Dunya Mikhails "The Beekeeper"

Die Rettung der geraubten Frauen

In einem ergreifenden Sachbuch über das Schicksal vom IS entführter Frauen im Irak bezeugt Dunya Mikhail, wie Menschen auch in schlimmen Zeiten im wahrsten Sinne des Wortes menschlich bleiben können. Von Marcia Lynx Qualey

Der provokante Titel des jüngsten Buchs von Dunya Mikhail – ihr erstes nicht fiktionales Werk – findet sich in der der englischen Übersetzung nicht wieder. Auf Arabisch heißt das Buch Fi Souq al-Sabaya, was so viel heißt wie Auf dem Sabaya-Markt. Sabaya, so erläutern Mikhail und ihr Co-Übersetzer Max Weiss, bedeute "Sexsklavin".

Die im vergangenen März veröffentlichte US-Ausgabe trägt dagegen den Titel The Beekeeper: Rescuing the Stolen Women of Iraq (dt. Der Imker: Die Rettung der geraubten irakischen Frauen. Im August wird die Übersetzung für den britischen Markt erscheinen. Dort lautet der Titel The Beekeeper of Sinjar (dt. Der Imker von Sinjar). In beiden englischen Titeln stehen weder die Frauen noch den Sklavenmarkt im Vordergrund, sondern den irakische Imker Abdullah Shrem.

Sicherlich ist die tragische Figur des Abdullah einer der Helden des Buches: Die IS-Milizen vertrieben ihn aus seinem Haus und ermordeten bzw. entführten einen Großteil seiner Familie. Abdullah gründete daraufhin ein Rettungsnetzwerk für die vom IS versklavten Frauen. Die Leidensgeschichten der Frauen erzählte er auch Mikhail, einer bekannten irakischen Dichterin, die heute in den Vereinigten Staaten lebt.

Minderwertige Menschen

Mikhail veröffentlichte bereits mehrere prämierte Gedichtbände, darunter The War Works Hard, übersetzt ins Englische von Elisabeth Winslow, und Iraqi Nights, übersetzt ins Englische von Kareem James Abu-Zeid. In ihrem neuen Werk greift sie die Schicksale der Frauen nicht in Gedichtform auf, sondern in den Worten der Frauen selbst.

Auch wenn die englischen Übersetzungen das Wort sabaya aus ihrem Titel verbannen, bleibt seine Bedeutung doch zentraler Gegenstand des Buchs. Hiam, eine irakische Näherin, ist eine der Frauen, die mit Mikhail spricht. Sie sagt: "Niemals hätte ich geglaubt, dass uns so etwas passieren könnte. Zwar haben wir diesen langen Krieg mitgemacht. Doch Wörter wie Sabaya, Kalifat oder Ficken kamen in unserer Welt nicht vor."

Buchcover Dunya Mikhail: "The Beekeeper: Rescuing the stolen women of Iraq" im Verlag New Directions
Ausbruch aus den Fängen der IS-Dschihadisten: Der größte Teil des Buchs ist den Geschichten über Frauen gewidmet, die sie selbst erzählen. Doch Mikhail bezieht auch Momente aus ihrer eigenen Beziehung zum Irak mit ein, ebenso wie ihre lyrische Empfindsamkeit.

Die IS-Milizen bezeichnen mit sabaya nicht-sunnitisch-muslimische Frauen, die sie als Kriegsbeute nehmen und für minderwertige Menschen halten. Hussein Koro, Direktor des Office of Kidnapped Affairs, erklärte gegenüber Mikhail: "Der IS nennt unsere Männer Kriegsgefangene und unsere Frauen sabaya."

Der heldenhafte Imker Abdullah Shrem rettet die geraubten Frauen; und doch waren es die Frauen, die ihn zuerst retteten. Auf der Flucht aus seiner Heimatstadt zog er mit etwa 350 anderen nach Syrien "auf einer Straße, die von den sogenannten 'Volksverteidigungsbrigaden' geschützt wurde. Und er fügt hinzu: "Das war eine ganz ungewöhnliche Schutztruppe, denn sie bestand vorwiegend aus Frauen".

Der eigene Vater als Unhold

Viele der gesammelten Frauengeschichten aus The Beekeeper ließen sich im Aufeinandertreffen von Gut und Böse auch als Märchen erzählen. Da ist beispielsweise Zuhour mit ihren drei kleinen Kindern. Auf ihrer Flucht aus der Sklaverei versteckt sich Zuhour im Geschäft der Schneiderin Reem. Zu ihrem Glück trägt Zuhour das schwarze Gewand, das der IS ihr aufgezwungen hat. Denn als Männer in den Laden der Schneiderin stürmen, hält Zuhour ihren Kopf gesenkt und gibt vor, nur eine weitere Kundin zu sein.

Nachdem die Schneiderin die übrigen Kundinnen bedient hat, gewährt sie Zuhour und ihren Kindern Unterschlupf, obwohl Reems eigener Vater dem IS angehört. Der Vater kommt alle drei Wochen jeweils drei Tage hintereinander in den Laden wie ein Unhold aus dem Märchen. Jedes Mal verstecken sich dann Zuhour und ihre Kinder in einem Nähschrank, der zur Geräuschdämmung mit Pappe ausgepolstert ist.

Während eines Besuchs wird Zuhours Baby jedoch unruhig. Beim Versuch, es ruhig zu halten, erstickt Zuhour das Kind fast. Anschließend ist ihr und Reem klar, dass sie so nicht weiter machen können. Also ruft Reem einige zufällig ausgewählte Telefonnummern in der Kurdenregion an. Schon beim ersten Anruf hat sie Erfolg: Die Person am anderen Ende der Leitung verspricht, nach Zuhours Familie zu suchen. Zwei Tage später, um acht Uhr morgens, kommt ein Auto, um Zuhour und ihre Kinder zu befreien.

Die Geschichte nimmt ein fast herzzerreißendes Ende. Zuhour ruft aus der Ferne bei Reem an und bedankt sich innig. Darauf antwortet Reem: "Ich wünschte, ich wäre mit dir gegangen".

Die (machtlosen) Männer des IS

Obwohl sie einen Großteil des Terrors auslösen, sind die IS-Männer meist Figuren im Hintergrund, von denen viele keine wirkliche Handlungsfreiheit besitzen. In Zuhours Geschichte erfahren wir nichts über Reems Vater. Weder erfahren wir etwas von Abu Qutayba, der Zuhour als erster "Halter" missbrauchte, noch von Abu Sayyaf, der sie von Abu Qutayba kaufte und sich weigerte, ihr Essen zu geben.

Das einzige IS-Mitglied, von dem wir mehr wissen, ist der "amerikanische Emir". Er ist ein Konvertit aus den USA, der nur holprig Arabisch spricht. Der Amerikaner ist vielleicht der groteskeste unter den IS-Sklavenhaltern, denn er verlangte nicht nur Gehorsam, sondern auch vorgetäuschte Liebe. Von einer Frau namens Badia forderte er: "Du wirst mich lieben. Du musst mich darum bitten, mit mir zu schlafen und ohne Fesseln um deine Hände oder Füße Liebe zu machen".

Der amerikanische Emir hält Frauen als seine Sklavinnen und wirkt doch letztlich jämmerlich und schwach, ebenso wie ein junger IS-Milizionär namens Ahmed. Seine Geschichte erfahren wir von Claudia. Beide waren Nachbarn und Ahmed schien ihr helfen zu wollen. Als er Claudia schließlich zur Flucht verhalf, zitterte er vor Angst. Diese IS-Milizionäre haben offenbar nicht nur keine Oberhand über ihre eigene Welt, sondern sogar Angst vor den Systemen, die sie selbst durchsetzen wollen.

Der größte Teil des Buchs ist den Geschichten über Frauen gewidmet, die sie selbst erzählen. Doch Mikhail bezieht auch Momente aus ihrer eigenen Beziehung zum Irak mit ein, ebenso wie ihre lyrische Empfindsamkeit. Gelegentlich scheint der Text in Poesie überzugehen; beispielsweise als Mikhail den Schmerz einer Frau beschreibt: "Ihr Kleid zerrissen/die Blumen in der Luft verstreut/Farben tauchen auf wie ein Feuerwerk während eines Festes/aber; kein Laut ist zu vernehmen/kein Laut. . ."

Ganz gleich, ob wir dieses Buch In the Sabaya Market oder The Beekeeper nennen; zu guter Letzt bezeugt es, wie Menschen auch in schlimmen Zeiten im wahrsten Sinne des Wortes menschlich bleiben können. Zudem zeigt es die Stärke und das Vermögen der Unterdrückten. Man kann ihnen zwar vieles nehmen. Und doch sind sie es, die den Lauf der Geschichten verändern können.

Marcia Lynx Qualey

© Qantara.de 2018

Aus dem Englischen von Peter Lammers

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