Frankreich nach den Anschlägen

Von Islam, Champagner und Bomben

Nach den jüngsten Anschlägen in Paris ist die Lage in Frankreich weiterhin angespannt. Doch anstatt die Probleme im eigenen Land zu lösen, ist der Blick allein auf Syrien gerichtet. Einzelheiten von Emran Feroz

2015 war ein blutiges Jahr für Frankreich. Erst die Anschläge auf die Redaktion von "Charlie Hebdo", kurz darauf die blutige Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt und nun, rund zehn Monate später, das Massaker in Paris mit 130 Todesopfern. Die französische Gesellschaft befindet sich im Ausnahmezustand.

Diese Gesellschaft besteht allerdings aus verschiedensten Schichten und Konfessionen – und sie leiden alle unter den gegenwärtigen Umständen, manche mehr, manche weniger. Besonders betroffen sind jedoch die Muslime des Landes. Da in Frankreich bislang für Anschläge ausschließlich junge Männer mit muslimischem Hintergrund schuldig gemacht wurden, finden sich die rund fünf Millionen anderen Muslime als Sündenböcke wieder.

Nur wenige Tage nach den Anschlägen auf "Charlie Hebdo" ereigneten sich nach Informationen der Beobachtungsstelle "Collectif contre l'Islamophobie en France" ("Kollektiv gegen Islamophobie in Frankreich"), kurz CCIF genannt, mindestens 116 islamfeindliche Angriffe in ganz Frankreich – mehr als im gesamten Jahr 2014.

Die Liste der Angriffe war lang: von Übergriffen auf Kopftuch tragende Frauen bis hin zu Sprengstoffanschlägen auf Moscheen. In den ersten drei Monaten dieses Jahres ereigneten sich insgesamt mindestens 222 Angriffe. Dies ist ein Anstieg von 500 Prozent im Vergleich zum vergangenen Jahr. In diesem Kontext sollte erwähnt werden, dass zahlreiche weitere Übergriffe im Dunkeln geblieben sind, da viele Betroffene sie wahrscheinlich nirgends meldeten.

Jakobinischer Säkularismus

Buchcover Emmanuel Todd: "Qui est Charlie ?: Sociologie d'une crise religieuse"
In seinem Werk "Qui est Charlie?" kritisiert der französische Historiker und Soziologe Emmanuel Todd offen den laizistischen Staat, dem er "institutionelle Islamfeindlichkeit" attestiert. Der Säkularismus sei zwar wichtig, so Todd, der radikale Laizismus jedoch strikt abzulehnen.

Nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" war der Tenor vieler französischer Kommentatoren und Politiker eindeutig: Die Extremisten haben eines der Grundprinzipien des Staates, jenes der Meinungsfreiheit, angegriffen. Und irgendwie haben all die anderen Muslime, die es ebenfalls nicht ausstehen können, wenn ihr Prophet karikiert wird, etwas damit zu tun. Szenarien wie aus dem Roman "Unterwerfung" des Autors Michel Houellebecq, in dem die Muslime Frankreichs plötzlich an die Macht kommen und das Land "islamisieren", wurden von heute auf morgen an die Wand gemalt.

Ohnehin pflegt Frankreich seit den Tagen der Revolution ein schwieriges Verhältnis zur Religion. Dies hat unter anderem dazu geführt, dass das Prinzip des Laizismus sich im Laufe der Zeit in allen Institutionen durchgesetzt hat. Entgegen der eigentlichen Idee geht dieser Laizismus im "Land der Gleichheit" allerdings selektiv mit den Bürgern um. So machen etwa Studien renommierter Universitäten wie Stanford und Sorbonne deutlich, dass im Gegensatz zu den Christen vor allem die Muslime die Folgen der französisch-säkularen Gesetzgebung vergegenwärtigen.

Besonders konkret wurde diesbezüglich der französische Historiker und Soziologe Emmanuel Todd. Kurz nach den Anschlägen auf "Charlie Hebdo" kritisierte er den laizistischen, französischen Staat in seinem Werk "Qui est Charlie?" (Deutsche Ausgabe: "Wer ist Charlie? Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens") – mit scharfen Worten, indem er ihm "institutionelle Islamfeindlichkeit" vorwarf. Todd betont, dass der Säkularismus zwar wichtig sei, der radikale Laizismus jedoch, der sich vor allem gegen die schwache muslimische Minderheit des Landes richte und mittlerweile selbst zu einer Art Ersatzreligion ausgeartet sei, ebenfalls verbannt werden müsse.

Marginalisierte Jugend

In seinem neuesten Werk macht Todd auch auf andere wichtige Umstände aufmerksam. Einer davon ist der Zustand der Jugend, hauptsächlich bestehend aus muslimischen Migranten, in den "Banlieues" – den französischen Vorstädten, in denen katastrophale soziale Zustände vorherrschten, die Hass und Gewalt regelrecht schürten. Die Zustände in den Vorstädten sowie der systematische Ausschluss von Muslimen im Allgemeinen mache außerdem deutlich, wie weit sich Frankreich von seinem selbstauferlegten Prinzip der Gleichheit entfernt habe – und warum manche junge Franzosen es vorzögen, in den sogenannten "Islamischen Staat" (IS) auszuwandern.

Hauptverantwortlich macht Todd hierfür vor allem eine "zombiekatholische Mittelschicht", die latent islam- und araberfeindlich sei und in deren Kreise sich mittlerweile auch zahlreiche Linke und Sozialdemokraten – wie etwa Frankreichs Präsident François Hollande –, die von ihren einstigen Werten schon längst abgerückt seien, wiederfänden.

Islamexperte Olivier Roy; Quelle:cc-by-sa-nc-Internaz
"Die Bekämpfung des IS wird die Radikalisierung der Jugendlichen in Europa nicht beenden", meint der französische Politikwissenschaftler Olivier Roy. Entgegen vieler Polarisierer hebt Roy hervor, dass man es gegenwärtig nicht mit einem Aufstand des Islams zu tun hat, sondern mit einer Jugendrevolte.

In Frankreich will man jedoch auch nach den neuerlichen Anschlägen in Paris von Todd nichts wissen. "Qui est Charlie?" sorgte für viel Furore und wird weiterhin als eine Art Blasphemie betrachtet. Für viele Franzosen, die am Trauermarsch am 11. Januar 2015 teilnahmen, ging der ohnehin schon viel kritisierte Todd dieses Mal zu weit.

Kooperation mit den falschen Partnern

Dabei lassen sich seine Ansätze auch nach den Anschlägen vom November weiterführen. Obwohl mittlerweile bekannt ist, dass alle Täter ohne Ausnahme in Frankreich aufwuchsen, ja, selbst Franzosen waren, meint die französische Politik-Elite das Problem lösen zu können, indem sie den IS in Syrien bombardiert. Dabei erwägt sie sogar eine Zusammenarbeit mit dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, der für einen Großteil der Misere und die Entstehung des IS im Allgemeinen mitverantwortlich ist.

Dabei ist die Radikalisierung in Europa, egal ob nun in Frankreich, in Deutschland oder in anderen Staaten der Union, nicht die Folge der Existenz des IS im Nahen Osten. "Die Bekämpfung des IS wird die Radikalisierung der Jugendlichen in Europa nicht beenden", meint etwa der französische Politikwissenschaftler Olivier Roy. Entgegen vieler Polarisierer hebt Roy hervor, dass man es gegenwärtig nicht mit einem Aufstand des Islams zu tun hat, sondern mit einer Jugendrevolte.

Marine Le Pen vom rechtsextremen "Front National" (FN); Foto: Reuters/P. Rossignol
Schockstarre für Frankreichs Muslime und die politische Klasse des Landes: Der rechtsextreme "Front National" von Marine Le Pen war im ersten Wahlgang am Sonntag mit 27,7 Prozent stärkste Kraft geworden. Drei Wochen nach den Anschlägen von Paris stimmten mehr als sechs Millionen Franzosen für die ausländer- und islamfeindliche Partei, die in sechs der 13 französischen Regionen an erster Stelle landete.

Dies ließe sich recht einfach belegen, so Roy: Alle bekannten Täter seien junge Menschen. Es gebe keine Militanten, die älter als 35 Jahre waren. Die eigenen Eltern hätten sich oftmals vehement gegen den Extremismus ihrer Kinder zur Wehr gesetzt. "Diese französische Jugend revoltiert gegen die ganze Gesellschaft", meint Olivier Roy. "Einerseits besteht sie aus der zweiten Generation der Muslime in Frankreich, andererseits gibt es auch viele Konvertiten. Sie haben verschiedene soziale Hintergründe, allerdings einen gemeinsamen Islam, den sie sich selbst zusammenkreiert haben. Es handelt sich dabei weder um den überlieferten, noch um den kulturellen oder traditionellen Islam. Deshalb ist diese Bewegung auch nicht als generelles Aufbegehren der Muslime zu verstehen", so Roy.

Ausblick

Solange Frankreich jedoch meint, seine Probleme zu Hause lösen zu können, indem es ein anderes Land bombardiert – und dabei wie bei jedem Krieg nicht nur feindliche Kämpfer, sondern auch Zivilisten tötet – wird es keine Erfolgsaussichten geben. Vielmehr wird mit dem jetzigen Handeln den Extremisten in die Hände gespielt.

"Seht her, sie bombardieren eure Kinder!" oder "Schaut, sie verbünden sich mit den schlimmsten Diktatoren gegen euch!", so lauten ihre Slogans, die sie über ihre Propaganda-Kanäle laufen lassen werden.

"Sie haben die Waffen, wir haben den Champagner", titelte "Charlie Hebdo" unlängst auf ihrer Titelseite nach den Anschlägen im November. Und während das "wir" Bomben über Syrien abwirft, für vermeintlich demokratische Werte eintritt und glaubt, "Charlie" zu sein, brüten "sie", verbannt aus den unweit gelegenen Postkartenmotiven von Paris oder Marseille, weiterhin ihren grenzenlosen Hass in den heruntergekommen Plattenbauten aus.

Emran Feroz

© Qantara.de 2015

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