Frauen und Wahlrecht in Pakistan

Wenn die Urnen leer bleiben

Wenn die Pakistanis am 25. Juli wählen, werden mehr Frauen auf dem Wahlzettel stehen als je zuvor. Doch der Anteil der Frauen, die ihre Stimme abgeben, wird gering bleiben, da kulturelle und religiöse Hindernisse die Gleichstellung der Geschlechter im politischen Prozess weiter behindern. Von Quratulain Fatima

Vor hundert Jahren erhielten Frauen im Vereinigten Königreich das Wahlrecht, und heute sind die meisten Frauen in der entwickelten Welt wahlberechtigt. Aber in vielen Entwicklungsländern besteht immer noch der gleiche Widerstand, auf den die britischen Suffragetten vor einem Jahrhundert gestoßen sind und der in der Misogynie verwurzelt ist. Dies gilt sicherlich auch für Pakistan, wo die für den 25. Juli angesetzten Parlamentswahlen eine ideale Gelegenheit bieten, sich für Veränderungen einzusetzen.

Auf den ersten Blick scheint Pakistan fortschrittlich zu sein. Laut Gesetz dürfen Frauen seit 1956 wählen, fast ein Jahrzehnt nach der Unabhängigkeit von Großbritannien. Seitdem ist die Zahl der Frauen im Parlament stetig gestiegen, unterstützt durch eine Quote von 33 Prozent und Regeln, die vorschreiben, wie viele Frauen in die Parteienlisten aufgenommen werden müssen.

100-jährige Pakistanerin gegen Kricket-Star Imran Khan

Auch in den kulturell konservativen Teilen des Landes nehmen Frauen häufiger an den Wahlen teil. In der nordwestlichen Region Khyber Pakhtunkhwa zum Beispiel kandidiert eine 100-jährige Frau bei den Parlamentswahlen gegen den ehemaligen Kricket-Star Imran Khan. Und in Tharparkar, einem verarmten Teil der Provinz Sindh, stellt sich zum ersten Mal eine Kandidatin zur Wahl.

Ein genauerer Blick auf die Abstimmungsdaten zeigt jedoch viele Herausforderungen in Pakistans Streben nach Wahlgleichheit. Weibliche Kandidaten mögen auf dem Wahlzettel stehen, aber das bedeutet nicht, dass Frauen für sie stimmen werden - wenn sie überhaupt wählen.

Von den 97 Millionen registrierten Wählern des Landes sind 54,5 Millionen männlich und 42,4 Millionen weiblich (die restlichen 100.000 sind Transgender). Mit einer geschlechtsspezifischen Kluft von rund zwölf Millionen Wählern steht Pakistan weltweit bei der Wahlbeteiligung von Frauen an letzter Stelle. Eine aktuelle Analyse der Daten auf Distriktebene durch die Wahlkommission Pakistans (ECP) ergab, dass selbst in den am weitesten entwickelten Teilen des Landes - wie Lahore und Faisalabad - der Abstand mehr als eine halbe Million beträgt.

Benazir Bhutto; Foto: Getty Images
Obwohl die Beteiligung an Wahlen in Pakistan zumeist sehr gering ist und nur neun der 342 Mitglieder der Nationalversammlung Frauen sind, die direkt gewählt wurden, wurde das Land in der Vergangenheit bereits von einer Frau geführt: Benazir Bhutto war die erste Frau, die ein muslimisches Land regierte. Sie war von 1988 bis 1990 und von 1993 bis 1996 Premierministerin Pakistans. In Harvard und Oxford ausgebildet, folgte sie ihrem Vater Zulfikar Ali Bhutto in die Politik. Verfolgt von Korruptionsvorwürfen während ihrer beiden Amtsperioden, wurde sie bei einer Kundgebung in Rajalpindi ermordet, als sie 2007 wiedergewählt werden sollte.

Ein Teil davon ist auf administrative Hürden zurückzuführen. Um in Pakistan wählen zu können, müssen sich die Wähler mit dem nationalen Ausweisdokument "National Identity Card" (NIC) registrieren. Doch viele Frauen haben nicht mal einen Ausweis - entweder weil sie sich der Notwendigkeit nicht bewusst sind oder weil sie es nicht einfach beantragen können - was es technisch unmöglich macht, zu wählen. Ein NIC kann zwar sowohl persönlich als auch online beantragt werden, aber Frauen in Pakistan sind ernsthaften Mobilitätseinschränkungen ausgesetzt, und vielen fehlt der Zugang zum Internet.

Religiöse und kulturelle Barrieren

Aber das größere Hindernis sind religiöse und kulturelle Vorurteile. Bei den vergangenen Wahlen warnten beispielsweise Flugblätter Männer davor, weibliche Familienmitglieder wählen zu lassen, weil die Beteiligung von Frauen an der Demokratie irgendwie "unislamisch" sei. Im Jahr 2008 gab keine einzige Frau in 31 Wahllokalen in Punjab, Pakistans liberalster Provinz, ihre Stimme ab. Ähnlich verhielt es sich bei den Kommunalwahlen in Khyber Pakhtunkhwa im Jahr 2015.

Die nationalen Zahlen sind nur geringfügig ermutigender. Bei den letzten Parlamentswahlen im Jahr 2013 lag die Wahlbeteiligung von Frauen in 800 Wahllokalen im ganzen Land unter zehn Prozent, und in 17 Distrikten gaben weniger als fünf Prozent der wahlberechtigten Wählerinnen ihre Stimme ab.

Wenn Frauen nicht wählen, gehen ihre Stimmen in der patriarchalischen Politik Pakistans unter. Dadurch wird es weniger wahrscheinlich, dass der Gesetzgeber die Interessen der Frauen vertritt, und schwieriger für die wenigen Frauen, die ein Amt anstreben, eine Wahl zu gewinnen. Von den 342 Mitgliedern der Nationalversammlung sind nur 70 Frauen, und nur neun wurden gewählt, der Rest wurde nach dem Quotensystem ernannt.

Den Status quo ändern – das Leben der Frauen verändern

Es liegt auf der Hand, dass, wenn mehr Frauen wählen würden, politische Parteien mehr Kandidaten aufstellen würden, die sich mit Fragen befassen, die besonders Frauen betreffen, und dass mehr Frauen Sitze gewinnen würden. Aber wie kann der Status quo geändert und die Wahlbeteiligung der Frauen erhöht werden?

Maryam Nawaz; Foto: Reuters/F. Mahmood
Eine weitere prominente Vertreterin einer anderen pakistanischen Politikerdynastie: Maryam Nawaz, Tochter des abgesetzten pakistanischen Premierministers Nawaz Sharif. Gemeinsam mit ihrem Vater kehrte sie am 13. Juli freiwillig nach Pakistan zurück, um eine Gefängnisstrafe wegen Korruption zu verbüßen. Vater und Tochter beschuldigen das Militär des Landes, die Verurteilung als Vergeltung für die Kritik ihrer Partei an der Sicherheitseinrichtung zu orchestrieren und die Beziehungen zu Indien zu verbessern.

Für diesen Wahlzyklus ist es wahrscheinlich zu spät. Während die ECP eine Kampagne zur Erhöhung der Frauenbeteiligung gestartet hat und ein neues Gesetz die Annullierung der Ergebnisse in Distrikten ermöglicht, in denen sie unter zehn Prozent sinkt, ist die Realität so, dass bei der Stimmenauszählung mehr Männer als Frauen Stimmen abgegeben haben werden.

Wenn die Ausstellung der Ausweise im gleichen Tempo voranschreitet wie bisher, wird es weitere 18 Jahre dauern, bis die derzeitige Lücke in der Wählerregistrierung geschlossen ist. Addieren wir dazu die religiösen und kulturellen Zwänge der politischen Partizipation von Frauen, und der Reformprozess könnte Jahrzehnte dauern.

Dennoch können jetzt Schritte unternommen werden, um pakistanische Frauen zu stärken. Für den Anfang könnten bessere geschlechtsspezifische Daten dem ECP und anderen Organisationen helfen, effektivere Lösungen zu entwickeln. Politische Parteien könnten auch helfen, indem sie Wählerregistrierungsaktionen für Frauen durchführen, und offiziell sanktionierte Nachrichtenkampagnen könnten Frauen dazu ermutigen, sich zu registrieren und Familien, sie dabei zu unterstützen.

Schließlich sollten religiöse Gelehrte mit Wahlbeamten zusammenarbeiten, um Missverständnisse über die Wahl von Frauen auszuräumen. Am wichtigsten aber ist, dass all diese Aktivitäten kontinuierlich verlaufen und nicht auf Wahljahre beschränkt werden.

Wahlen sind für die Demokratie unerlässlich, aber wenn ein großer Teil der Bevölkerung ausgeschlossen wird, ist der Prozess nicht glaubwürdig. Pakistan muss sich für die Gleichstellung der Geschlechter einsetzen, indem es Frauen in alle Entscheidungsprozesse einbezieht - insbesondere in Bezug auf die Gesetzgebung. Während Frauen in Großbritannien und anderen Demokratien seit mehr als einem Jahrhundert frei wählen, warten ihre Geschlechtsgenossinnen in Pakistan noch immer darauf, dass ihr Tag kommt.

Quratulain Fatima

© Project Syndicate 2018

Aus dem Englischen von Eva Göllner.

Quratulain Fatima ist eine Politikerin, die intensiv in ruralen, konfliktreichen Gebieten Pakistans arbeitet und auf geschlechtsspezifische Entwicklungen und Friedenssicherung fokussiert.

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