Dokumentarfilm ''Im Bazar der Geschlechter''

Auf Tuchfühlung mit den Mullahs

Ehe für eine Stunde – der Dokumentarfilm "Im Bazar der Geschlechter" der iranischen Regisseurin Sudabeh Morterzai beschäftigt sich mit dem Phänomen der Zeitehe in der Islamischen Republik. Ihr gelingen dabei seltene Einblicke in ein vielschichtiges Land. Von Marian Brehmer

Einst soll Muhammad seinen Gefolgsleuten, wenn sie auf Reisen waren, empfohlen haben, Ehen auf Zeit zu schließen. Nach der Überlieferung billigte der Prophet eine temporäre Heirat unter bestimmten Umständen, etwa zu Kriegszeiten oder bei der Pilgerfahrt. Auf Arabisch heißt diese Praxis der Zeitehe mut'a (Genuss), auf Persisch wird sie sighe genannt.

Schwenk nach Teheran: Ein mittelalter Mullah im schwarzem Turban und Umhang sitzt hinter einem Pult. Mit der Materie, zu der er befragt wurde, scheint er bestens vertraut zu sein. Der Mann lehnt sich zurück und holt aus: "Eine Jungfrau kann nur eine nicht-sexuelle Zeitehe eingehen, aber es darf keine Penetration stattfinden, weder von vorne, noch von hinten." Etwas verlegen kratzt er sich am Ohr und lacht. Dabei kommen einige Zahnlücken zum Vorschein. "All das hat das heilige Gesetz des Islam bedacht."

Authentische Begegnungen wie diese im Büro eines Klerikers machen den Film "Im Bazar der Geschlechter" aus. Die Dokumentation beleuchtet das Phänomen der sighe im kontemporären Iran. Die österreichisch-iranische Filmemacherin Sudabeh Mortezai traf dafür auf Geistliche, Angehörige der Mittelschicht und Jugendliche und befragte sie zu einem Thema, das alle von ihnen gut kennen.

Aus schiitischer Sicht wurde die Zeitehe bereits vor dem Entstehen des Islam, und anschließend zu Lebzeiten des Propheten praktiziert. Die sunnitische Orthodoxie jedoch schuf die mut’a bald ab. Es war der dritte Kalif Umar, der die Zeitehe als Unzucht betrachtete und sie für verboten erklärte. In den Augen der Schiiten war das ein vorsätzlicher Eingriff in eine von Muhammad gebilligte Tradition. Die Sunniten hingegen werfen den Schiiten vor, mit der sighe nichts anderes als Prostitution im Schilde zu führen.

Ein Hintertürchen im Gesetz

So wird die temporäre Ehe heute nur unter Schiiten praktiziert, vor allem im Iran und seltener auch im Irak. Ursprünglich richtete sich die sighe im Iran an Witwen. Heute ist sie, obwohl in der Gesellschaft verpönt, gerade für junge Menschen ein Hintertürchen im häufig rigiden Gesetz. Theoretisch kann ein junges Paar mit einer sighe auch ohne konventionelle Eheschließung seinem Liebesleben nachgehen.

Für jede Zeitehe muss der Mann eine vorher bestimmte Summe an seine Zeitfrau zahlen. Die Dauer einer sighe wird im Heiratsvertrag festgelegt. Von wenigen Stunden bis zu vielen Jahren ist alles möglich. Nur eine Einschränkung gibt es: Nach jeder sighe muss die Frau zwei Monatsblutungen abwarten, bevor sie erneut eine Zeitehe schließen darf.

Ein betagter Mullah im Film findet diese Regelung sinnvoll: "Wenn eine Frau dauernd heiratet, wo ist dann der Unterschied zur Prostitution?"

Immer wenn Geistliche zu Wort kommen, scheinen sie aus einem eigenen Universum zu sprechen. Ihre Aussagen bleiben für sich stehen, es gibt keinen Kommentar. Auch die Fragen der Regisseurin bekommt der Zuschauer selten zu hören, wodurch der Film an Unmittelbarkeit gewinnt.

Feinspürig schafft es Sudabeh Mortezai, die Entfremdung der Gesellschaft von der Geistlichkeit in immer neuen Situationen einzufangen. Da ist etwa der junge Mullah, der im Taxi von Teheran nach Qom fährt – jene Stadt, die als Klerikerschmiede der Islamischen Republik bekannt ist. Als der Fahrer eine CD mit Popmusik ins Autoradio schiebt ("Beweg die Hüften"), bittet ihn sein Gast um Ruhe. "Das ist problematisch", druckst der Mullah, weist auf die Moral hin und kann sich dabei selbst ein Grinsen nicht verkneifen.

Was dagegen mittelalte Männer wie den Taxifahrer aus Isfahan umtreibt, erfährt der Zuschauer in einer anderen Szene: Der Mann muss über vierzig sein, aber ist unverheiratet und kinderlos. Als betagter Single hat er Schwierigkeiten, eine Wohnung zu mieten. Seine Ex-sighe-Frau empfiehlt ihm daher, eine neue Zeitehe zu schließen.

Trostlose Gemütsverfassung

Filmszene Bazar der Geschlechter; Foto: © W-Film.jpg
Spannungsfeld aus Gesetz, Privatleben und gesellschaftlichen Konventionen, in dem Iraner zerrissen werden: Sudabeh Morterzais Dokumentarfilm "Im Bazar der Geschlechter"

​​Später trifft man den Junggesellen mit einem anderen Mann wieder. Sie stehen in einer leeren Wohnung und unterhalten sich über Frauen. Der Freund ist bereits geschieden. Nächstes Mal, meint er, wolle er sich eine Frau ohne Bildung holen, "einen Hausfrauen-Typ". Der Taxifahrer: "Ich kenne eine. Meine Tante. Sie ist 70 und ohne Bindung. Total ungebildet!" Zigaretten werden angesteckt und vom Handy plärrt ein Liebeslied. Die zwei Männer blicken in die kahle Wohnung, die so trostlos wirkt wie die aktuelle Gemütsverfassung vieler Iraner.

Wohlgemerkt ist "Im Bazar der Geschlechter" vor über drei Jahren gedreht worden – zu einer Zeit in der lähmende Sanktionen und eine ungeheure Inflation den ohnehin schon starken Druck auf Irans Bevölkerung noch nicht erhöht hatten. Deutlich wird im Film das Spannungsfeld aus Gesetz, Privatleben und gesellschaftlichen Konventionen, in dem Iraner zerrissen werden.

Gleichzeitig wirft der Film aber auch ein differenziertes Licht auf den iranischen Klerus: Von dem oft unsicher wirkenden jungen Geistlichen über den selbstgefälligen Mullah im Umhang bis zum bärtigen Ayatollah in Qom finden sich hier ganz verschiedene Charaktere wieder. Sie alle werden in der Ausübung ihres traditionsreichen Berufes mit einer Realität konfrontiert, die ihren Führungsanspruch zunehmend infrage stellt.

Die Schlussszene zeigt das nur allzu deutlich: Ein Grüppchen kichernder Frauen im Restaurant – geschminkt wie Barbiepuppen, Wasserpfeife rauchend, das Kopftuch so weit es geht zurückgeschoben – macht sich lautstark über den jungen Mullah am Nebentisch lustig. Der arme Geistliche wirkt sichtlich herausgefordert. Mit Mühe richtet er seine Augen auf den Teller, lächelt gequält.

Ist das ein Sieg der Moderne über den mittelalterlichen Klerus? Auch wenn westliche Kommentatoren das manchmal gerne so sähen: So einfach ist der Iran nicht.

Man kann das Thema sighe als einen Haken betrachten, an dem die Regisseurin ihr Bild vom Iran aufhängt. Es ist ein trübes, aber ehrliches Bild. Aber auch dieses Bild ist schließlich – so sollte man sich immer bewusst sein – nicht mehr als ein Teil von dem, was in einem so komplexen Land als "Realität" bezeichnet werden kann.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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