Dokumentarfilm "What Walaa wants"

Allen Widrigkeiten zum Trotz

Der bei der diesjährigen Berlinale vorgestellte Film "What Walaa wants" der Regisseurin Christy Garland porträtiert das Leben einer jungen rebellischen Palästinenserin, die trotz aller Widerstände Karriere als Polizistin bei der Autonomiebehörde machen möchte. Von René Wildangel

Als die Regisseurin Christy Garland das erste Mal nach Palästina reiste, wusste sie wenig über den Konflikt im Nahen Osten: Ungewöhnlich für Filmemacher, die meist mit einer klaren politischen Haltung in diese Region reisen.

Und ursprünglich war Garland für etwas ganz anderes dorthin gereist – Workshops für Jugendliche zum Design von Computerspielen. Daraus sollte kein Film entstehen, aber beim Workshop im Flüchtlingslager Balata bei Nablus lernte sie zufällig eine 15-Jährige namens Walaa kennen und war von dem Charakter der jungen Frau dermaßen beeindruckt, dass Garland mit ihrer Langzeit-Dokumentation begann.

Walaa hatte schon damals einen überraschenden Wunsch: Karriere bei den palästinensischen Sicherheitskräften zu machen. Über einen Zeitraum von fünf Jahren reiste Garland regelmäßig für mehrere Wochen nach Palästina, um Walaas Weg zu begleiten. Nicht gerade zur Begeisterung von Walaa selbst, die plötzlich ständig eine Kamera um sich hatte.

Kinoplakat "What Walaa wants"; Quelle: Berlinale
Die Welt durch die Augen der Protagonistin: Garlands Dokumentarfilm kommt den Beweggründen der jungen Palästinenserin Walaa und ihrem Umfeld sehr nah. Das Ergebnis ist ein aufrichtiger und unvoreingenommener Film, der politisch dennoch kontrovers aufgenommen werden dürfte.

Doch durch die lange Zeit, die sie im Flüchtlingslager verbringt gewinnt Garland ihr Vertrauen und das ihrer Familie. So entstehen Innenansichten einer Welt, von der man oft wenig erfährt, oder die bestenfalls mit gehörigem Abstand von außen betrachtet wird. "Wenn ich einen Dokumentarfilm mache, dann will ich die Welt durch die Augen der Protagonisten erkunden", erklärt Garland.

Die Regisseurin hat Erfahrung mit besonderen Geschichten: Ihr Film "The bastard singst he sweetest song" porträtiert die Beziehung eines Sohnes zu seiner alternden Mutter in Guyana. Ihr Film "Cheer up" ergründet die traurige Seele finnischer Cheerleader.

Filmen in einem schwierigen Umfeld

In Balata hängen "Märtyrer"-Bilder an der Wand, bunte Plakate von jungen Männern in teils martialischen Posen, die ihre Waffen stolz in die Luft recken. Manche von ihnen haben Anschläge begangen, andere wurden von der israelischen Armee getötet. Es ist ein schwieriges Umfeld, auch für Filmemacher, denn Verstehen wollen wird hier schnell als Verständnis haben ausgelegt. Christy Garland beobachtet, urteilt nicht, und verurteilt schon gar nicht.

Als Garland 2012 zu filmen beginnt, war Walaas Mutter gerade nach Jahren im israelischen Gefängnis zu ihrer Familie zurückgekehrt. Sie wurde festgenommen, weil sie einen Selbstmordattentäter bei seinem Versuch unterstützte, nach Israel zu gelangen. Das Attentat scheiterte, Latifa wurde festgenommen und verschwand im Gefängnis. 2011 wurde sie im Rahmen des Gefangenenaustausches mit dem in Gaza von der Hamas entführten israelischen Soldaten Gilad Shalit entlassen – Walaa war damals gerade einmal 15 Jahre alt.

Dass Familienmitglieder im Gefängnis sitzen ist in der palästinensischen Gesellschaft keine Seltenheit, sondern die Regel. Umso mehr im Flüchtlingslager. Das heißt nicht, dass es sich immer um Straftäter handelt – denn unter der israelischen Militärbesatzung im Westjordanland können auch Demonstrationen, politische Betätigung und Kritik in den sozialen Medien als Haftgründe ausreichen.

Das Trauma einer ganzen Gesellschaft

Die Menschenrechtsorganisation "Addameer" gibt die aktuelle Zahl der aus politischen Gründen in israelischen Gefängnissen Inhaftierten mit über 6.000 Personen an, davon 450 in sogenannter Administrativhaft, die ohne gerichtliche Verurteilung verhängt und verlängert werden kann. "Addameer" schätzt, dass seit 1967 über 800.000 Palästinenser in israelischer Haft waren.

Die Traumata zeichnen die ganze Gesellschaft. Das gilt auch für Walaas Familie. Nicht nur die lange Abwesenheit der Mutter, sondern auch das Wissen um ihre traumatisierenden Erfahrungen in der Haft sind eine schwere Belastung. Ob sie stolz sei, dass ihre Mutter in einem israelischen Gefängnis gesessen hat, wird Walaa gefragt. Nicht immer, antwortet sie.

Im Flüchtlingslager zählt das Gefängnis zur Normalität und als Auszeichnung, aber Walaa grenzt sich ab. Sie hat ihren eigenen Kopf, lässt sich von niemand etwas sagen. Und dass sie zur "Sulta" (arabisch für die palästinensische Autorität/Machtapparat) möchte, lässt sie sich von niemandem ausreden, obwohl ihr persönliches Umfeld die Idee absurd findet. Denn im konservativen Flüchtlingslager Balata verfügt die Palästinensische Autonomiebehörde über wenig Ansehen, auch das Gehalt gilt als wenig lukrativ.

Walaas Bruder steht ihrer Entscheidung besonders ablehnend gegenüber. Er selbst sucht die direkte Konfrontation mit der israelischen Besatzungsmacht. Als er verhaftet und vor ein Militärgericht gestellt wird, dreht Walaa durch. Vor dem Militärprozess rennt sie auf ihren Bruder zu, wird von israelischen Sicherheitskräften festgenommen und muss selbst zwei Wochen in Haft.

Das Gefängnis als alltägliche Erfahrung

Wen wundert es da noch, dass auf den Familienfeiern Gespräche über Misshandlungen im Gefängnis das alltäglichste Gesprächsthema sind? Brilliant hat das Raed Andoni 2017 in seinem Berlinale-Beitrag Ghost Hunting das kollektive Trauma durch die Gewalterfahrung in israelischen Gefängnissen thematisiert, für den er mit dem Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet wurde.

Was Walaa will, ihr großer Traum, ist ausgerechnet die in die Jahre gekommene palästinensische Autonomiebehörde. Jene Behörde, die 1994 mit den Oslo-Verträgen aus der Taufe gehoben wurde und der zunächst Jassir Arafat vorstand. In fünf Jahren sollte sie in einem unabhängigen Staat Palästina aufgehen, doch über 25 Jahre später ist dieser Traum entfernter denn je.

Auch wenn Palästina mittlerweile einen quasi-staatlichen Status bei den Vereinten Nationen hat, kontrolliert die Behörde vor Ort nur die Sicherheit in den palästinensischen Städten, während der Großteil der Westbank von der israelischen Armee besetzt bleibt. Unter der palästinensischen Bevölkerung gilt die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) als korrupt und machtlos, ihre politische Führung als überaltert und ideenlos. Dennoch ist sie mit 160.000 Angestellten der wichtigste Versorger in den palästinensischen Gebieten.

Flucht vor Unsicherheit, Arbeitslosigkeit und Lagermentalität

Gerade junge Palästinenser protestieren seit Langem gegen die Behörde und werfen ihr wegen der Sicherheitskooperation mit der israelischen Armee Kollaboration mit der Besatzungsmacht vor. Aber Walaa, die im Flüchtlingslager Balata bei Nablus aufgewachsen ist, sieht das anders. Im Polizeidienst für die palästinensischen Sicherheitskräfte sieht sie die Möglichkeit, einen Beitrag zum Aufbau eines Staates zu leisten, den es noch nicht gibt.

Die Behörde bietet der jungen Palästinenserin auch einen Ausweg aus ihrem Umfeld, das von Unsicherheit und Instabilität geprägt ist, von Arbeitslosigkeit und der Heldenverehrung von jungen Männern, die gegen die israelische Besatzung kämpfen. Und sie stellt auch einen Ausweg aus dem vorgezeichneten  konservativen Geschlechtermodell im Flüchtlingslager dar. Insofern kann ihre Intention, für die palästinensische Polizei zu arbeiten, auch als emanzipatorischer Akt verstanden werden.

Filmausschnitt aus "What Walaa wants"; Quelle: Christy Garland
Ausbruch aus der Tristesse der Flüchtlingslager: In Balata zählt das Gefängnis zur Normalität und als Auszeichnung, aber Walaa grenzt sich ab. Sie hat ihren eigenen Kopf, lässt sich von niemand etwas sagen. Und dass sie zur Palästinensischen Autonomiebehörde möchte, lässt sie sich von niemandem ausreden, obwohl ihr persönliches Umfeld die Idee absurd findet. Denn im konservativen Flüchtlingslager Balata verfügt die Palästinensische Autonomiebehörde über wenig Ansehen, auch das Gehalt gilt als wenig lukrativ.

Ein emanzipatorischer Akt, der sie 2015 ausgerechnet in ein Boot Camp der PA in Jericho führt. Dort ist dann alles anders, als Walaa sich das vorgestellt hat. Sie hat weder Lust durch den Staub zu robben, noch sich der Rangfolge unterzuordnen. Erst als ihre Vorgesetzten ihr mehr zutrauen und Verantwortung übertragen, blüht sie auf.

Am Ende des Films hat Walaa ihre Ausbildung abgeschlossen und sitzt als Diensthabende am Schreibtisch einer Polizeiwache. Für das diesjährige Berlinale-Filmfestival, auf dem der Dokumentarfilm vorgestellt wurde, hat sie extra Urlaub genommen, derzeit ist sie bei der palästinensischen Polizei in Ramallah tätig. Müsste sie mit ihren Zielen nicht eigentlich Politikerin werden? "Warum nicht", scherzt Walaa im Gespräch mit Qantara.de, "vielleicht werde ich ja Ministerin."

Garlands Dokumentarfilm kommt den Beweggründen ihrer Protagonistin und ihrem Umfeld sehr nah. Das Ergebnis ist ein aufrichtiger und unvoreingenommener Film, der politisch dennoch kontrovers aufgenommen werden dürfte.

Die Palästinensische Autonomiebehörde mag ihn vereinnahmen wollen, vielen israelischen Betrachtern dürfte er ebenso wenig gefallen wie palästinensischen Regierungskritikern. Und das ist wahrscheinlich das größte Kompliment für diese Dokumentation, die sich jenseits aller Klischees bewegt und den Zuschauer ebenso wenig bevormundet wie seine Protagonisten.

René Wildangel

© Qantara.de 2018

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