Emanzipation im Libanon

Starke Frauen zwischen Kind und Karriere

Frauen im Libanon erscheinen emanzipierter als in anderen Teilen der arabischen Welt. Aber das ist oft nur eine Fassade. In Wirklichkeit haben sie es schwer, vor allem dann, wenn sie sich beruflich verwirklichen wollen. Auch gibt es keine wirkliche Frauenrechts-Bewegung im Libanon. Birgit Kasper berichtet aus Beirut.

Najlaa Jaber; Foto: Birgit Kaspar
"Manchmal darfst du keine Rücksicht auf deine Familie oder persönliche Vorlieben nehmen. Du musst Prioritäten setzen", sagt die berufstätige Najlaa Jaber.

​​ Eine frische Brise weht durch den großen Garten von Najlaa Jaber in Maifadoun im Südlibanon. Vom Haus aus hört man schon das Meckern ihrer Ziegen. Wenn die 49-jährige Mutter zweier Söhne und Inspektorin des libanesischen Landwirtschaftsministeriums nach anderthalb Stunden Busfahrt von ihrem Hauptjob aus Beirut zurückkehrt, kümmert sie sich gerne um die Ziegen. Das entspanne sie.

Die Frau mit dem wilden, schwarzen Lockenkopf ist ein Energiebündel. Trotz ihres konservativen Hintergrundes: Sie ist auf dem Land im religiös geprägten, schiitischen Süden des Libanon aufgewachsen und sie hat sich für eine berufliche Karriere entschieden. "Das ist etwas anderes als nur ein Vollzeitjob. Manchmal darfst du keine Rücksicht auf deine Familie oder persönliche Vorlieben nehmen. Du musst Prioritäten setzen", erläutert Najlaa.

Hilfe von der Familie

Die Familie an zweite Stelle zu setzen ist allerdings im Zedernstaat für eine Frau und Mutter nicht akzeptabel. Es würde nämlich bedeuten, dass sie sich nicht mehr dafür interessiert, was die Leute reden. Trotz seiner modernen Fassade sei der Libanon eine sehr konservative Gesellschaft, meint Najlaa.

Najlaa hat Glück. Ihr Mann Ali und ihre beiden Söhne unterstützen sie bei ihrer Arbeit.

Nur 27 Prozent der Werktätigen im Libanon sind Frauen. Sie verdienen weniger als ihre männlichen Kollegen und werden steuerlich benachteiligt. Sehr wenige Frauen arbeiten in leitenden Positionen, da diese überwiegend von Männern besetzt werden. Das liegt auch daran, dass Frauen viel Zeit für die Familie brauchen, erklärt Nadya Khalife, die bei Human Rights Watch für die Frauenrechte im Nahen Osten zuständig ist. Ganz egal ob sie arbeiten oder nicht.

Nadya Khalife; Foto: Human Rights Watch
"Wenn Sie mit normalen Frauen auf der Straße sprechen, finden Sie keine wirklichen Feministinnen. Sie sind nicht darauf aus, für ihre Rechte zu kämpfen", sagt Nadya Khalife von Human Rights Watch.

​​ Denn der fortschrittlichen Fassade zum Trotz sei der Libanon immer noch eine sehr patriarchalisch geprägte Gesellschaft. "Frauen werden am Arbeitsplatz diskriminiert. Gleichzeitig sollen sie Vollzeitmütter sein, sich um die Großfamilie kümmern und ihren Job machen. Das ist einfach ein bisschen viel", schimpft Nadya Khalife.

Auch Najlaa findet es ermüdend. Aber sie zieht zugleich viel Energie aus ihrer Arbeit, wenn sie gut läuft. Obwohl sie jeden Tag anderthalb Stunden mit dem Bus nach Beirut fahren muss und am Abend wieder zurück. Männer hätten es einfacher, sagt sie. Wenn sie von der Arbeit kämen, müssten sie sich nicht noch um den Haushalt und die Kinder kümmern. "All das zerrt an meinen Kräften", sagt Najlaa.

Wenige Frauen in der Politik

Frauen im Libanon wirken nach außen hin offen und aufgeschlossen. Viele kleiden sich westlich, teilweise sogar aufreizender als Europäerinnen. Doch sie sind alles andere als gleichberechtigt. Ganz egal ob sie Christinnen oder Musliminnen sind. Am meisten benachteiligt sind sie bei den Bürgerrechten: Libanesische Frauen können ihre Nationalität nicht an ihre ausländischen Ehemänner oder Kinder weitergeben.

Wenn es um Ehe, Scheidung, Sorge- oder Familienrecht geht, ziehen sie ebenfalls den Kürzeren. Denn dafür sind die christlichen, muslimischen und drusischen religiösen Gerichte zuständig. Und bei der politischen Beteiligung sieht es gleichsam düster aus: Im Parlament sitzen gerade mal vier Frauen, das 30-köpfige Parlament hat nur zwei Ministerinnen.

Nadya Khalife kritisiert, es gebe im Libanon keine wirklich Graswurzel-Bewegung für Frauenrechte. Es gebe ein paar Organisationen: "Aber wenn Sie mit normalen Frauen auf der Straße sprechen, finden Sie keine wirklichen Feministinnen. Sie sind nicht darauf aus, für ihre Rechte zu kämpfen", erklärt Nadya Khalife.

Ikone der Frauenbewegung

Eine Ausnahme ist die 84-jährige Linda Mattar, die noch heute Präsidentin der Liga für Frauenrechte ist. Die zierliche aber entschlossene, grauhaarige Ikone der libanesischen Frauenbewegung hat in den langen Jahren ihres Kampfes einen großen Erfolg zu verzeichnen: Seit 1953 dürfen Libanesinnen wählen und sich zu Wahl stellen. Ansonsten sei es eher mühsam gewesen.

Linda Mattar; Foto: Birgit Kaspar
Linda Mattar, die Präsidentin der Liga für Frauenrechte, ist im Libanon eine Ikone der Frauenrechtsbewegung. Auch auf Grund ihres unermüdlichen Einsatzes dürfen seit 1953 Libanesinnen wählen und sich zu Wahl stellen.

​​ "Manche Frauen hier haben alles und scheren sich nicht um Politik. Andere haben nichts und ahnen nicht einmal, welche Rechte sie haben könnten", sagt sie. Aber sie werde weitermachen, solange sie gesund sei und ihr Verstand vernünftig arbeite.

Najlaa hingegen beschränkt sich auf ihren persönlichen Kampf. Die energische Frau setzt in ihrem Beruf und in ihrer Familie ein positives Beispiel dafür, dass eine Frau auch im Libanon ihren Weg gehen kann. Dafür wird sie überwiegend respektiert.

Doch die libanesische Gesellschaft sei sehr schizophren: "Es gibt viele Tabus, du bist nicht wirklich frei. Es sei denn du machst dich frei. Ganz egal was andere Leute denken oder wie sie dich behandeln", sagt sie. Doch dazu muss man sehr stark sein. Eine Stärke, über die Najlaa Jaber verfügt.

Birgit Kaspar

© Deutsche Welle 2010

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

Verwandte Themen
Druckversion
E-Mail verschicken
Ihre Meinung zu diesem Artikel
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

Seiten