Fatih Akins Film "Auf der anderen Seite"

Jenseits von Vorurteilen, Ideologien, Befangenheiten

Mit "Auf der anderen Seite" ist Fatih Akin ein außergewöhnlicher Film gelungen, der Lebenswege von Menschen aus Deutschland und der Türkei aufzeigt, die sich schicksalhaft kreuzen. Amin Farzanefar hat den Film gesehen.

Mit "Auf der anderen Seite" ist dem 34-jährigen Regisseur Fatih Akin ein außergewöhnlicher Film gelungen, der Lebenswege von Menschen aus Deutschland und der Türkei aufzeigt, die sich schicksalhaft kreuzen. Amin Farzanefar hat den Film gesehen.

​​Manche Regisseure tauchen erst einmal ab, wie etwa James Cameron, erfolgreichster Regisseur aller Zeiten, der nach seinem Giga-Erfolg "Titanic" zehn Jahre lang keinen einzigen Spielfilm mehr gemacht hat.

Zugegeben, "Gegen die Wand" hatte wesentlich weniger Einspielzahlen, aber als Berlinale-Gewinner sowie deutscher und europäischer Filmpreisträger nahm sich die Bilanz für Fatih Akin nicht schlecht aus.

Statt sich jedoch in Eskapaden und Selbstzweifel zu stürzen, arbeitete der bekennende Hamburger weiter, realisierte ganz nebenbei "Crossing the Bridge", einen Dokumentarfilm über die Istanbuler Musikszene und löste prompt einen Hype aus, der die deutschen Clubs seither mit einer Schwemme von "Bosporus Beats Parties" überzieht.

Und nun erhält er in Cannes den Preis für das beste Drehbuch und wurde gleich zweimal bei der Oskarnominierung bedacht: als Koproduzent des türkischen Films "Takva" und als Regisseur seines neuen Films "Auf der anderen Seite".

Begegnung mit Flucht und Tod

"Auf der anderen Seite" erzählt episodenhaft von sechs Menschenleben: Ali, der Gastarbeiter, verliebt sich in die türkische Prostituierte Yeter, die mit einem Teil ihrer Ersparnisse das Studium ihrer Tochter finanziert.

Ein Unglück passiert – Alis Sohn Nejat, vom Vater zusehends entfremdet, reist in die Türkei, um Ayten zu finden. Diese ist jedoch als politisch Verfolgte nach Deutschland geflüchtet, verliebt sich in die Studentin Lotte, und wird abgeschoben. Und noch ein weiteres Unglück geschieht: Lottes Mutter Susanne reist in die Türkei …

Ganz ähnlich wie Alejandro González Iñárritus Meisterwerk "Babel", und doch mit unverwechselbar eigener Handschrift, folgt Akin eine Zeit lang einer Geschichte, schneidet dann plötzlich an einen anderen Schauplatz, wo ein weiteres Thema aufgenommen und fortgeführt wird.

Einige Handlungslinien kreuzen sich, andere laufen aneinander vorbei; einige Figuren verpassen sich, andere sterben überraschend, und wiederum andere finden überraschend zueinander.

Dieses Element des Zufalls oder des Schicksals, das Leben auslöscht und schafft, kennt man etwa aus den großen Filmen von Kieslowski. Das ist nun schon der zweite – und nicht der letzte – große Name, an den Akins neues Werk erinnert, und in der Tat verdient "Auf der anderen Seite" die Bezeichnung "europäisches Kino" durch und durch.

Nah an der politischen Realität

Aber weil es nun einmal ein Fatih Akin-Film ist, und weil der Begriff "deutsch-türkisches Kino" nun einmal an ihm festgemacht wird, muss und wird man doch wieder darauf zu sprechen kommen, inwieweit auch dieser neueste Film "Repräsentationsfragen" aufgreift, ob er die EU-Debatte thematisiert und wie es um die stereotype Darstellung von Migranten bestellt ist.

Fatih Akin in Cannes; Foto: AP
Fatih Akin erhielt für seinen Film "Auf der anderen Seite" beim 60. Festival von Cannes den Preis für das beste Drehbuch

​​In dieser Hinsicht kann man beruhigt sein: politische Diskurse, die Deutschen, die Türken, und ihr Verhältnis zueinander – es ist alles drin, und noch viel mehr. Man merkt es nur nicht immer.

Wie Yeter mitten in Hamburg von islamistischen Finsterlingen bedroht wird, weil sie sich "ehrlos" verhält, wie blauäugig Lotte sich als Menschenrechtsaktivistin aufführt, wie Nejat als Literaturprofessor ein erfolgreiches, "integriertes", aber auch unerfülltes Leben führt ..., an solchen und anderen Szenen lassen sich umfangreiche Diskussionen festmachen.

Ähnliche Themen hat das deutsche Migrantenkino jahrzehntelang öfter bemüht – und dabei häufig thesenhaft, hölzern und mit moralisierend-didaktischem Zeigefinger herübergebracht. Es konnte auch nicht anders sein, die Zeiten waren nicht danach.

Atmosphärisches Kino, plastische Erzählweise

Fatih Akin zeigt nun, wie es geht: Er passt seine Themen so geschickt in einen erzählerischen Bogen, dass Spannung, Interesse und Neugier des Zuschauers nie nachlassen. Dazwischen schafft er atemberaubend atmosphärische Kino-Bilder, dann plötzlich gibt es wieder einen Schock, eine neue Wendung – und bei alldem werden seine Figuren so plastisch, dass einen das Gefühl beschleicht, tatsächlich dem realen Leben beizuwohnen.

​​Das Leben ist aber mehr als diese oder jene Idee. Eine ließe sich vielleicht herausgreifen: Der naiven Lotte, der aktivistischen Ayten, dem schöngeistigen Nejat stehen mit Ali und Susanne Vertreter einer älteren Generation gegenüber, die vieles, was die Jüngeren in diesem mobilen, kriegerischen Zeitalter umtreibt, früher schon ganz ähnlich erlebt haben: Militärputsch, Terrorgefahr, Vietnamkrieg, Ölkrise, Migration sind nur einige Schlagworte.

Dass die Rollen der Älteren mit Fassbinder-Ikone Hanna Schygulla und Yilmaz-Güney-Star Tuncel Kurtiz besetzt sind, gewissermaßen zwei Galeonsfiguren des linken Autorenkinos, ist ein Glücksgriff. Überdies liegt der Filmstart in einer Zeit, in der Deutschland gerade seine blutige linke Geschichte aufarbeitet, in der die Türkei massiv ihre alten politischen Strukturen hinterfragt. Ein Zufall?

Plädoyer für Zwischentöne

Wo andererseits zwischen Ost und West ein neues Blockdenken in alten Schwarz-Weiss-Kategorien droht, plädiert Akin für Nuancen und Zwischentöne.

Beispiel Ayten: Die Hetzjagd der Polizei auf sie mag ein realistisches Bild vom türkischen Umgang mit Minderheiten zeichnen, ihre Abschiebung prangert möglicherweise die bürokratisierte deutsche Asylpolitik an. Doch ihre kaderartig organisierten Polit-Kumpane, die bereit sind, über Leichen zu gehen, wenn es der Sache dient, erscheinen keinen Deut sympathischer. Dass Aytens Aufgabe anderswo liegen könnte, deutet bereits der Filmtitel an:

Auf die andere Seite gelangen – jenseits von Vorurteilen, Ideologien, Befangenheiten – das gilt gegenüber Freunden, Fremden, Ländern und Kulturen. Dass er sich am Rande des Todes positioniert, macht diesen Film zu keinem düsteren, verleiht dem Leben umso mehr Tiefe und fordert die Überlebenden zu entschiedener Sinngebung auf.

Die Figuren, die übrig bleiben, haben mehr über sich selbst und über die anderen erfahren. Dass das lange im Zuschauer nachhallt, macht "Auf der anderen Seite" zu einem ganz außergewöhnlichen Film.

Amin Farzanefar

© Qantara.de 2007

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