im Scheidungsfall zugestanden wurden. Zuvor lag es ausschließlich bei den Vätern. Eine wachsende Zahl von Unternehmen würde außerdem Frauen einstellen, da diese sehr fleißig und sehr gut ausgebildet seien.

Iranische Frauen beim Karatesport; Foto: Newsha Tavakolian
Die Fotojournalistin Newsha Tavakolian dokumentiert die Widersprüche im privaten und öffentlichen Leben von Frauen in den persischen Metropolen.

​​Was ihre eigene Arbeit betrifft, so hat sich die Fotografin mit der Zensur arrangiert. Aufnahmen von Hinrichtungen, Prostitution oder Drogen sind einfach nicht drin.

Ihre Fotos wurden trotzdem in renommierten Zeitschriften wie dem "Time Magazine" und "National Geographic" abgedruckt. Sie zensiere ihre Arbeit selbst, sagt sie, dass müsse sie tun, um im Iran zu arbeiten und zu überleben:

"Wenn mich zum Beispiel eine Zeitschrift darum bittet, Fotos von Partys junger Leute im Iran zu machen - unverheiratete Jugendliche, die tanzen und sich amüsieren - dann mache ich das nicht", sagt Newsha Tavakolian. Es wird mir nur Probleme bescheren. Ich will meine Arbeitserlaubnis nicht wegen eines angeblich so wichtigen Fotos verlieren."

Claudia Hennen

© Deutsche Welle 2009

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