Die Wiedererschaffung Palästinas in der Literatur

Ein Land aus Worten

"Wir haben ein Land aus Worten", heißt es in einem berühmten Gedicht des palästinensischen Lyrikers Mahmud Darwish. Der bekannte jordanische Publizist und Literaturwissenschaftler Fakhri Saleh geht in diesem Essay der Wechselwirkung nach, die der Verlust der Heimat in der Literatur und der Selbstwahrnehmung der Palästinenser zeitigte.

Viele moderne palästinensische Schriftsteller haben in ihren Werken versucht, das Drama ihres Volkes zu dechiffrieren, ihm eine Form zu geben und es der Welt nahezubringen: den Verlust von Gut und Boden, ein Leben unter Besatzung oder im Exil, das Gefühl dauernder Ohnmacht.

Unter diesen literarischen Stimmen ragen insbesondere der 1941 geborene und im vergangenen Jahr verstorbene große Lyriker Mahmud Darwish und die Prosaautoren Ghassan Kanafani (1936 bis 1972), Jabra Ibrahim Jabra (1920 bis 1994) und Emil Habibi (1921 bis 1996) heraus. Jeder von ihnen fand eine eigene, innovative Form, um die Erfahrung von Vertreibung, Entfremdung und Sehnsucht auszudrücken.

Vor 1948 war Palästina ein literarisch fruchtbares Terrain, wo eine hochentwickelte Dichtkunst, Dramen und sogar Romane entstanden; aber die "Nakba" (Katastrophe), die Gründung des Staates Israel und die damit einhergehende Vertreibung der Palästinenser, setzte dieser Schreibkultur ein vorläufiges Ende.

Nur wenige Manuskripte und gedruckte Bücher konnten gerettet werden, und die Literaturhistoriker mussten zunächst die vielfältige literarische Szene rekonstruieren, die dort im 19. und 20. Jahrhundert existiert hatte. Aus diesem Grund wie auch wegen des existenziellen Bruchs, den die "Nakba" und die Vertreibung eines Großteils der arabischen Bevölkerung mit sich brachten, wurde die palästinensische Literatur hauptsächlich als Exilliteratur fortgeschrieben.

Palästinenser auf der Flucht vor den israelischen Streitkräften 1948; Quelle: Wikipedia
Blockierte Kultur: Vor 1948 war Palästina ein literarisch fruchtbares Terrain, aber die "Nakba" (Katastrophe) setzte dieser Schreibkultur ein vorläufiges Ende, schreibt der jordanische Publizist Fakhri Saleh.

Den Vertreibungen von 1948 folgte 1967 ein weiterer Schub, als Israel die Westbank und den Gazastreifen besetzte; zahlreiche Palästinenser, die dort mehrheitlich in Flüchtlingslagern gelebt hatten, sahen sich gezwungen, ihre vormalige Heimat endgültig zu verlassen. Und bis in die Gegenwart sorgen der Konflikt mit Israel und die zusehends zerrüttete wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Situation in den palästinensischen Gebieten dafür, dass der Exodus nicht abreißt.

Rekonstruktionen der Heimat

Zwar stammen die Großen der palästinensischen Literatur – Mahmud Darwish, Emil Habibi, Fadwa Tuqan, Sahar Khalifa – aus dem ehemaligen Palästina; das Gros der palästinensischen Literatur wurde jedoch im Exil verfasst, in anderen arabischen Ländern, in Europa oder den Vereinigten Staaten.

Die vor 1948 in Palästina geborenen Schriftsteller versuchten, die Heimat aus der Erinnerung zu rekonstruieren; die bereits im Exil Geborenen schöpften aus den Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern. In Gedichten, Erzählungen und Romanen wurde Palästina so in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Literatur wieder erschaffen.

In Anbetracht der Konflikte, welche die palästinensische Bevölkerung heute zerreißen, und der anhaltenden Stagnation ihrer Geschichte kann man wohl sagen, dass ohne die Literatur die Idee Palästina und die damit verbundene Hoffnung längst zugrunde gegangen wären.

In diesem Sinn und Kontext ist die palästinensische Literatur eine Exilliteratur, die Suche nach Identität in einer als abweisend erfahrenen Welt; die Geschichte von fragmentierten Leben und zerbrochenen Hoffnungen, die in einem aus seinem Kontext gerissenen Dasein formuliert wird; die Chronik einer menschlichen Tragödie.

In einer seltsamen Wende der Geschichte sind in der heutigen Welt die Palästinenser zur Verkörperung von Exil und Diaspora geworden. Der 2003 verstorbene palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said hat in "After the Last Sky" individuelle Lebensgeschichten von Palästinensern und von unterschiedlichen, in alle Welt zerstreuten palästinensischen Gemeinschaften verlebendigt und das existenzielle Gefühl der Entwurzelung und Verletzbarkeit seiner Landsleute zum Ausdruck gebracht.

Emile Habibi; Foto: wikipedia
Emil Habibi, ein "Meister der Ironie und des Spotts": Emil Habibi (1922–1996) hat sich sein Leben lang für die Verständigung zwischen Palästinensern und Israelis eingesetzt.

In dem 1986 erschienenen Buch schreibt Said: "Die Stabilität der Geografie, die Kontinuität des Landes – dies ist aus meinem Leben und demjenigen aller Palästinenser gänzlich verschwunden. Wir werden an Grenzen aufgehalten, in neue Lager abgeschoben, willkürlich an Rückkehr und Niederlassung gehindert, in unserer Bewegungsfreiheit eingeschränkt; immer mehr von unserem Land wird mit Beschlag belegt, Willkür beherrscht unser Leben, wir hören einer des anderen Stimme nicht mehr, unsere Identität ist auf furchtsamen kleinen Inseln inmitten einer feindseligen Umgebung eingepfercht."

Daheim im Exil

Tatsächlich leben die in den palästinensischen Gebieten Verbliebenen in einer Art "Exil in der Heimat"; die Flüchtlinge in anderen arabischen Staaten sind vielerorts bis heute in Lagern untergebracht, wobei ihnen die Erlangung der Staatsbürgerschaft ebenso verwehrt bleibt wie die Ausübung vieler Berufe. Diese Erfahrung des Exils als Einschränkung, als existenzielle Bedrohung der eigenen Identität haben Darwish, Kanafani, Habibi und Jabra so gut wie zahlreiche andere Autorinnen und Autoren palästinensischer Herkunft auf unterschiedlichste Weise thematisiert.

In Mahmud Darwishs Gedicht "Ein Liebender aus Palästina" wird die Exilproblematik indirekt angesprochen, indem der Dichter sie in die Metapher einer Liebesgeschichte überführt. Und obwohl das Gedicht 1966 entstand – zu der Zeit also, da Darwish noch in Palästina lebte –, kann das lyrische Ich als Stimme der exilierten und marginalisierten Palästinenser insgesamt verstanden werden. Der Verlust der Heimat, das Gefühl der Unbehaustheit und der gefährdeten Identität ist darin auf unvergessliche Weise ausgedrückt:

Deine Worte waren wie Schwalben,

die aus meinem Haus flogen.

Auch die Tür wanderte aus,

zurück blieb nur eine herbstliche Schwelle,

nach der ich mich sehne.

Unsere Spiegel sind zerbrochen,

und tausendfach wurde unsere Traurigkeit.

Wir sammelten die verstreuten Töne

und gedachten der Heimat nur

in Klageliedern.

Lasst uns gemeinsam ihren Namen

in das Herz der Gitarre pflanzen.

Auf den Dächern unseres Unglücks

wollen wir ihn spielen

für den verunstalteten Mond und die Steine.

Aber ich vergass, vergass,

ihr Name ist unbekannt.

Graffiti Edward Saids; Foto: Ahl al-Kahf
Leben in engen Grenzen: "Die Stabilität der Geografie, die Kontinuität des Landes – dies ist aus meinem Leben und demjenigen aller Palästinenser gänzlich verschwunden. Wir werden an Grenzen aufgehalten, in neue Lager abgeschoben, willkürlich an Rückkehr und Niederlassung gehindert und in unserer Bewegungsfreiheit eingeschränkt", schreibt Edward Said.

Gerade die Tatsache, dass Darwish diese Zeilen noch auf heimatlichem Boden schrieb, macht deutlich, in welchem Maß das Gefühl der Ortlosigkeit, des Fremdseins in der Welt die Existenz der Palästinenser bestimmt.

Edward Said beschreibt es im Rückblick auf die eigene Lebenserfahrung als eine gleichzeitig den Intellekt herausfordernde, aber auch schreckliche Erfahrung: Das Exil sei "der unheilbare, gewaltsame Riss, der ein menschliches Wesen vom Mutterland, das Selbst von seiner wahren Heimat trennt: die Trauer, die seine Essenz ist, kann niemals überwunden werden. Und obwohl es zutrifft, dass Literatur und Geschichte mit heroischen, romantischen, glorreichen, ja triumphalen Episoden im Leben von Exilierten aufwarten, steckt dahinter nicht mehr als das verzweifelte Bemühen, dem lähmenden Kummer der Entfremdung zu entrinnen. Was im Exil erreicht und gewonnen wird, ist stets unterminiert durch den Verlust von etwas Unwiederbringlichem."

Arabisch – und israelisch

Das drückt sich auch im Schaffen Emil Habibis aus, dessen 1974 veröffentlichtes Meisterwerk, "Der Peptimist", das Leben der nach 1948 in Israel verbliebenen Palästinenser schildert.

Graffiti Ghassan Kanafani; Foto: wikipedia
Einzelschicksale im Fokus: In seinen Werken schildert Kanafani die Tragödie der Flüchtlinge und versucht das nationale Bewusstsein der Palästinenser zu stärken und Wege zur Befreiung zu erkunden.

Aus der gefährdeten und zutiefst verunsicherten Existenz seiner Landsleute in dem Land, das einmal ihre Heimat war, schafft Habibi eine oft bittere Satire; der Autor – den manche Araber sogar als Verräter anprangerten, nachdem ihm 1992 der israelische Staatspreis für Literatur zuerkannt worden war – erkundet die tiefen Ambivalenzen der palästinensischen Israeli: das Gefühl, nicht dazuzugehören und ein Doppelagent zu sein, Palästinenser und Nichtpalästinenser zugleich, ein Israeli ohne die Rechte, die mit der israelischen Staatsbürgerschaft einhergehen sollten.

Damit hat Habibi nicht nur thematisch Neuland betreten; er revolutionierte auch den arabischen Roman, indem er das westliche Genre mit traditionellen arabischen Erzählformen wie der Makame, den "Märchen aus 1001 Nacht" oder der Gedichtrezitation anreicherte.

Diese hybride Ausdrucksform, die westliche und arabische Elemente mischt, dient Habibis zutiefst zerrissenen arabisch-israelischen Figuren auch als eine Art Heilmittel – und als Antwort auf die Konfrontation mit der zionistisch-hebräischen Kultur.

Von der Geschichte verraten

Die Erfahrung der aus ihrer Heimat Vertriebenen hat in den Werken zweier weiterer großer Prosaschriftsteller ihren Niederschlag gefunden. Ghassan Kanafani, dessen Familie 1948 nach Syrien übersiedeln musste, verfasste Romane, Erzählungen, Dramen und mehrere Sachbücher zu literarischen und politischen Themen; er wurde 1972 in Beirut vom israelischen Geheimdienst liquidiert.

In seinen Werken schildert er einerseits die Tragödie der Flüchtlinge und versucht anderseits, das nationale Bewusstsein der Palästinenser zu stärken und Wege zur Befreiung zu erkunden. In Romanen wie "Männer in der Sonne" (1963) und "Was euch bleibt" (1966) hat Kanafani wirkungsmächtige Bilder und Symbole für das Schicksal seines Volkes und für das tiefsitzende Gefühl gefunden, von der Geschichte verraten worden zu sein.

In seinen Erzählungen und Theaterstücken nimmt Kanafani oft konfliktreiche Einzelschicksale in den Fokus, die stellvertretend für das Leiden des Palästinenservolkes stehen, darüber hinaus aber auch dessen Los auf die condition humaine schlechthin projizieren.

Auch Jabra Ibrahim Jabra war in unterschiedlichen literarischen Disziplinen tätig; neben Romanen, Erzählungen und Gedichten schrieb er Literaturkritiken und übersetzte aus dem Englischen ins Arabische. Im Mittelpunkt seines Schaffens stehen vor allem die Palästinenser in der Diaspora und ihre Furcht vor Auslöschung und Identitätsverlust.

In Jabras Büchern herrscht eine Art dauernder Belagerungszustand, gegen den die Figuren ankämpfen; darin weist sein Werk auch über das palästinensische Schicksal hinaus auf die Befindlichkeit des modernen Menschen. In deutscher Übersetzung liegen von ihm das Erinnerungsbuch "Der erste Brunnen" und der kafkaeske Roman "Das vierzigste Zimmer" vor; auch dank auf Englisch erschienenen Romanen wie "Hunters in a Narrow Street", "The Ship" oder "The Search for Walid Massoud" können westliche Leser nachvollziehen, wie Jabra die Ideen der literarischen Moderne mit dem Geschick und den Hoffnungen seines Volkes fusionierte.

Fakhri Saleh

© Neue Zürcher Zeitung 2013

Aus dem Arabischen von Angela Schader

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Fakhri Saleh schreibt als Publizist und Literaturwissenschaftler für "Ad-Dustour", "Al-Hayat" und andere arabische Tageszeitungen; demnächst erscheint in Kairo sein Buch über den Arabischen Frühling.

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Leserkommentare zum Artikel: Ein Land aus Worten

Bedauerlicher Fehler: Darwisch starb 2008, nicht im vergangenen Jahr. Und sein Grabmal, das aus Spendengeldern palästinensischer Bürger errichtet wurde, ist weitaus prächtiger und eindrücklicher als das Mausoleum von Arafat.

Georg Baltissen18.12.2013 | 16:06 Uhr