Fatih Akins Armenierdrama "The Cut" beim Filmfest Venedig

Tabuthema Völkermord

In seinem Film "The Cut" hat sich der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin einem heiklen Thema zugewandt: dem Massenmord an den Armeniern zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er erzählt die Geschichte eines jungen Handwerkers, der während der Massaker an den Armenieren von seiner Familie getrennt wird und sich auf die Suche nach seinen Töchtern macht. Von Jochen Kürten

Es ist nur eine kurze Szene in dem über zweistündigen Film von Fatih Akin, und doch bringt sie auf den Punkt, um was es hier geht in Venedig: Ein Mann betritt irgendwo im Nahen Osten zu Beginn der 20er Jahre einen schmucklosen Hinterhof, in dem gerade ein Stummfilm auf eine Leinwand projiziert wird. Das Licht flackert, die Qualität der Bilder ist schlecht. Doch dem Publikum macht es nichts aus. Kinder, ganze Familien und Alte, sitzen gebannt vor der Leinwand und starren auf die stummen Bilder.

Gezeigt wird ein Film von Charlie Chaplin. Es wird viel gelacht. Doch dann wendet sich das Schicksal des Tramps: Sein kleiner Begleiter, ein Kind, wird entführt. Nach einigen Handgreiflichkeiten gelingt es Charlie, den Kleinen wieder in die Arme zu schließen. Das letzte Bild des Films zeigt die beiden in einer herzzerreißenden Szene, eng aneinandergeklammert, die Tränen fließen. Das Publikum ist begeistert.

Versprechungen der siebten Kunst

Fatih Akins "The Cut" handelt nicht von der Kraft des Kinos, die sich hier am Lido einmal mehr für elf Tage zeigt – und doch erzählt er auch von den Versprechungen der siebten Kunst. Er tut dies in dieser einen Szene sehr überzeugend, weil er über das Medium reflektiert und das mit der Handlung des Films verknüpft. Kunst und Leben finden in dieser Sequenz zueinander.

Zunächst ist "The Cut" ein Film über den Genozid an den Armeniern zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Er erzählt vom grausamen Morden an einem ganzen Volk, vom Schlachten und Töten durch die Türken und spart dabei nicht mit alptraumhaften Szenen.

Nazaret (Tahar Rahim) wird von seiner Familie getrennt und zur Arbeit in einem Steinbruch gezwungen. Schwer verletzt überlebt er als einziger ein Massaker an seinen Landsleuten. Seine Stimmbänder sind zerfetzt, sprechen kann er kaum noch. Doch ihm gelingt die Flucht. Fortan macht er sich auf die Suche nach seinen Zwillingstöchtern. Dieser Suche räumt der Film viel Zeit ein. Der Zuschauer begleitet Nazareth über viele Stationen im Nahen Osten, nach Kuba, bis in die USA.

"The Cut" und die Reise zur wahren Religion

Ein Thema, so Fatih Akin, seidabei auch das Verhältnis seines Helden zur Religion. Nazareth verliere seinen Glauben. Doch tatsächlich verliere er nur den Glauben an die Riten der Kirchen. Dafür nähere er sich dem eigentlichen Kern von Religion, Spiritualität und Hoffnung. Im Vorfeld von "The Cut" wurde viel über das Projekt berichtet. Akin greife in seinem Film das Tabuthema des Völkermords an den Armeniern auf - erstmals werde der Genozid auf großer Leinwand in einem Spielfilm behandelt. Von ultranationalistischen Gruppen in der Türkei erhielt der in Hamburg lebende Regisseur mit türkischen Wurzeln sogar Todesdrohungen. Nicht wegen "The Cut", sondern weil Akin plante, den Mord an dem ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink zu verfilmen.

Filmszene aus "The Cut" von Fatih Akin; Quelle: Internationales Filmfestival in Vendedig
Courage zu heiklen Sujets: Fatih Akins Film "The Cut", der den Völkermord an den Armeniern thematisiert, ist einer von mehreren politischen Beiträgen unter den 20 Filmen des Wettbewerbs um den Goldenen und die Silbernen Löwen auf dem 71. Internationalen Filmfestival in Venedig vom 27. August bis zum 6. September 2014.

Doch auch "The Cut" dürfte offiziellen Stellen in der Türkei nicht gefallen. Der Film zeigt das barbarische Morden an den Armeniern, brutale Hinrichtungen und den qualvollen Tod vieler Menschen in einem Flüchtlingslager. Für Ankara ist das Thema nach wie vor ein Tabu. Dass "The Cut" in der Türkei gezeigt werden wird, darf daher bezweifelt werden. Fatih Akin hat mit seinem neuen Film Mut bewiesen. Er hat ein Thema aufgegriffen, von dem man auch heute noch viel zu wenig weiß.

Verhaltene Reaktionen in Venedig

All das sagt freilich wenig über die filmische Qualität eines solchen Werks aus. Erste Reaktionen beim Festival in Venedig fielen sehr verhalten aus. Dem Regisseur merkte man das bei einem ersten Auftritt vor der Weltpresse an. Diese kritischen Reaktionen seien aber nur ein kleiner Ausschnitt, so Akin. "Ich habe mich sieben bis acht Jahre mit dem Projekt beschäftigt und damit auch mit möglichen Reaktionen." Das sei nicht wichtig.

Dass "The Cut" eher kühl aufgenommen wurde, lag wohl auch daran, dass er sich nicht so recht entscheiden kann zwischen einem historisch-politischen Film und einer genrehaft erzählten Geschichte seines Helden. Im zweiten Teil wird "The Cut" mehr und mehr zum Genrefilm, zum Roadmovie, zur Western-Hommage. Dadurch gerät er aus dem Gleichgewicht.

Fatih Akin ist ein Meister des emotionalen Erzählens, das hat er in seinen vergangenen Filmen bewiesen. Auch in "The Cut" gibt es großartige Szenen, die berühren. Ein durchaus bewegender Film über ein wichtiges historisches Thema. Dem pflichtete auch sein armenischer Darsteller Simon Abkarian in Venedig bei: "Dies ist der Film, auf den wir Armenier gewartet haben", so Abkarian.

Jochen Kürten

© Deutsche Welle 2014

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