Auf den ersten Blick werden als entscheidende Faktoren, um als Deutscher zu gelten, mit fast 80 Prozent der Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit sowie mit fast 97 Prozent die Fähigkeit, Deutsch sprechen zu können, genannt. Beides inklusive Faktoren, die es auch Menschen mit Migrationsgeschichte möglich machen, deutsch zu sein und als Deutsche/r zu gelten. Nur dass gleichzeitig die exklusiven und rassistisch-diskriminierenden Kriterien wie "Akzentfrei Deutsch sprechen zu können" fast 41 Prozent Zustimmung, "Auf das Kopftuch zu verzichten" fast 38 Prozent Zustimmung, und "Deutsche Vorfahren zu haben" 37 Prozent Zustimmung erhalten.

Damit sind all jene Menschen in Deutschland vom Deutschsein ausgeschlossen, die entweder Deutsch nicht als Muttersprache erworben haben, oder die ein muslimisches Kopftuch tragen, oder die nicht von deutschen Eltern abstammen. Und es reicht bereits die Erfüllung eines Kriteriums, um nicht mehr als deutsch zu gelten – selbst wenn man die deutsche Staatsbürgerschaft von Geburt besitzt.

Keine Religionsfreiheit für Muslime?

Diese fatale Reichweite der Exklusion zeigt sich am Beispiel der gläubigen Muslimas mit Kopftuch. Sie werden, schreiben die Autorinnen und Autoren der Studie, "aus dem nationalen Narrativ und somit auch aus der kollektiven Identität herausdefiniert […], egal ob sie hier geboren sind, die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, Deutsch sprechen und eventuell sogar deutsche Vorfahren haben – was bei konvertierten Frauen der Fall sein kann, aber auch bei Kindern von Konvertiten".

Die Tragweite dieser Exklusion wird konkret erfahrbar, wenn es etwa um den Zugang zum Arbeitsmarkt geht. So zeigt die Studie "Diskriminierung am Ausbildungsmarkt" des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration, wie Menschen bei formal gleicher Qualifikation benachteiligt werden, wenn sie einen türkischen Namen haben.

So muss der Kandidat mit deutschem Namen durchschnittlich fünf Bewerbungen schreiben, sein Mitbewerber mit türkischem Namen hingegen sieben. Noch deutlicher wird die exkludierende Wirkung bei weiblichen Bewerberinnen mit deutschem Namen oder mit türkischem Namen und Kopftuch, wie Doris Weichselbaumer in ihrer Studie "Discrimination against Female Migrants Wearing Headscarves" zeigen konnte.

En passant wird hier die Schwierigkeit der deutschen Mehrheitsgesellschaft offensichtlich, mit muslimischen Bürgern in ihrer Mitte umzugehen: Um eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch zu erhalten, musste die Bewerberin mit türkischem Namen und Kopftuch fast fünfmal so viele Bewerbungen schreiben, wie die Bewerberin mit deutschem Namen.

Gesellschaftliche Teilhabe wird damit für viele Menschen in Deutschland nur aufgrund ihrer Migrationsgeschichte unnötig erschwert, in Teilbereichen sogar unmöglich gemacht. Wie der jungen muslimischen Juristin aus Bayern, der der Freistaat während ihres Referendariats die Arbeit im Gerichtssaal verbot, weil sie ihr Kopftuch tragen wollte. Gegen dieses Verbot hat die Frau erfolgreich geklagt. Eine Entscheidung, die das bayerische Justizministerium aber nicht hinnehmen will, wie Justizminister Winfried Bausback (CSU) betont: "Wir können das Ergebnis so nicht stehen lassen." Bayern kann nicht stehen lassen, dass die Religionsfreiheit auch für Muslime gilt? Der rechte Rand, für den Muslime ohnehin nur eine Gefahr und ein Fremdkörper darstellen, wird frohlocken.

Die Folgen sozialer Exklusion, umso mehr wenn sie als unausweichlich und unabänderlich erfahren wird, können fatal für das gesellschaftliche Zusammenleben sein, das zeigt der französische Soziologe Farhad Khosrokhavar in seiner Studie "Radikalisierung". Umgekehrt, auch das kann man aus Khosrokhavars Untersuchung lesen, ist die Ermöglichung gesellschaftlicher Teilhabe ein wirksames Mittel gegen Radikalisierung.

Deutschland ist ein Einwanderungsland – inzwischen in der zweiten, bald schon in der dritten Generation. Das Festhalten an einem überkommenen und kontrafaktischen Verständnis des Deutschseins lässt nicht nur den rechten und rechtspopulistischen Rand Deutschlands blühen und gedeihen, es gefährdet auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt in diesem Land.

Andreas Bock

© Qantara.de 2017

Prof. Dr. Andreas M. Bock ist Professor für Politikwissenschaft an der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften Berlin und Lehrbeauftragter für Internationale Politik und Konfliktanalyse an der Universität Augsburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Terrorismus, Rassismus und politische Psychologie.

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