Europas Muslime und die Lehren aus den Anschlägen von Paris

Raus aus der Opferrolle

Der Islam wird so lange mit Brutalität gleichgesetzt werden, wie Europas Muslime nicht zu einer gemeinsamen Sprache finden und als eine Gruppe zusammenstehen, die zwar ihre Religiosität schützt, aber auch ein positives Bild ihrer Religion nach außen vermittelt, meint der jordanische Publizist Mussa Barhoma.

Am Töten von Unschuldigen und friedlichen Zivilisten kann nichts Gutes sein. Allenfalls im Fall Frankreichs könnte es anders sein. Nicht weil vernünftige Menschen etwas gut daran finden könnten, dass Leben ausgelöscht werden, sondern weil nun ein Konsens darüber entstehen könnte, dass man Leute in ihre Grenzen weisen muss, die im Namen der Religion abscheulichste Verbrechen begehen.

Mit dem Aufzeigen von Grenzen soll nicht nur das gemeint sein, was Regierungen, Militär, internationale Allianzen und Geheimdienste erreichen können, sondern auch, was die Allgemeinheit tun könnte, um Salafisten, Dschihadisten und anderen Strömungen des politischen Islam den Rückhalt zu entziehen. Denn deren Diskurs geht scheinbar fließend über in Aufforderungen zum Entführen und Morden. Und ihre ideologischen Quellen bestehen aus ein und derselben dschihadistischen Theologie.

In einer jüngst in arabischen Ländern durchgeführten Umfrage zum "Islamischen Staat" gaben 15 Prozent der Befragten an, dass die "militärischen Erfolge" der wichtigste Faktor für die Popularität der Terrormiliz sei, während 14 Prozent meinten, es sei die Ausrufung eines Kalifats gewesen. Auftraggeber der Umfrage war das "Arabische Zentrum für politische Studien" in Doha, das die Ergebnisse im vergangenen November vorgelegt hatte.

Vom Opferdasein zum Dschihad

Und womöglich empfinden einige islamistische Sympathisanten angesichts der terroristischen Anschläge in Frankreich Genugtuung, da sie sich schon lange in einen Diskurs des Opferdaseins geflüchtet haben.

Militante Salafisten und Anhänger des IS verbrennen die französische Nationalfahne; Foto: Reuters
Spirale von Hass und Gewalt: "Kein Land ist mehr sicher vor der blinden, willkürlichen und barbarischen Mordmaschine, gerade angesichts des immer öfter in Anspruch genommenen 'individuellen Dschihad', durch den aus streng religiösen Muslimen in aller Welt Zeitbomben werden können", warnt Mussa Barhoma.

Bei diesem weltweit von Islamisten bedienten Diskurs einer angeblich systematischen Verfolgung von Muslimen geht es nicht darum, dass man den berechtigten gesellschaftlichen Forderungen der Muslime, die nach islamistischer Lesart im "Land des Unglaubens" leben, nachkommt, sondern vielmehr den "Dschihad" auf jene Länder auszuweiten, die noch nicht in den Genuss der Herrschaft der göttlichen Scharia gekommen sind und somit noch im Zustand der vorislamischen "Dschahiliya" (Unwissenheit) verharren.

Der islamistische Vordenker Sayyid Qutb hat dies alles schon vor über 50 Jahren in seinem Buch "Wegzeichen" dargelegt, wo er zudem schrieb, dass die Menschen "Diener Gottes allein" seien, es "keine Herrschaft außer der Gottes, kein Gesetz als das Gottes" geben dürfe und kein Mensch Macht über einen anderen ausüben könne.

Die in den "ungläubigen" Gesellschaften lebenden Muslime sollten sich aber nicht wundern, wenn ihr Spielraum eingeschränkt wird, die Abneigung gegen sie und gegen den Islam zunimmt, sie ausgegrenzt oder ihre Moscheen angezündet werden. Denn der Begriff "Muslim" wird so lange mit Brutalität und Barbarei gleichgesetzt werden, wie die dortigen Muslime nicht zu einer gemeinsamen Sprache finden und als eine Gruppe zusammenstehen, die zwar ihre Religiosität schützt, aber auch ein positives Bild ihrer Religion nach außen vermittelt.

Der Westen und die Welt erkennen dieses Positive schon lange nicht mehr, so sehr haben die, die im Namen des Islam sprechen, diesen in Blut getränkt, Gewalt geübt und den gesellschaftlichen Frieden gefährdet.

Das Töten im Namen der Religion erfolgt nicht in einem Vakuum, und seine Protagonisten agieren nicht ohne Rückhalt in der Bevölkerung. Sie werden psychologisch, finanziell und logistisch von Muslimen im Nahen Osten und im Westen unterstützt, die, weil man sie religiös nicht in vernünftiger Weise anleitet und weil sie unter dem Druck persönlich und kollektiv empfundenen Schmerzes stehen, nicht begreifen, dass jene dschihadistischen Gruppen, die vorgeblich "Rache für sie" üben, schon sehr bald "Rache an ihnen" nehmen werden.

Tickende Zeitbomben

Kein Land ist mehr sicher vor der blinden, willkürlichen und barbarischen Mordmaschine, gerade angesichts des immer öfter in Anspruch genommenen "individuellen Dschihad", durch den aus streng religiösen Muslimen in aller Welt Zeitbomben werden können.

Mussa Barhoma; Foto: privat
Mussa Barhoma ist jordanischer Schriftsteller und Publizist. Er schreibt für führende arabische Zeitungen und war bis 2010 Chefredakteur der in Amman erscheinenden Tageszeitung "Al-Ghad" ("Der Morgen").

Der Dschihad, den die Militanten im Munde führen, ist gemäß den Vorschriften und Einschränkungen der Scharia eigentlich nur der "kleine Dschihad". Der "große Dschihad" ist dagegen der Kampf mit der eigenen Person, die Reinigung der Seele und die Vermeidung von Untaten. Dazu gehört, nicht ins Töten anderer Menschen abzugleiten – jener Menschen, die Gott zu seinen Stellvertretern auf Erden bestimmt hat, auf dass sie diese aufbauen und gerecht gestalten.

Aber solange alle religiösen und moralischen Maßstäbe außer Kraft gesetzt sind, Vernunft fehlt, der Pöbel das Sagen hat und jede Strategie der Weisheit versagt, sind alle Voraussetzungen für einen Religionskrieg gegeben. Denen, die aus den Höhlen der Vergangenheit hervorkriechen, ist es gleich, wenn die Welt in Flammen steht. Für sie ist das Diesseits nur das Vergängliche, ein Ort der Eitelkeiten.

Eine andere, ewige Welt erwartet sie, und ihr Märtyrertod ist für sie nichts anderes als ein Passierschein in ebenjene Welt, die die religiöse Literatur mit aller Fantasie als einen Ort unwiderstehlichen Zaubers ausschmückt. Und der Dschihad, so sagt man ihnen, bedeute den direktesten Eintritt in jene Welt des Glücks.

Mussa Barhoma

© Qantara.de 2015

Aus dem Arabischen von Günther Orth

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Leserkommentare zum Artikel: Raus aus der Opferrolle

Dass ich so etwas noch mal lesen darf! Danke an einen jordanischen Muslim, der offensichtlich "weiter" ist als die meisten der Muslime und ihrer geistlichen und intellektuellen Würdenträger und Vertreter hierzulande!!! Eigentlich sollte ihnen allen dieser Artikel die Schamesröte ins Gesicht treiben. Was für ein Unterschied zum hiesigen dumpfen "Das ist aber nicht der Islam"-Geblubber.

Ingrid Wecker19.01.2015 | 20:45 Uhr

"nur der "kleine Dschihad""

Durch das "nur" hat es zumindest den Anschein, als wollte man relativieren. Offenbar ist der "kleine Jihad" ja dann augenscheinlich total sinnlos und sicherlich auch niemals verpflichtend, usw. usf.

Solange überall nur relativiert wird, ist das natürlich ein Armutszeugnis und das hilft weder dem Islam, noch dem Westen. Eine MÜNDIGE Debatte und ein Vorankommen in dieser würde es verlangen, dass man genau die religiöse Grundlage der sunnitischen Täter beleuchtet, (mitsamt aller sahih(!)-Ahadith, auf die sie sich beziehen) die sich zweifellos auf den Koran und die Sunnah beziehen und man sollte dann eben nicht den bewaffneten Jihad (das ist ja eben das Motiv religiös motivierter Taten) kleinreden.

Theo20.01.2015 | 20:39 Uhr

Ich glaube nicht, dass der Autor, wenn er "nur" vom kleinen Dschihad spricht, irgendetwas kleinreden möchte. Natürlich ebnet auch der kleine Dschihad den Weg ins Paradies, aber eben auch nur, wenn es tatsächlich ein Dschihad wäre. Einfach nur Menschen zu ermorden, weil sie anderer Meinung sind, dürfte jedoch eher gar nicht unter den Begriff "Dschihad" fallen, es ist einfach nur Mord. Meinem Verständnis nach kommt der kleine Dschihad nur dann in Betracht, wenn die Muslime angegriffen werden und sich wehren müssen. Und dies nicht nur subjektiv behauptet, sondern auch objektiv belegt. Und die Entscheidung darüber hat auchnicht eine kleine Gruppe von Avantgardisten, sondern gewiss die ganze Gemeinschaft (zumindest der Gelehrten, wenn nicht gar aller Gläubigen). Folglich verwenden die Terroristen den Begriff des Dschihad also zu Unrecht.

Andreas21.01.2015 | 15:15 Uhr

There are different kinds or interpretations of Islam, when some Muslims say that the atrocities of Islamists have nothing to do with Islam what they probably mean is that it is not how they understand Islam. Islamists, moderate or extremist, have their own mindset and interpretation. The Islam of Taliban, Boko Haram, Al-Shabab, Wahabists, Salafists and Muslim Brotherhood is different from the Islam of many other Muslims. There are different extremist movements within Islam, some political and some based on narrow reading of Islamic theology, which are causing the carnage and the first victim of this extremism and terrorism are Muslim themselves.

Hassan26.01.2015 | 21:36 Uhr