Eine Jesidin in der Gewalt des "Islamischen Staates"

Verschleppt und wie Vieh verkauft

Die junge Jesidin Amscha erzählt die unglaubliche Geschichte ihrer 25-tägigen IS-Gefangenschaft und ihrer gelungenen Flucht. Von Karim El-Gawhary aus der kurdischen Stadt Dohuk

"Ich wünschte ich wäre tot. Oft habe ich in den letzten Wochen daran gedacht, mir das Leben zu nehmen", erzählt Amscha mit monotoner Stimme, während sie auf den Boden starrt. Ihre Finger mit den abgekauten Nägeln ziehen ständig nervös an einem Faden, der an ihrem Ärmel heraushängt.

Die junge Jesidin, die von den Dschihadisten des "Islamischen Staates" verschleppt und in der Stadt Mossul wie ein Stück Vieh für umgerechnet zwölf Euro weiterverkauft wurde, streichelt zwischendrin über die Backe ihres Babys auf ihrem Schoss. "Das Kind und die Tatsache, dass ich ein weiteres in meinem Bauch habe, sind der einzige Grund, warum ich mich noch nicht aufgehängt habe, denn ohne mich könnten sie nicht weiterleben."

Amscha erzählt das völlig teilnahmslos. So als würde sie nicht über sich, sondern über irgendjemand weit entfernten sprechen. Es gibt Erlebnisse, die sind zu viel für einen menschlichen Verstand und zu schwer für ein menschliches Herz. Dann schaltet dieser Mensch nach außen hin die Gefühle ab und erzählt wie eine Maschine vollkommen eintönig und ohne Erregung eine Geschichte, von der andere noch nicht einmal beginnen können, sich vorzustellen, was dieser Mensch mitgemacht hat.

Dass sie hier auf einer Matratze in einem ärmlichen jesidischen Dorf in der Nähe der kurdischen Stadt Dohuk sitzt und diese Geschichte überhaupt noch jemanden erzählen kann, verdankt sie ihrer wundersamen Flucht nach einem 25-tägigen Albtraum.

Fataler Irrtum

Yazidi women and girls who were abducted by IS jihadi fighters in October 2014 (photo: Martin Durm)
In den Fängen der IS-Dschihadisten: Nach zahlreichen Berichten gehen die Kämpfer des "Islamischen Staates" äußerst brutal mit ihren Gegnern um, erbarmungslos vor allem mit Jesiden und Christen. Wie die Jesidin Amscha wurden in den letzten Monaten zahlreiche Jesidinnen von der Terrormiliz verschleppt, missbraucht und verkauft.

Als die IS-Dschihadisten begonnen hatten, ihr Dorf mit Mörsern zu beschießen und näher rückten, war Amscha am dritten Tag des Monats August mit einer größeren Gruppe Dorfbewohner nachts zu Fuß geflüchtet. Vier Kilometer vor dem Dorf sahen sie zwei Fahrzeuge mit bewaffneten Männern.

"Wir dachten, es seien kurdische Peschmerga und wir seien gerettet. Also liefen wir auf sie zu. Es war dunkel. Als wir die schwarzen IS-Fahnen sahen, war es schon zu spät", erinnert sie sich. Dann ging es sehr schnell. "Sie haben die Männer, die über 14 Jahre alt waren vom Rest getrennt und haben ihnen einen nach dem anderen vor unseren Augen in den Kopf geschossen, darunter auch meinen Mann, meinen Bruder, unseren Vater und den Onkel", erzählt sie. "Ich weiß nicht mehr wie viele es waren, aber ich erinnere mich an das Bild, als sie alle in ihrer Blutlache auf dem Boden lagen."

Die Frauen und Kinder wurden dann in das benachbarte sunnitisch arabische Dorf Siwa Scheich Kahdra gebracht, darunter Amscha, ihre Schwiegermutter und ihre Schwägerin. Für die Dschihadisten der ISIS stehen die Jesiden ganz unten auf ihrer verschrobenen religiösen Skala und die jesidischen Frauen gelten als legitime Beute im Kampf gegen die "Ungläubigen".

Ein paar Tage später wurden die Frauen und Kinder in die nicht weit entfernte Stadt Mossul gebracht, die von den Kämpfern des IS kontrolliert wird. In einem Saal hat man sie dann zusammengepfercht und wie Vieh auf einem Markt feilgeboten. Je nach Alter und Schönheit wurden die Frauen für umgerechnet sechs bis zwölf Euro verkauft.

Bewaffnete IS-Kämpfer gingen im Saal umher und begutachteten "ihre Ware". "Sie haben uns überall angefasst und uns das Tuch von Kopf gerissen, manchen Frauen haben sie die Kinder weggenommen. Viele Frauen haben sie geschlagen, an den Haaren mitgezogen, wenn sie sich geweigert haben mitzukommen",  berichtet Amscha.

Zunächst wurde ihre Schwägerin "verheiratet". Amscha sagt tatsächlich "verheiratet" denn  das Wort "verkaufen" ist zu unerträglich, als dass es über ihre Lippen kommt.  Zu ihrer Schwägerin hat sie seitdem jeden Kontakt verloren.  Dann kam Amscha dran. Ein bewaffneter Kämpfer aus Mossul hatte sie gekauft, fesselte ihr die Arme auf den Rücken und zerrte sie zusammen mit ihrem  Kind aus dem Saal in sein Haus in der Stadt.

25 Tage Gefangenschaft

Insgesamt war Amscha 25 Tage mit ihrem Baby in Gefangenschaft. Im Kreise der Familie ihre Schwester, die während des Gesprächs mit im Zimmer sitzt, führt sie nicht näher aus, was in dieser Zeit geschehen ist. Nur, dass sie ständig geschlagen wurde erzählt sie.  Immer wieder wurde ihr gedroht, sie an einen Syrer oder Saudi weiterzuverkaufen, wenn sie sich nicht gefügig zeige. Immer wieder haben sie ihr Kind mitgenommen. Amscha hat auch erlebt, wie sie ihrem Kind eine Waffe in die Hand gegeben haben und zu ihr sagten, sie würden es "der wahren Religion" zuführen.

A Yazidi woman, who fled violence in the Iraqi town of Sinjar, makes bread at Bajed Kadal refugee camp in Dohuk province, 22 August 2014 (photo: Reuters/Youssef Boudlal)
Flucht vor Missbrauch und Verfolgung: Tausende Jesiden sind inzwischen vor dem Terror des IS aus ihren Heimatorten im Sindschar-Gebirge nahe der syrischen Grenze geflohen. Rund 35.000 Jesiden sind in einem Camp des UN-Flüchtlingshilfswerks in der Kurdenregion Dohuk im Nordirak untergekommen.

Als sie dann im anderen Zimmer hinter der verschlossen Türe gehört hat, dass man tatsächlich plane, sie an einen Syrer zu verkaufen, der sie ins syrische Raqqa bringen wolle, der inoffiziellen Hauptstadt der IS-Dschihadisten, beschloss sie zu fliehen. Einer der Männer kam in das Zimmer und gab ihr eine Tablette und sagte Amscha sollte sie runterschlucken. "Ich hatte Angst, dass es irgendwelche Drogen waren, die mich gefügig machen sollen. Ich habe sie vor ihren Augen in den Mund genommen und ein Glas Wasser getrunken. Doch die Tablette hatte ich die ganze Zeit unter der Zunge. Als sie weg waren, habe ich sie ausgespuckt", erinnert sie sich.

Nachts hat sie dann gewartet, bis ihr Baby eingeschlafen war, damit es nicht schreit. Sie fand eine Eisenstange im Schrank und brach leise die Türe auf. "Draußen im Hof waren drei der Bewaffneten. Nachdem ich sah,  dass sie tief und fest schliefen, nahm ich vorsichtig mein Baby auf den Rücken und bin geflohen."

Vier Stunden lang irrte sie durch die Straßen Mossuls und versteckte sich immer wieder, aus Angst entdeckt zu werden. Schließlich sprach sie ein alter Mann an und fragte sie, was sie als Frau allein nachts auf der Straße mit dem Kind mache. In gebrochenem Arabisch, da sie zu Hause nur Kurdisch gesprochen hat, vertraute sich Amscha ihm an. Der alte Mann, der wie sich später herausstellte eine wichtige Persönlichkeit in der sunnitisch-arabischen Gesellschaft der Stadt war, nahm die junge Jesidin mit zu sich nach Hause, wo er sie vier Tage lang unter seinen Töchtern versteckte.

Eine lebensgefährliche Flucht

Das, was der "Islamische Staat" anrichte, habe nichts mit unserem Islam zu tun, entschuldigte sich ihr heimlicher Gastgeber bei ihr. Am Ende ersann der alte Sunnit einen kühnen Plan. Erst rief er bei Amschas Schwester im kurdischen Dohuk an und erklärte, dass sie in Sicherheit sei. Dann verkleidete er die Jesidin im islamischen Stil, mit einem Niqab-Vollschleier, der nur ihre Augen frei ließ und gab ihr den Ausweis seiner verheirateten Tochter, ebenfalls Mutter eines Babys.

Zu dritt begab sich die Gruppe dann auf den lebensgefährlichen Weg in Richtung Kirkuk, die von den kurdischen Peschmerga kontrolliert wird, aber wie eine Halbinsel in das vom IS kontrollierte Territorium hineinragt. Der einzige Ort an dem man wenigstens versuchen konnte, die Frontlinie zwischen der Terrormiliz und den Peschmerga zu überschreiten.

Der letzte Posten der ISIS-Kämpfer wollte sie jedoch nicht passieren lassen, auch weil sie argumentierten, sie könnten von den ein paar hundert Meter weiter postierten kurdischen Peschmerga erschossen werden. Der alte Araber flehte den Posten an, dass sein vermeintlicher Enkel Krebs habe und dringend Medizin brauche, die es nur in Kirkuk gebe. Nach vier Stunden gaben die IS-Milizionäre endlich den Weg frei.

Ihr arabischer Begleiter hatte zwar zuvor versucht, telefonisch mit einigen Kontakten diesen Übergang nach Kirkuk mit den Peschmergas zu koordinieren. Aber nun kam der gefährlichste Moment ihrer Flucht, denn im Niemandsland zwischen beiden Seiten wird in der Regel auf alles geschossen, das sich bewegt. "Wir sind ganz langsam losgegangen. Der alte Mann hat ständig laut das islamische Glaubensbekenntnis wiederholt und ging voraus."

Zum Glück hat niemand geschossen. Doch als die Gruppe vor dem kurdischen Posten auftauchte, forderte dieser den alten Mann auf, sich auszuziehen. Denn immer wieder ist es in den letzten Wochen passiert, dass sich Selbstmordattentäter mit einem Sprengstoffgürtel an den Peschmerga-Posten in die Luft gejagt haben. Der alte Man erklärte aus der Ferne, dass er eine junge jesidische Frau dabei habe, und diese zu seiner Familie nach Kirkuk bringen möchte und dass er versucht habe, diese Übergabe mit den Peschmergas zu koordinieren.

Befreit, aber traumatisiert

Der Posten war offensichtlich informiert und telefonisch wurde einer der Verwandten, der bereits in Kirkuk wartete, herbeizitiert. Amscha wurde aufgefordert ihren Schleier abzulegen, um von dem Verwandten identifiziert zu werden. Nach über drei Wochen Gefangenschaft bei der ISIS und nach einer nervenaufreibenden Flucht, war die junge Jesidin Amscha wieder eine freie, wenngleich auch völlig traumatisierte Frau. 

"Während meiner Gefangenschaft habe ich oft gedacht, mich umzubringen, schon in dem Saal, in dem sie mich verkauft haben", wiederholt sie. In diesem Moment fließen dem hartgesottenen kurdischen Übersetzer – einem erfahrenen Journalisten, der bereits oft von der Front berichtet hatte, die Tränen über das Gesicht. Er kann kaum mehr ihre Worte wiedergeben. "Ich habe mir immer wieder gesagt, ich muss dafür sorgen, dass mein Kind nicht in die Hände dieser Verbrecher fällt und selbst zu einem Verbrecher wird und dass mein Sohn später weiß, wer sein Vater war und wer seine Mutter ist", sagt Amscha. "Ich hatte keine Wahl, ich musste das einfach alles aushalten", murmelt sie noch.

Dann steht sie auf, nimmt ihr Baby und geht in ihr Zimmer, dass sie seit Wochen immer nur kurz und nur dieses eine Mal für das Gespräch länger verlassen hat, berichten die Verwandten besorgt und schütteln den Kopf. Es war ihr wichtig, der Welt da draußen wenigstens einmal ihre Geschichte zu erzählen, sagen sie.

Karim El-Gawhary

© Qantara.de 2014

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Leserkommentare zum Artikel: Verschleppt und wie Vieh verkauft

Das Wort „Dschihadisten“ sollte als Bezeichnung für diese Terroristen allenfalls in Anführungszeichen gebraucht werden. Der Begriff des Dschihād hat im Islam – nicht nur im falsch verstandenen Islam jener Terroristen – eine positive Bedeutung. Er ist nicht nur der Kampf mit der Waffe, sondern auch mit anderen Mitteln, wie Worten. Der Koran nennt den Dschihād mit dem Vermögen stets vor demjenigen mit dem Einsatz des eigenen Lebens. Nach den Worten des Propheten des Islams – Friede sei auf ihm – ist der vorzüglichste Dschihād ein Wort der Wahrheit vor einem ungerechten Herrscher. So heißt es im Koran (25,52): „So gehorche nicht den Wahrheitsverdeckern und führe mit ihm (d. h. dem Koran) gegen sie einen Dschihād mit großem Einsatz.“ Der Dschihād wird in diesem Falle also durch Argumentation mit dem Koran geführt.
Manche Muslimhasser versuchen, einem Muslim dadurch zu schaden, indem sie in den Medien verbreiten, der Soundso „ruft zum Dschihād auf“. Da in ihrer eigenen irrigen Vorstellung der Dschihād dem Terrorismus gleichzusetzen ist, wollen sie damit den betroffenen Muslim als Unterstützer des Terrorismus abstempeln, und wenn dieser unter dem Druck seiner islamfeindlichen Umgebung einknickt, versucht er, sich öffentlich vom „Dschihād“ zu distanzieren. Da jeder Muslim zum Dschihād in irgendeiner den Umständen angemessenen Form aufgerufen ist, ist eigentlich jeder Muslim ein „Dschihadist“ – oder sollte es zumindest sein.
Tatsächlich fördert der inflationäre und unüberlegte Gebrauch solcher (Un-)Begriffe wie „Dschihadist“ oder „Islamist“ nur die Volksverhetzung gegen den Islam und dessen Angehörige und verhindert eine sachliche Debatte zwischen Muslimen und Nichtmuslimen.

Frank Walter06.11.2014 | 15:23 Uhr

Lieber Herr Walter! Ich kann diesen geschwurbelten Kram nicht mehr hören! Sie reden von einem UTOPIE-Islam, merken Sie das nicht? Der Dschihadist ist mitnichten ein Unbegriff, soll ich Ihnen alle Stellen im Koran aufführen oder können wir darauf verzichten? Sie kennen ihn doch so gut... Die sachliche Debatte wird von Leuten wie Ihnen behindert, die die Mehrdeutigkeit und Verfänglichkeit - und deshalb Gefährlichkeit - von Koranversen oder der gesamten Sunna einfach nicht zugeben wollen. Und ICH kann den Begriff "Muslimhasser" nicht mehr hören!!! Kehren Sie vor Ihrer eigenen - muslimischen - Tür! SIE schaden sich selbst am meisten! Im übrigen: Glauben Sie wirklich dass die Menschen hierzulande so dämlich sind alle Muslime gleichzusetzen? Das ist eine bodenlose Beleidigung! Glauben Sie andere können NICHT differenzieren oder sich INFORMIEREN, nur Sie können das?

Ingrid Wecker07.11.2014 | 21:26 Uhr

Diese unmenschlichen Verhaltensweisen der ISIS Kämpfer sind für mich genauso wenig zu begreifen, wie die gleichen Verhaltensweisen unserer Großväter auf ihren Feldzügen in Russland, Frankreich,.... Damals vergewaltigten und mordeten viele Soldaten der Wehrmacht und der anderen Organisationen in gleicher Weise. Und wie wohl viele andere Soldaten auf der Welt in irgendwelchen sinnlosen Kriegen....

Jochen S.08.11.2014 | 12:16 Uhr