Ein irakischer Künstler in Nauru

"Die Kunst ist mein Rettungsanker"

380 Asylbewerber sind derzeit im berüchtigten australischen Internierungslager Nauru untergebracht – Sinnbild einer brutalen Einwanderungspolitik. Die Bedingungen dort werden international heftig kritisiert. Einer der Flüchtlinge sucht seinen ganz persönlichen Ausweg aus der Hölle von Nauru in der Kunst. Von Farid Farid

Die Einlassungen von Donald Trump zu Flüchtlingen in den australischen Offshore-Internierungslagern haben Abbas al-Aboudi schockiert und entmutigt. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika erboste sich über eine Vereinbarung, die sein Amtsvorgänger Barack Obama mit der australischen Regierung im November 2016 ausgehandelt hatte: Die Aufnahme von 1.250 Asylbewerbern, die derzeit in Lagern auf den abgelegenen Pazifik-Inseln Nauru und Manus interniert sind. Nach einem hitzigen Gespräch mit dem australischen Premierminister Malcolm Turnbull brandmarkte er die Flüchtlinge aus dem zugesagten Übersiedlungskontingent als "illegale Einwanderer".

Die Berichterstattung beschäftigte sich vor allem mit den diplomatischen Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Australien und den USA. Abbas al-Aboudi vermisst den Blick auf das persönliche Schicksal der internierten Menschen. "Als Trump über uns wie der letzte Abschaum sprach, fühlte ich mich entmenschlicht. Ich habe die Hoffnung verloren, diese Insel jemals lebend zu verlassen", sagt er.

Bild mit dem Titel "Child on Nauru" von Abbas al-Aboudi; Foto: Abbas al-Aboudi
Eingesperrt im Nirgendwo: Australien betreibt eine rigide Politik zur Abschreckung von Flüchtlingen, die das Land per Boot erreichen wollen. Bootsflüchtlinge werden auf Nauru und auf Manus interniert. Auch nach einem positiven Entscheid über den Asylantrag dürfen sie sich nicht in Australien niederlassen. Die britische Tageszeitung "The Guardian" hatte im August 2016 Dokumente über die Zustände im Lager auf der Pazifikinsel Nauru veröffentlicht. Auf den mehr als 8.000 Seiten sind Selbstverstümmelungen, Suizidversuche und sexuelle Gewalt dokumentiert.

Der gelernte Stuckateur sitzt seit mehr als zwei Jahren auf Nauru fest. Im Juli 2013 floh er vor Morddrohungen terroristischer Banden aus Bagdad. Die Namen seiner Verfolger wollte er zum Schutz seiner Familie nicht nennen. Zunächst floh er in die Vereinigten Arabischen Emirate, dann weiter nach Indonesien, wo er mehrere Wochen blieb. Zusammen mit seinem Cousin bestieg er schließlich ein kleines Schlepperboot. Für die viertägige Überfahrt nach Australien, die er halbverdurstet überstand, zahlte er dem Schlepper 10.000 Euro.

Im rechtlichen Schwebezustand

Der Zeitpunkt seiner Irrfahrt hätte ungünstiger nicht sein können. Ex-Premierminister Kevin Rudd hatte gerade ein Abkommen mit den Regierungen von Nauru und Papua-Neuguinea über die Aufnahme und Internierung der von der australischen Marine aufgegriffenen Bootsflüchtlinge geschlossen. Aboudi verbrachte zunächst acht Monate in einem Internierungslager auf der Weihnachtsinsel und wurde dann nach Nauru überstellt, wo er seither im rechtlichen Schwebezustand lebt.

Die Unterbringung der Flüchtlinge wird von Menschenrechtsgruppen und den Vereinten Nationen wegen der skandalösen Zustände und der Berichte über zahlreiche Missbrauchsfälle heftig kritisiert. Die meisten Flüchtlinge stammen aus Irak, Iran und Somalia – also aus Ländern, die unter das kürzlich von US-Präsident Trump verhängte Einreiseverbot in die Vereinigten Staaten fallen.

Dabei hat es Aboudi noch besser als viele andere. Da er bei seiner Überstellung von der Weihnachtsinsel als anerkannter Flüchtling galt, darf er sich auf der kleinen 21 Quadratkilometer großen Insel frei bewegen. Dennoch fühlt er sich wie ein Gefangener.

Rettende Kunst

In der Kunst hat er einen Weg zur Verarbeitung seiner traumatischen Erlebnisse gefunden. Sie ist sein Rettungsanker gegen Depressionen. Die ungewöhnlichen Farbkompositionen irritieren und rütteln den Betrachter auf. Andere Werke zeugen von der täglichen Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit der auf Nauru internierten Menschen. Ein Bild zeigt Aboudis Hände in Handschellen, die einen Bleistift halten und sinnbildlich auf die Demütigungen verweisen, die er als Lagerinsasse täglich erlebt.

So erhielt er vor einiger Zeit von einem australischen Flüchtlingsanwalt ein Paket mit Malutensilien. Als er damit vom Postamt zurück ins Lager wollte, verweigerte ihm eine Wache den Zutritt. Da seine Bitten auf taube Ohren stießen, musste Aboudi seine Sachen an einem geheimen Ort außerhalb des Lagers verstecken.

Später half ihm eine andere Wache, die Utensilien heimlich hineinzubringen.  Die meisten Flüchtlinge – und auch Aboudi – können nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehren, da ihnen dort Verfolgung droht. Andererseits lässt Australien seit Ende 2013 keine Bootsflüchtlinge mehr ins Land. Viele sehen einer trostlosen Zukunft entgegen.

Abbas al-Aboudi, der kürzlich seinen achtundzwanzigsten Geburtstag unter bescheidenen Umständen feierte, lächelt gequält. Vor einem Monat wurde er von der Betreibergesellschaft des Internierungslagers gefragt, ob er in die USA übersiedeln wolle. Drei Stunden lang wurde er eingehend untersucht. Seit Wochen wartet er nun schon. Bislang ohne jede Informationen. Alles, was ihm bleibt, ist malen und hoffen.

Farid Farid

© Qantara.de 2017

Aus dem Englischen von Peter Lammers

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