Filmtipp "Granatapfel und Myrrhe"

Geschichte vom bittersüßen Leben in Palästina

"Granatapfel und Myrrhe" heißt der palästinensische Spielfilm und Publikumsrenner, der während der Berliner Filmfestspiele aufgeführt wurde. Er zeigt den palästinensischen Alltag inmitten des Nahostkonflikts. Antje Bauer hat ihn sich angesehen.

​​ Ein Mann fährt zu seiner Hochzeit. Der Mercedes ist schon ein wenig bejahrt, aber dafür mit Bougainvilleblüten geschmückt. Es ist nicht weit – eine halbe Stunde Weges von Ramallah nach Jerusalem. Nur dass dazwischen eine Grenze liegt, ein israelischer Checkpoint, an dem junge Soldaten, arrogant oder gelangweilt, Papiere sehen wollen – Sondergenehmigungen für die Einreise nach Jerusalem.

Der Zuschauer des Films erwartet nun, dass den Passagieren des zerbeulten Mercedes Papiere fehlen, dass gebrüllt wird, dass es zu einem Schusswechsel am Checkpoint kommt – irgendetwas, das der Dramatik des Nahen Ostens gerecht wird. Aber nichts dergleichen geschieht.

Alltäglicher Spießrutenlauf

Die Insassen des Wagens kramen ihre Papiere hervor und schweigen ansonsten die Soldaten so gebannt an, wie Palästinenser an den Checkpoints die israelischen Soldaten fast immer anschweigen, und als der Wagen schließlich weiter gewinkt wird, lässt die Mutter des Bräutigams aus dem Fonds die spitze Bemerkung fallen, dass man zu spät zur Trauung kommen werde und es sich eigentlich ohnehin nicht gehöre, dass der Bräutigam zur Braut fährt, die Tradition verlange es anders herum. Wie Mütter eben so sind.

Es sind Szenen wie diese, die dem Film "Granatäpfel und Myrrhe" der jungen palästinensischen Filmemacherin Najwa Najjar Glaubwürdigkeit verleihen. Wenn es um die filmische Darstellung des Nahostkonflikts geht, dann sind Selbstironie und Kritik an der eigenen Gesellschaft zumeist den israelischen Filmen vorbehalten.

Die wenigen palästinensischen Filme, die es zum Thema gibt, gerieren sich hingegen zumeist ernst und zutiefst politisch. Damit bestätigen sie den Eindruck, der im Westen ohnehin vorherrscht: Dass es für Palästinenser kein Leben jenseits des Konfliktes gibt, dass Palästinenser quasi hauptberuflich Opfer oder Täter sind.

Nahostkonflikt als äußerer Rahmen

​​In diesem Film stellt der Konflikt mit den Israelis den äußeren Rahmen dar, das Korsett, innerhalb dessen sich die Palästinenser bewegen. Er zeigt aber auch, dass es trotz des Konfliktes eine palästinensische Gesellschaft gibt, die sich aus Individuen zusammensetzt, in die man sich hineinversetzen, die man verstehen kann.

Zunächst geht es um eine Dreiecksgeschichte: Die frisch verheiratete Qamar kommt ihrem Tanzlehrer Qais näher, während ihr Mann in einem israelischen Knast sitzt. Aber es ist auch eine Emanzipationsgeschichte, denn Qamar setzt gegen den Widerstand der Familie durch, dass sie weiterhin tanzen darf, obwohl sich das für die Frau eines Gefangenen eigentlich nicht gehört.

Eine Geschichte starker Frauen

Es ist eine Geschichte starker Frauen, denn neben Qamar gibt es eine zweite weibliche Hauptfigur, die alleinerziehende Umm Habib, die ein Kaffeehaus betreibt, obwohl Frauen eigentlich in einem Kaffeehaus nichts zu suchen haben. Und es ist auch, trotz allem, eine politische Geschichte, denn das Land der Familie wird von israelischen Soldaten konfisziert.

Die Töne sind leise, die Szenen unspektakulär, ob es nun um die Verhandlungen geht, die Qamar mit der Familie über ihre Freiheit führt, um die Debatten innerhalb der Familie, ob man der Konfiszierung des Landes zustimmen soll, damit Zaid schneller aus dem Knast entlassen wird, oder um die kaum merkliche Annäherung zwischen Qamar und Qais, dem Tanzlehrer.

Manifester Gewalt weicht der Film aus: Als Zaid im Knast geschlagen wird, sind nur Schatten zu sehen. "Ich wollte nicht, dass mein Film ein Gewaltfilm wird, so wie man sie kennt", erklärt Najwa Najjar dazu. "Zaid war wichtig für mich und das, was er durchmachte. Das andere kennen wir schon. Und die Zuschauer kennen es auch."

Aufrüttelnde Story

Die palästinensische Regisseurin Najwa Najjar; Foto: Antje Bauer
Najwa Najjar: "Kultur ist die Seele, der Herzschlag einer Nation. Es ist das, was bleibt, wenn die Politik versagt."

​​ Das ist auch genau der Grund, warum dieser sich unpolitisch gebende Film an vielen Stellen so aufrüttelnd wirkt. Die stille Entschlossenheit der Siedler, die, das Gewehr umgeschnallt, auf dem Land der Familie schon mal Zelte aufbauen.

Die allgegenwärtige Präsenz israelischer Soldaten, ob an Checkpoints oder in den Straßen von Ramallah. Wer je in den letzten Jahren in den besetzten Gebieten war, weiß, dass beides stimmt: Die Omnipräsenz der Besatzung und die Hilflosigkeit der Palästinenser ebenso wie deren Versuch, in ihrem Alltag eben nicht hauptberuflich zum Opfer zu werden, nicht ständig auf die Besatzer zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange.

"Wir sind nicht das, was man im Fernsehen sieht", erklärt die Filmemacherin. "Zwischen vielen Palästinensern besteht ein Gefühl der Solidarität, des Zusammenhalts. Es gibt zwar politische Probleme, mit Hamas und Fatah und dem, was im Land vor sich geht, aber diese politischen Kämpfe entstehen aus einem Mangel an Zukunftsvisionen. Aber unter den Palästinensern gibt es nicht so viele Konflikte."

Dass Qamar vom Tanz nicht ablassen will, also auf Kultur beharrt, wo alles zu Politik wird, ist auch Ausdruck der politischen Desillusionierung der jungen Filmemacherin:

"Ich meine, Kultur ist die Seele, der Herzschlag einer Nation. Es ist das, was bleibt, wenn die Politik versagt. Die Politik führt uns nirgendwohin. So lass uns wenigstens Kultur haben. Das ist wenigstens etwas, das wir den künftigen Generationen hinterlassen können."

Antje Bauer

© Qantara.de 2009

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