Für ihr Schweigen wurde sie massiv kritisiert. Eigentlich hatte die Bevölkerung von ihr erwartet, dass sie die Menschenrechte und die menschliche Würde verteidigen würde. An diesen Erwartungen ist sie gescheitert, und viele fühlen sich massiv von ihr im Stich gelassen. Natürlich ist bekannt, dass Aung San Suu Kyis Macht durch die Verfassung von 2008 erheblich eingeschränkt ist. Also kann sie den Oberbefehlshabern der Streitkräfte nicht offiziell befehlen, mit diesen Grausamkeiten aufzuhören, da die Verfassung ihnen bei sicherheitspolitischen Themen völlig freie Hand gibt. Aber auf jeden Fall könnte sie ihre Stimme erheben und den Sicherheitskräften Steine in den Weg legen, doch noch nicht einmal das hat sie getan.

Als Aung San Suu Kyi noch eine politische Gefangene war, jahrelang unter Hausarrest stand und sich gegen Myanmars Militärdiktatur wehren musste, hatte sie ganz klar gesagt: „Nutzt eure Freiheit dazu, sich für unsere einzusetzen.“ Die Menschen sahen das als eindeutigen Hinweis darauf, wohin sie wollte und wofür sie stand. Der Grund, warum sie von der internationalen Gemeinschaft so stark unterstützt wurde, war, dass sie als Symbol für den Widerstand gegen die Militärdiktatur, für den Schutz der Menschenrechte und für die Würde aller Menschen galt. Fast könnte man meinen, zwischen ihr und der internationalen Gemeinschaft hätte es einen informellen Vertrag gegeben. Sie war ungeheuer beliebt. Die Dinge, für die sie sich einsetzte, waren so wichtig, dass die Leute vergaßen, dass sie eine Politikerin ist.

Bei der Frage nach dem Status und der Lage der Rohingya duckt sie sich völlig weg, weil sie weiß, dass diese Volksgruppe in Myanmar sehr unbeliebt ist. Dass sie aber angesichts der Gräueltaten schweigt, erzeugt auf globaler Ebene eine Dynamik, die darauf hinausläuft, dass sie von der Welt nicht mehr unterstützt wird. Irgendwann hat San Suu Kyi das Abkommen mit der internationalen Gemeinschaft aufgekündigt, das ihr damals für den Fall, dass sie an die Macht kommen und sich für die Menschenrechte einsetzen würde, Unterstützung versprach. Ihren Teil dieses Abkommens hat sie nicht erfüllt – noch nicht einmal ansatzweise. Und nicht nur in Rakhine gibt es Probleme: Auch in anderen Provinzen von Myanmar flammen Konflikte zwischen ethnischen Gruppen und Sicherheitskräften auf. Was wir hier sehen, ist ein völliges moralisches Versagen der politischen Führung.

Besteht die Gefahr einer Radikalisierung? Könnte Rakhine zu einer Brutstätte des IS werden?

Robertson: Diese Fragen können jetzt noch nicht beantwortet werden. Natürlich kann niemand völlig ausschließen, dass Menschen radikalisiert werden – insbesondere diejenigen, die über die furchtbaren Taten der Sicherheitskräfte empört sind. Aber manche Beobachter stellen gerade alle möglichen Spekulationen in den Raum. Man hört, die Rohingya-Miliz ARSA stecke mit dem IS oder Al-Qaida unter einer Decke. Es scheint fast so, als hätte die Lobby der Terrorbekämpfer gern eine neue Front, an der sie sich austoben kann. Die ARSA hat ganz klar betont, dass sich ihre Aktionen nur auf die Lage in Rakhine beziehen, und dass sie nicht an internationalen dschihadistischen Aktivitäten beteiligt ist. Sie sagt, sie wolle nicht mehr, als die Rohingya zu beschützen. Soweit wir wissen, richteten sich die Anschläge der ARSA vom 25. August gegen die Polizeikräfte. Die Regierung und die Armee von Myanmar behaupten, die ARSA sei eine Terrorgruppe, haben aber bisher keine Informationen oder Beweise geliefert, die diese Behauptung belegen könnten.

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