Frauen in Pakistan

Gegen männerdominierte Machtstrukturen

Im ländlichen Pakistan wird das Gesetz vor allem von Männern gemacht. Frauen dürfen sich kaum an der Gestaltung des politischen Lebens beteiligen. Doch mit der Gründung von Frauenversammlungen, den weiblichen Jirgas, setzt sich eine Frauengruppe dagegen erfolgreich zur Wehr. Von Naila Inayat und Jennifer Collins

Die grünen Hügel im Swat Distrikt in der pakistanischen Provinz Khyber. Hier in der ländlichen Gegend gilt, was die sogenannte Jirga beschließt. Die Versammlung fungiert sowohl als Gemeinderat wie als Gericht und entscheidet über strittige Themen. Traditionell haben hier ausschließlich Männer das Sagen.

Doch das ändert sich gerade. 25 Frauen sitzen auf dem Boden des kleinen Tagungsraumes und diskutieren über Themen wie Sorgerechtsfragen. Tabassum Adnan leitet die Gruppe. Im Jahr 2013 stellte sie die traditionellen pakistanischen Geschlechterrollen auf den Kopf, als sie die erste weibliche Jirga ins Leben rief. Es ist dieselbe Gegend, in der die Taliban einmal absolute Macht hatten: 2012 wurde etwa der 15-jährigen Aktivistin Malala Yousafzai in den Kopf geschossen, weil sie als Mädchen auf ihr Recht bestand, in die Schule zu gehen.

Eine Frauen-Jirga fordert Mitspracherecht

Auch Adnan erlebte, wie das traditionelle System beim Schutz einer Frau aus der Gegend versagte. "Ich habe es immer mit der Gnade gehalten", sagt Adnan. "Dann aber wurde ein junges Mädchen mit Säure angegriffen. Als ihr Fall einer männlichen Jirga vorgestellt wurde, versprachen sie ihre volle Unterstützung, aber sie haben überhaupt nicht geholfen". Der Täter wurde nie zur Rechenschaft gezogen. Das Mädchen starb.

Tabassum Adnan (rechts) spricht mit einer jüngeren Pakistanerin im Kreis der Frauen-Jirga; Foto: Khwendo Jirga
Tabassum Adnan (rechts) setzt sich für die Rechte der Frauen in Pakistan ein. Sie selbst wurde mit 14 Jahren mit einem 20 Jahre älteren Mann verheiratet. Jetzt geht sie aktiv gegen die patriarchalischen Strukturen vor - auch um anderen Frauen zu helfen, die sich in der gleichen Situation wie sie befinden. 2013 gründete sie dazu die erste Frauen-Jirga.

Traditionelle patriachalische Strukturen

Pakistans oberstes Gericht hat die Jirgas 2012 offiziell verboten. Doch die entlegenen Gebiete hat das Urteil nicht verändert. Sie sind zu weit entfernt vom starken Arm des Staates.

Die Groß-Jirga im Swat Distrikt besteht nach wie vor aus Männern. Sie wird bei Vergewaltigungs- und Mordfällen angerufen. Die 25-köpfige Frauen-Jirga beschäftigt sich hingegen mit häuslicher Gewalt, Erbschaftsfragen, dem Gesundheitswesen. Auch Kinderehen werden immer wieder diskutiert.Kinderehen sind in Pakistan nicht ungewöhnlich, sie sind Teil der Wani-Tradition. Dabei wird ein junges Mädchen als Kompensation für ein Verbrechen verheiratet, das von einem männlichen Verwandten begangen wurde. Die männlichen Jirgas entschieden in der Regel im Sinne der Männer, sagt Adnan.

Im Kampf gegen Kinderehen

Das Thema Kinderehen liegt Adnan besonders am Herzen. Sie selbst wurde im Alter von 14 Jahren mit einem 20 Jahre älteren Mann verheiratet. 20 Jahre lang bestand die Ehe - eine Zeit, während der Adnan drogenabhängig wurde, bevor es ihr gelang, sich scheiden zu lassen. "Meine nächsten Verwandten haben mich nicht im Geringsten unterstützt", sagt Adnan. "Aber ich bin für mich selbst eingetreten und habe aufgehört, unglücklich zu sein."

Karte zeigt Swat-Distrikt in Pakistan; Quelle: DW
Der Swat-Distrikt im Norden Pakistans liegt abseits des staatlichen Einflussgebietes. Zwar sind die traditionellen Jirgas seit 2012 offiziell verboten, doch in der Realität haben sie nach wie vor großen Einfluss in den ländlichen Gebieten. Stammesstrukturen und traditionell-männerdominierte Hierarchien bestimmen bis heute das gesellschaftliche Leben vieler Menschen, die fernab der städtischen Ballungszentren leben.

Im ehemaligen Taliban-Territorium gewinnen die Frauen-Jirgas immer mehr an Bedeutung, doch viele islamische Konservative und Hardliner halten sie für überflüssig. "Unsere Gesellschaft kann mit einer Frauen-Jirga nichts anfangen", behauptet etwa Mehboob Ali, ein Bewohner des Swat Distrikts. "Diese Jirgas sind Fake, sie wollen einfach nur Geld bekommen. NGOs in Pakistan initiieren immer wieder solche Projekte, an die sich später niemand mehr erinnern kann.

Andere sind in Hinblick auf die Jirgas wesentlich toleranter, etwa der ehemalige Führer einer Männer-Jirga, Inam-ur-Rehman Kanju. Viele glaubten an einen weiblichen Rat. "Wir beten für ihren Erfolg", so Kanju. "Manchmal laden wir sie auch zu unseren Treffen ein, damit sie lernen können, wie eine Jirga überhaupt funktioniert. Wir haben keine Probleme mit ihrer Form der Jirga."

Erste messbare Erfolge

Der Frauen-Jirga gelingt es bereits, bestimmte gesellschaftliche Verhaltensweisen zu ändern: Adnan selbst wurde eingeladen, als erste Frau an der Groß-Jirga im Swat teilzunehmen. Und als ein Mann in das Haus einer Frau eindrang, sie ausraubte und ihre alle Zähne zog, sorgte die Frauen-Jirga dafür, dass er zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Adnan und die Frauen-Jirga wollen Polizei und Justiz für weitere Fälle sensibilisieren, in denen Frauen Opfer von Gewalt und Bedrohung werden.

"Ich möchte die chauvinistische Tradition beseitigen, die Frauen auf stereotype Rollen reduzieren", sagte Adnan. "Ich möchte die weibliche Selbstverwirklichung fördern." Doch weil sie für diese Forderungen mittlerweile Todesdrohungen erhalten haben, müssen die Frauen-Jirgas derzeit noch im Geheimen stattfinden.

Naila Inayat und Jennifer Collins

© Deutsche Welle 2017

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Leserkommentare zum Artikel: Gegen männerdominierte Machtstrukturen

Im Übrigen gibt es bei den Frauen genau gleiche Entwicklungen, wenn sie an die Macht kommen. (siehe Merkel oder Clinton). das hat nämlich nichts mit dem Geschlecht zu tun, sondern mit bestimmten Charakteren

Isaac01.06.2017 | 20:24 Uhr