Elif Shafaks Roman "Der Geruch des Paradieses"

Zwischen den Stühlen

Die bekannte türkische Bestsellerautorin Elif Shafak verfolgt in ihrem neuen Roman den Lebensweg einer jungen Frau aus Istanbul, die durch ihre innere Zerrissenheit zwischen Tradition und Säkularisierung beim Studium an der Universität Oxford in tiefe menschliche und religiöse Konflikte gerät. Von Volker Kaminski

Von klein auf ist Peri daran gewöhnt zwischen den Stühlen zu sitzen. Während ihre Mutter dreimal am Tag betet, ein Kopftuch trägt und sämtliche religiösen Vorschriften befolgt, widert ihren Vater der "Geruch des Paradieses" an und er bemüht sich seiner Tochter die Werte der Aufklärung und des kritischen Denkens zu vermitteln.

Peri, die beide Eltern liebt, greift zu unkonventionellen Mitteln, um den Hausfrieden zu sichern: Sie dekoriert den vom Vater aufgestellten Weihnachtsbaum, den die Mutter als christliches Symbol verurteilt, zu einem 'muslimischen Baum' um, indem sie ihn mit Kopftuch, Messingmoschee und einem Gedichtbuch des Islam behängt.

Obwohl Peri ein aufgewecktes, lese- und lernbegieriges Mädchen ist, werden ihr bereits in ihrem jungen Leben immer wieder die Lösungswege zwischen den Extremen verbaut. Sie findet aus ihrer Zerrissenheit keinen Ausweg und ihr späterer Versuch als säkulare Muslima zu leben, stellt sie vor ungeahnte Schwierigkeiten, nicht nur bei ihren Eltern in der Türkei, sondern auch als Studentin in Oxford, ja im Grunde noch als Ehefrau und Mutter.

In gesonderten Kapiteln, die sich neben Peris Kindheits- und Studentenjahre durchs Buch ziehen, begleiten wir Peri durch einen langen Tag in Istanbul des Jahres 2016. Dieser Tag ist eine einzige Kette von Katastrophen, angefangen von dem brutalen Angriff eines Straßenräubers, den Peri nur durch beherzte Gegenwehr überlebt, gefolgt von einer Dinnerparty bei einem reichen Geschäftsmann, dessen Villa am Meer sich bei allem luxuriösen Glanz als ein Ort des Unheils herausstellt.

Buchcover Elif Shafaks Roman "Der Geruch des Paradieses" im Verlag Kein & Aber
Eine explosive Geschichte über Identität, Politik, Glauben und die heutige türkische Gesellschaft. Und eine Lektüre, die bei aller turbulenten Dramatik nachdenklich stimmt und viel von der wachsenden Spannung einfängt, von der der Ost-West-Konflikt derzeit geprägt wird.

Schatten der Vergangenheit

Noch immer ist Peri keine starke, selbstbewusste Frau, wenn sie auch bis zu diesem Zeitpunkt gelernt hat sich zu behaupten und ihre kritischen Ansichten gegenüber ultranationalen und chauvinistischen Stimmen im großbürgerlichen Kreis der Gäste zu äußern. Die Autorin zeigt uns ihre Heldin als ein Mensch mit Makeln und Konflikten, deren Ursachen sich zunächst nicht erschließen. Peris innere Tragödie wird erst im Lauf des Romans verständlich, das Buch wartet gegen Ende mit handfesten Dramen auf, die sich in Peris frühester Kindheit abgespielt haben.

Die Dinnerparty stellt neben den Studienjahren in Oxford das Zentrum des Romans dar, in beiden Szenarien wird Peri einer menschlichen Prüfung unterzogen, sie muss ihr Gewissen befragen und sich Konflikten stellen, die sie emotional an den Rand des Zusammenbruchs führen.

In Oxford ist es der Kontakt mit einem ungewöhnlichen, charismatischen Professor, der ein Seminar über die Frage nach Gott abhält und darin seine Studenten mit widersprüchlichen Thesen konfrontiert. Anders als ihre Kommilitoninnen, die sich mit dem sonderbaren Professor Azur arrangieren können, verliebt sich Peri in ihn, setzt übergroße Hoffnungen in sein Wissen über Gott und wird enttäuscht. Sie bricht ihr Studium ab, scheidet im Groll gegen Azur und trägt seitdem ein Schuldgefühl mit sich, das erst viele Jahre später – just auf jener Dinnerparty – bei ihr aufbricht.

Peri als eine "Muslima moderna"?

Peri muss sich noch einmal mit ihrer eigenen Entwicklung auseinandersetzen und sich gegen die Bestrebungen von außen, die ihr eine eindeutige Haltung aufzwingen wollen, als "Muslima moderna" behaupten.

Einen starken Kontrast zur sensiblen, verunsicherten Heldin bildet die auktoriale Erzählerstimme. Das spannende und handlungsreiche Geschehen wird überaus eloquent und bilderreich vor uns entfaltet. Dadurch entsteht eine gewisse Distanz zu Peris Nöten, während detailreiche Gesellschaftsbilder unterschiedlicher sozialer Biotope entworfen werden.

Der Abstieg Azurs von seinem ruhmvollen Posten zu einem geächteten Gelehrten in Oxford scheint der Autorin ebenso wichtig zu sein wie die politische Gemengelage der Istanbuler Oberschicht der Gegenwart. Die Autorin spart nicht mit Kritik an der Feigheit der Besserverdiener und ihrer blinden Loyalität gegenüber einer Staatsmacht, die auf dem besten Weg ist im Namen einer islamischen Republik die Freiheit in der Türkei zu beerdigen.

"Die Türkei – so tot wie meine Großmutter"

In einem jüngst veröffentlichten Beitrag schrieb Shafak: "Die Türkei ist so tot wie meine Großmutter … Es gibt keinen Platz mehr für Individualität ... Die freie Meinungsäußerung ist vollkommen unterdrückt."

In ihrem Roman wird diese düstere Aussage gespiegelt in der immer gefährlicher sich zuspitzenden Dinnerparty am Bosporus, die am Ende von Peri verlangt, all ihren Mut zusammenzunehmen und sich den Gefahren entgegenzustellen. Eine Lektüre, die bei aller turbulenten Dramatik nachdenklich stimmt und viel von der wachsenden Spannung einfängt, von der der Ost-West-Konflikt derzeit geprägt wird.

Volker Kaminski

© Qantara.de 2017

Elif Shafak: "Der Geruch des Paradieses", Roman, Verlag Kein & Aber 2016, Aus dem Englischen von Michaela Grabinger, 560 Seiten, ISBN: 978-3-0369-5752-4

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