Ein Leben für den Frieden

Seit Jahrzehnten gilt er als die politische und intellektuelle Führungsfigur der israelischen Friedensbewegung: Uri Avnery, Journalist und Politiker. Ulrike Vestring mit einem Porträt über einen der ersten israelischen Friedensaktivisten, der sich mit Jassir Arafat traf.

Seit Jahrzehnten gilt er als die politische und intellektuelle Führungsfigur der israelischen Friedensbewegung: Uri Avnery, Journalist und Politiker. Ulrike Vestring mit einem Porträt über den Friedensaktivist, der sich als erster Israeli mit Jassir Arafat traf.

Cover 'Ein Leben für den Frieden', Uri Avnery

​​Uri Avnery ist Publizist und Autor, er ist Gründer und Motor der israelischen Organisation „Gush Shalom“ (Friedensblock). Kürzlich konnten ihn auch deutsche Fernsehzuschauer an der Seite des palästinensischen Präsidenten Arafat beobachten. In dessen halb zerschossenem Hauptquartier hatte sich der israelische Friedensaktivist zusammen mit Gleichgesinnten aus aller Welt auf einem Matratzenlager einquartiert, um die Armee seines eigenen Landes davon abzuhalten, einen von der Regierung Sharon angekündigten Befehl auszuführen und „das Problem Arafat“ endgültig aus der Welt zu schaffen.

Ein Buch zum Geburtstag

Im vergangenen September ist Uri Avnery achtzig Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass erschien im Palmyra-Verlag sein neues Buch „Ein Leben für den Frieden – Klartexte über Israel und Palästina“. Es enthält Aufsätze und Reden aus den Jahren 1993 bis 2003, ein Jahrzehnt, an dessen Beginn die Hoffnung des Friedensabkommens von Oslo stand und das in der Ausweglosigkeit der seit drei Jahren währenden Al Aqsa – Intifada endet. Oder doch nicht?

Beim Lesen der hier auf bald 300 Seiten zusammengetragenen Texte wird auch demjenigen, der nicht mit allen Einzelheiten der israelisch-palästinensischen Geschichte vertraut ist, eines deutlich: diese blutige politische Auseinandersetzung wurde von Anfang an begleitet von einem ganz anderen Ringen, dem Ringen um Gerechtigkeit und Frieden. Uri Avnery ist nicht nur dessen Chronist, er ist seine Personifizierung.

Ein Leben für den Frieden

1948, das Jahr, in dem der neu gegründete Staat Israel sich zum ersten Mal gegen eine erdrückende arabische Übermacht behauptete und das in der kollektiven Erinnerung der Palästinenser nur Nakba heißt, die Katastrophe, in diesem Jahr wurde aus dem Kriegshelden Uri Avnery ein Kämpfer für den Frieden. Auslöser, so berichtet er in einer in Deutschland gehaltenen Rede, war eine schwere Verwundung, die er nur dank der selbstlosen Bergungsaktion seiner Kameraden und auch danach nur knapp überlebte. Seitdem, sagt Uri Avnery, habe sein Leben „einen Zweck, für den es sich zu leben lohnt, den Zweck, diesem tragischen Krieg ein Ende zu setzen und Frieden zwischen unseren Völkern, den Israelis und den Palästinensern, zu stiften.“

Fünfundfünfzig Jahre sind seitdem vergangen, und Uri Avnery hat diesen Zweck als Gründer und Herausgeber einer politischen Zeitschrift, als Stifter einer politischen Partei und als deren Abgeordneter im israelischen Parlament, der Knesset, verfolgt. Seine wichtigste Gründung jedoch ist Gush Shalom, der Friedensblock, für den er gemeinsam mit seiner Frau im Jahre 2001 den Alternativen Nobelpreis entgegennahm. Dem Friedensblock gilt seit mehr als zwei Jahrzehnten sein Engagement: handelnd, schreibend, redend, auch auf zahlreichen Auslandsreisen.

"Jeder Antisemitismus ist abscheulich"

In Deutschland hat Uri Avnery fast jedes Jahr einen Friedens- oder Menschenrechtspreis entgegengenommen und dabei Reden gehalten, die er selbst in seinem Buch als Klartexte bezeichnet. „Jeder Antisemitismus“, sagte er etwa 2002 bei der Verleihung des Carl von Ossietzky-Preises in Oldenburg, „ist abscheulich, ganz egal, gegen welches semitische Volk er gerichtet ist – der alte, antijüdische Antisemitismus genauso wie der neue antiarabische, antiislamische Antisemitismus.“ Das, was vor sechzig Jahren in Deutschland geschah, will und kann auch Uri Avnery nicht vergessen. Aber: „Das darf nicht dazu führen, dass Deutsche sich jeder moralischen Kritik gegenüber Israel enthalten. Ganz im Gegenteil, das wäre genauso unmoralisch wie antisemitische Hetze.“

Uri Avnery, ein Weltbürger, und gleichzeitig tief verwurzelt in seiner Heimat Israel. Mit zehn Jahren wanderte er gemeinsam mit Eltern und Geschwistern ein, nachdem er die erste Kindheit im westfälischen Beckum und ein Gymnasiastenjahr in Hannover verbracht hatte, übrigens mit Rudolf Augstein als Klassenkameraden. Die Liebe zu seiner Heimat macht ihn hellsichtig: immer wieder versucht er seine Landsleute zu der Einsicht zu bringen, dass nur der gerechte Ausgleich mit den Palästinensern und eine Politik des Friedens gegenüber den arabischen Nachbarn dem Staat Israel und seinen Bewohnern die Zukunft sichert.

In vorderster Reihe

Vielleicht ist es diese Heimatliebe in Verbindung mit einem sehr genauen Gerechtigkeitsgefühl, die ihn dazu befähigt, den Palästinensern, also denjenigen Menschen, mit denen er diese Heimat teilen muss und will, mit Respekt und Sympathie zu begegnen. Das zeigen nicht nur seine persönlichen Kontakte zu führenden palästinensischen Politikern. Auch heute steht der achtzigjährige zierliche, drahtige Mann mit dem weißen Haarschopf und den leuchtenden Augen bei jedem Einsatz von Gush Shalom in der vordersten Reihe: in Regen und Kälte wie auch unter glühender Sonne zum Protest etwa gegen die monströse Mauer, die die israelische Regierung angeblich nur zum Schutz ihrer Bevölkerung errichtet, und immer dort, wo israelische und internationale Friedensaktivisten die Enteignung und Verwüstung palästinensischen Landes zu verhindern suchen, oder wenn sie sich als menschliche Schutzschilde vor palästinensische Bauern stellen, die bei der Arbeit an ihren Olivenbäumen von militanten israelischen Siedlern bedroht und angegriffen werden.

Ein Dickschädel für den Frieden

Ein besonderer Dank gilt dem Palmyra-Verlag, der sich u.a. auf den israelisch-palästinensischen Konflikt und die arabische Welt spezialisiert, für dieses wichtige, ebenso professionell gemachte wie sympathische Buch. Dass die Texte von Uri Avnery wirklich Klartexte sind, dafür hat auch hier als Übersetzerin Ellen Rohlfs gesorgt, die seit Jahren die beinah wöchentlich erscheinenden Artikel aus Uris klarem, aussagekräftigem Englisch in ein adäquates Deutsch überträgt.

Eigentlich ist es genau das Deutsch, in dem er selbst sich– mündlich – immer noch ausdrückt. Das klingt dann etwa so wie am Schluss des Vorworts zu dem hier vorliegenden Buch: „Natürlich ist die Lage jetzt wieder verzweifelt. … Aber diese verzweifelte Lage ist immer in Bewegung … Von Verzweiflung zu Verzweiflung sind wir dem Frieden sehr viel näher gekommen…“

Vielleicht hat der Autor aus seiner ersten Heimat neben der Sprache noch etwas anderes mitgenommen. Wer aus dem westfälischen Einbeck stammt, ist sprichwörtlich ein Dickschädel.
Uri Avnery – ein Dickschädel für den Frieden.

Ulrike Vestring

© Qantara.de 2003

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