Im Flüchtlingslager zählt das Gefängnis zur Normalität und als Auszeichnung, aber Walaa grenzt sich ab. Sie hat ihren eigenen Kopf, lässt sich von niemand etwas sagen. Und dass sie zur "Sulta" (arabisch für die palästinensische Autorität/Machtapparat) möchte, lässt sie sich von niemandem ausreden, obwohl ihr persönliches Umfeld die Idee absurd findet. Denn im konservativen Flüchtlingslager Balata verfügt die Palästinensische Autonomiebehörde über wenig Ansehen, auch das Gehalt gilt als wenig lukrativ.

Walaas Bruder steht ihrer Entscheidung besonders ablehnend gegenüber. Er selbst sucht die direkte Konfrontation mit der israelischen Besatzungsmacht. Als er verhaftet und vor ein Militärgericht gestellt wird, dreht Walaa durch. Vor dem Militärprozess rennt sie auf ihren Bruder zu, wird von israelischen Sicherheitskräften festgenommen und muss selbst zwei Wochen in Haft.

Das Gefängnis als alltägliche Erfahrung

Wen wundert es da noch, dass auf den Familienfeiern Gespräche über Misshandlungen im Gefängnis das alltäglichste Gesprächsthema sind? Brilliant hat das Raed Andoni 2017 in seinem Berlinale-Beitrag Ghost Hunting das kollektive Trauma durch die Gewalterfahrung in israelischen Gefängnissen thematisiert, für den er mit dem Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet wurde.

Was Walaa will, ihr großer Traum, ist ausgerechnet die in die Jahre gekommene palästinensische Autonomiebehörde. Jene Behörde, die 1994 mit den Oslo-Verträgen aus der Taufe gehoben wurde und der zunächst Jassir Arafat vorstand. In fünf Jahren sollte sie in einem unabhängigen Staat Palästina aufgehen, doch über 25 Jahre später ist dieser Traum entfernter denn je.

Auch wenn Palästina mittlerweile einen quasi-staatlichen Status bei den Vereinten Nationen hat, kontrolliert die Behörde vor Ort nur die Sicherheit in den palästinensischen Städten, während der Großteil der Westbank von der israelischen Armee besetzt bleibt. Unter der palästinensischen Bevölkerung gilt die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) als korrupt und machtlos, ihre politische Führung als überaltert und ideenlos. Dennoch ist sie mit 160.000 Angestellten der wichtigste Versorger in den palästinensischen Gebieten.

Flucht vor Unsicherheit, Arbeitslosigkeit und Lagermentalität

Gerade junge Palästinenser protestieren seit Langem gegen die Behörde und werfen ihr wegen der Sicherheitskooperation mit der israelischen Armee Kollaboration mit der Besatzungsmacht vor. Aber Walaa, die im Flüchtlingslager Balata bei Nablus aufgewachsen ist, sieht das anders. Im Polizeidienst für die palästinensischen Sicherheitskräfte sieht sie die Möglichkeit, einen Beitrag zum Aufbau eines Staates zu leisten, den es noch nicht gibt.

Die Behörde bietet der jungen Palästinenserin auch einen Ausweg aus ihrem Umfeld, das von Unsicherheit und Instabilität geprägt ist, von Arbeitslosigkeit und der Heldenverehrung von jungen Männern, die gegen die israelische Besatzung kämpfen. Und sie stellt auch einen Ausweg aus dem vorgezeichneten  konservativen Geschlechtermodell im Flüchtlingslager dar. Insofern kann ihre Intention, für die palästinensische Polizei zu arbeiten, auch als emanzipatorischer Akt verstanden werden.

Filmausschnitt aus "What Walaa wants"; Quelle: Christy Garland
Ausbruch aus der Tristesse der Flüchtlingslager: In Balata zählt das Gefängnis zur Normalität und als Auszeichnung, aber Walaa grenzt sich ab. Sie hat ihren eigenen Kopf, lässt sich von niemand etwas sagen. Und dass sie zur Palästinensischen Autonomiebehörde möchte, lässt sie sich von niemandem ausreden, obwohl ihr persönliches Umfeld die Idee absurd findet. Denn im konservativen Flüchtlingslager Balata verfügt die Palästinensische Autonomiebehörde über wenig Ansehen, auch das Gehalt gilt als wenig lukrativ.

Ein emanzipatorischer Akt, der sie 2015 ausgerechnet in ein Boot Camp der PA in Jericho führt. Dort ist dann alles anders, als Walaa sich das vorgestellt hat. Sie hat weder Lust durch den Staub zu robben, noch sich der Rangfolge unterzuordnen. Erst als ihre Vorgesetzten ihr mehr zutrauen und Verantwortung übertragen, blüht sie auf.

Am Ende des Films hat Walaa ihre Ausbildung abgeschlossen und sitzt als Diensthabende am Schreibtisch einer Polizeiwache. Für das diesjährige Berlinale-Filmfestival, auf dem der Dokumentarfilm vorgestellt wurde, hat sie extra Urlaub genommen, derzeit ist sie bei der palästinensischen Polizei in Ramallah tätig. Müsste sie mit ihren Zielen nicht eigentlich Politikerin werden? "Warum nicht", scherzt Walaa im Gespräch mit Qantara.de, "vielleicht werde ich ja Ministerin."

Garlands Dokumentarfilm kommt den Beweggründen ihrer Protagonistin und ihrem Umfeld sehr nah. Das Ergebnis ist ein aufrichtiger und unvoreingenommener Film, der politisch dennoch kontrovers aufgenommen werden dürfte.

Die Palästinensische Autonomiebehörde mag ihn vereinnahmen wollen, vielen israelischen Betrachtern dürfte er ebenso wenig gefallen wie palästinensischen Regierungskritikern. Und das ist wahrscheinlich das größte Kompliment für diese Dokumentation, die sich jenseits aller Klischees bewegt und den Zuschauer ebenso wenig bevormundet wie seine Protagonisten.

René Wildangel

© Qantara.de 2018

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