Dokumentarfilm "A Silent Revolution"

Saudi-Arabiens Vorkämpferinnen

Frauen, die hinterm Steuer sitzen oder eine Firma leiten - Szenarien, die für Saudi-Arabien neu sind und ohne mutige Pionierinnen wohl kaum denkbar wären. Im Dokumentarfilm "A Silent Revolution" kommen sie zu Wort. Elizabeth Grenier sprach mit der Regisseurin Danya Alhamrani und der Produzentin Dania Nassief.

Wie haben Sie es geschafft, Filmregisseurin und Produzentin zu werden?

Danya Alhamrani: Ich wollte mein ganzes Leben lang schon Filme machen, bereits seit meiner Kindheit. Aber es war ein langer Weg dorthin. Ich habe in den Vereinigten Staaten Filmwissenschaften studiert und für ein paar Jahre in der amerikanischen Filmindustrie gearbeitet. Dann wurde mir klar, dass ich auch genauso gut mein eigenes Unternehmen gründen könnte.

Dania Nassief: Eigentlich wollte ich gerade mein eigenes Unternehmen im Bereich Eventmanagement gründen. Aber Danya sagte nein, wir müssten uns zusammentun, weil wir so gegensätzlich sind. Sie ist der kreative Part. Also starteten wir unser Projekt 2006, wobei wir darum kämpfen mussten, unsere Namen auf das Registrierungsformular zu bekommen. Denn damals gab es die Regelung, dass nur ein Mann ein Unternehmen führen darf. Wir schickten dann mehrere Briefe an das Ministerium, bis wir die entsprechende Erlaubnis erhielten.

Alhamrani: So wurde Dania Geschäftsführerin unserer Filmproduktionsfirma.

Wie lange hat denn dieser Kampf gedauert?

Nassief: Ein Jahr.

Filmplakat "A Silent Revolution"; Quelle: Eggdancer Productions
Der Dokumentarfilm "A Silent Revolution" ("Eine stille Revolution"), der vom Festival "Film ohne Grenzen" präsentiert wurde und seine Premiere in Berlin feierte, beinhaltet Interviews mit etwa 25 Frauen, die Pionierarbeit für Frauenrechte in Saudi-Arabien geleistet haben - darunter einige der ersten saudischen Frauen, die an den Olympischen Spielen teilnahmen, die erste Frau, die Herausgeberin einer nationalen Zeitung wurde, die erste saudische Frau, die Leiterin einer UN-Agentur wurde, sowie eine junge saudische Frau, die den Mount Everest bestieg.

Hat diese Erfahrung Sie dazu inspiriert, den Film "A Silent Revolution" zu drehen?

Nassief: Dazu haben uns viele Erfahrungen inspiriert: Die Arbeit mit internationalen Unternehmen, darunter die BBC; die Feststellung, dass saudische Frauen falsch dargestellt wurden; die Fragen, die uns Leute über unsere Geschichte stellten... Wir wollten die Geschichten von saudischen Frauen erzählen, von ihren Kämpfen und Hürden, die sie zu nehmen haben.

In Ihrem Film verweisen Sie auf die außergewöhnlichen Leistungen von Frauen, die es ganz nach oben geschafft haben - teils sogar im wörtlichen Sinne, nämlich bei Raha Moharrak, die als erste saudische Frau den Mount Everest bestiegen hat. Seitdem Sie den Film produziert haben, gab es zahlreiche Veränderungen, die die gesamte Bevölkerung betreffen. Könnten Sie uns darüber noch mehr erzählen?

Nassief: Wirklich interessant ist die Tatsache, dass aufgrund der Geschlechtertrennung in unserer Gesellschaft die meisten saudischen Frauen nicht stufenweise eine Karriere von unten nach oben eingeschlagen haben, sondern direkt in Führungspositionen: Sie wurden sofort Geschäftsführerin, Universitätsdekanin, Chefärztin o.ä. Denn sie waren Pionierinnen, die allerersten Frauen in ihrem Gebiet. Das hat alles mit der Segregation zu tun. Wenn Frauen in solchen Positionen benötigt wurden, erreichten sie von jetzt auf gleich eine Führungsposition.

Die gegenwärtigen Veränderungen betreffen allerdings die gesamte Gesellschaft, also auch Personen in weniger hohen Positionen. Während Frauen in den meisten Gesellschaften der Welt zunächst um das Recht kämpften, überhaupt arbeiten gehen zu dürfen oder in einfachen Jobs in Fabriken zu arbeiten, verlief das bei uns genau anders herum. Zuerst ging es ganz hinauf an die Spitze und jetzt geht es von dort aus langsam wieder hinunter.

Saudischer Kronprinz Mohammed bin Salman; Foto: picture-alliance/AP
Kronprinz Mohammed bin Salman betreibt seit einiger Zeit ein wirtschaftliches und gesellschaftliches Modernisierungsprogramm namens "Vision 2030". Ziel ist es, die Wirtschaft Saudi-Arabiens breiter aufzustellen und die Abhängigkeit vom Öl in Zeiten sinkender Energiepreise zu verringern.

Der von Kronprinz Salman initiierte Plan "Vision 2030" sieht auch Verbesserungen der Frauenrechte vor. Könnte er dabei auch auf Hindernisse stoßen?

Nassief: Ich denke nicht, dass es da Hindernisse gibt.

Alhamrani: (lacht) Das ist eine stereotype Frage, die uns permanent gestellt wird, weil sie genau widerspiegelt, was das westliche Publikum denkt. Überall auf der Welt gibt es irgendwelche Hindernisse. Veränderungen in der Welt sind unvermeidbar. Das ist ganz normal. Aber es ist interessant zu sehen, was die Leute Dinge als "große Hindernisse" ansehen, die wir angeblich noch überwinden müssten. Es ist doch so, dass es schon immer Hindernisse gegeben hat und auch weiterhin geben wird - aber wir machen einfach weiter mit unserem Leben.

Nassief: Ich habe das Gefühl, dass die westlichen Länder unbedingt wollen, dass wir genauso wie sie aussehen, dass wir kein Kopftuch tragen und ihren Lebensstil pflegen. Das ist aber nicht unbedingt das, was wir selbst wollen. Wir haben eine andere Kultur und eine andere Familienstruktur. Wir bedecken uns aus religiösen Gründen. Das wird uns nicht aufgezwungen, weder von unseren Familien, noch von unserer Regierung. Es ist unsere eigene Wahl.

Im Laufe dieses Jahres werden Frauen auch Auto fahren dürfen. Hätten Sie sich früher jemals vorstellen können, dass Frauen eines Tages Auto fahren oder haben Sie da eher gar nicht drüber nachgedacht?

Alhamrani: Autofahren war nie ein Thema…

Nassief: …Es war vielleicht für einige Frauen ein wichtiges Thema. Für andere wiederum war es wichtiger, bei einem Fußballspiel dabei sein zu dürfen. Die Dinge haben eben einen unterschiedlichen Stellenwert für die Frauen.

Obwohl es beim Thema Frauenrechte viele Dinge gibt, über die man streiten könnte, nicht nur in Saudi-Arabien, ist die Aussage Ihres Films dennoch sehr positiv. Man bekommt den Eindruck, viele Dinge würden sich zum Guten ändern und dass das alles im Grunde genommen recht einfach ist...

Saudische Frauen besuchen Fußballspiel in Dschidda; Foto: AFP/Getty Images
Achtungserfolg für die saudischen Frauen: In den vergangenen Monaten gab es in der erzkonservativen saudischen Monarchie verschiedene Lockerungen zugunsten der Frauen: Für Juni wurde die Aufhebung des Fahrverbots für Frauen angekündigt, Mädchen wurde Sportunterricht an staatlichen Schulen erlaubt, und den Nationalfeiertag feierten Männer und Frauen erstmals gemeinsam im Stadion. Lokale Medien zeigten Fotos, auf denen Frauen mit gestreiften Fanschals über langen schwarzen Mänteln auf der Tribüne in dem Stadion in Dschidda saßen.

Alhamrani: Nein, so einfach ist es nicht. In Zukunft wird es mit Sicherheit Hindernisse geben. Auch kulturellen Gegenwind haben wir schon erlebt. Als es Mädchen zum ersten Mal erlaubt wurde, zur Schule zu gehen, wollte man sicher sein, dass sie nichts taten, was die Erzkonservativen womöglich verärgern könnte. Einige von ihnen erhielten sogar Todesdrohungen. Ich behaupte nicht, dass es keinerlei Hindernisse gibt. Es ist nur so, dass wir schon so weit fortgeschritten sind, dass diese Hindernisse heute vielleicht nicht mehr so relevant sind. Vielleicht ist das naiv, aber wir stoßen nun mal nicht in unserem Alltag permanent auf Hindernisse. Die Realität ist, dass wir so wie alle anderen leben.

Vielleicht ist diese Frage in Anbetracht des Themas von Ihrem Film recht naiv, aber betrachten Sie sich selbst als Feministinnen?

Alhamrani: Ich weiß nicht … ich unterstütze definitiv Frauen. Ich glaube zu 100 Prozent an gleiche Chancen für Frauen. Ist das Feminismus? Vielleicht. Dies ist eine meiner Lieblingsstellen im Film, bei der ich jedes Mal eine Gänsehaut bekomme: "Ich weiß nicht, ob ich zur Feministin werde oder nicht. Aber die Frauen in diesem Land sind mächtig, weil sie durchhalten".

Jetzt, wo Kinos in Saudi-Arabien eröffnet werden, wird Ihr Film dort auch zu sehen sein?

Alhamrani: Wahrscheinlich wird der Fokus eher auf Mainstream-Filmen liegen. Dokumentarfilme sind nicht so beliebt. Aber wir hoffen es natürlich.

Das Gespräch führte Elizabeth Grenier.

© Deutsche Welle 2018

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.