Die Townhouse-Galerie in Kairo

Drehscheibe für Ägyptens junge Kunstszene

Das Townhouse im Zentrum Kairos, das 1998 vom Kanadier William Wells eröffnet wurde, hat sich zum Anziehungspunkt von Künstlern, aber auch Kindern und Familien sowie Flüchtlingen etablieren können. Einblicke von Amira El Ahl aus Kairo

Schülerin während eines Design-Workshops im Townhouse; Foto: Amira El Ahl
Reges Interesse an den Kulturangeboten der Townhouse-Galerie bei jung und alt: Auch Workshops für Straßenkinder sind inzwischen zu einem festen Bestandteil der Kultureinrichtung im Herzen Kairos geworden.

​​Es ist Samstagmorgen in Downtown Kairo kurz vor elf Uhr, und langsam erwacht das Leben in den Straßen. Zwischen dem Talaat Harb-Platz und der Champolion Straße, im Herzen der Stadt, liegt ein Geflecht aus engen Straßen und Gassen.

Hier, zwischen den mondänen Stadtbauten aus der Jahrhundertwende am zentralen Talaat Harb-Platz und den großen Einkaufsstraßen verstecken sich unzählige Werkstätten und traditionelle Kaffeehäuser, deren Stühle und Tische auf den ausgetretenen Gassen stehen. Trotz der Nähe zum Zentrum verirrt sich in diese Seitengassen selten ein Tourist.

Künstler und Einheimische aller Couleur

Dafür kommen seit Jahren regelmäßig Künstler und Einheimische aller Couleur hierher. Vor allem die kleine, nach Hussein Pascha benannte Straße hinter dem Talaat Harb Platz, ist zu einem festen Bestandteil des Kairoer Kulturlebens geworden.

Seit der Kanadier William Wells 1998 am Ende der Straße die Townhouse-Galerie in einem der alten Gebäude eröffnete, ist es für die zahlreichen Mechaniker, Schreiner und Schlosser alltäglich geworden, mit Ausländern und gut betuchten Ägyptern einen Tisch im Kaffeehaus zu teilen und sie Tag für Tag an ihren Werkstätten vorbeiziehen zu sehen.

Das Besondere ist jedoch nicht, dass hier eine elitäre Kunstgalerie in einem Arbeiterviertel entstanden ist. Außergewöhnlich ist vielmehr, dass das Townhouse sich nicht als solche versteht, sondern - ganz im Gegenteil - den Austausch mit der ansässigen Gemeinschaft sucht.

Galerist William Wells mit einem von einem Straßenkind gemalten Bild; Foto: Amira El Ahl
William Wells: "Zum einen sollte das Townhouse eine Plattform für junge Künstler in Ägypten sein und zum anderen ein Forum, um mit der Gemeinschaft zu arbeiten, in der wir leben."

​​"Von Anfang an war die Idee, ein Konzept zu entwickeln, das auf zwei Säulen beruhte", erklärt William Wells. "Zum einen sollte es eine Plattform für junge Künstler in Ägypten sein und zum anderen ein Forum, um mit der Gemeinschaft zu arbeiten, in der wir leben."

Wells suchte vor elf Jahren einen Ort, an dem junge, ägyptische Künstler ihre Werke zeigen konnten. Es sollte ein Ort sein, der viel Platz bot für große Kunstwerke, Installationen und Projekte. "Als ich dieses Gebäude sah, wusste ich sofort: das ist es", sagt Wells. "Es hatte all die architektonischen Elemente, nach denen ich suchte."

Keiner der Künstler glaubte damals daran, dass das Townhouse funktionieren könnte in dieser Lage fernab der Hauptstraßen. Doch es funktionierte gleich von Anfang an.

Workshops für Straßenkinder

Noch bevor Wells jedoch die Galerie richtig eröffnet hatte, begann er schon gemeinsam mit der Künstlerin Hoda Lutfi Workshops für die Straßenkinder aus der Gegend zu geben. "Wir kamen in diese Nachbarschaft, in der es viele informelle Betriebe gibt, viele arbeitende Kinder, Straßencafés und auch Kinder, die auf der Straße leben", sagt William Wells.

Abends beobachtete er, wie die Straßenkinder vor den Cafés auftraten, um Geld zu verdienen. So entstand die Idee, den Kindern des Viertels eine Möglichkeit zu geben, sich künstlerisch auszudrücken. Hoda Lutfi und William Wells nahmen die Kinder mit zu einem Tagesraum für Straßenkinder und brachten den Kindern dort bei, Farben zu benutzen und damit ihre Geschichten zu erzählen.

"Die Arbeit der Kinder war unglaublich stark und inspirierend", sagt William Wells. Noch immer hat er zwei der Werke in seinem Büro. Kräftige Farben dominieren die Bilder, aber auch düstere Motive, die von Angst, Einsamkeit und sexuellem Missbrauch erzählen.

Im Januar 1999 veranstaltete das Townhouse seine zweite Ausstellung ausschließlich mit den Bildern der Straßenkinder. Die Idee war, Aufmerksamkeit für die Lage der Kinder zu erzeugen und Geld für den Tagesraum zu sammeln. Die Ausstellung wurde ein voller Erfolg, der Besucherandrang war groß. Und es wurde viel Geld gespendet. "Diese Veranstaltung hat uns die Augen geöffnet", sagt Wells.

Vielfältige Kulturangebote für Familien

Ab diesem Zeitpunkt wurden die Workshops für Straßenkinder zu einem festen Bestandteil der Townhouse-Galerie. Seit 2000 finden jeden Freitag Arbeitskreise für arbeitende Kinder zwischen acht und 18 Jahren in den Räumen der Galerie statt.

Alle drei Monate beginnt für die drei Gruppen ein neuer Kurs in Bildender Kunst, Animation oder Theater, immer im Wechsel. "Es war zu Beginn sehr schwer, die Eltern davon zu überzeugen, ihre Kinder an deren einzigem freien Tag zu uns zu schicken", sagt Wells.

Aber mittlerweile wollen mehr Familien an dem Angebot teilnehmen, als Plätze für Kinder vorhanden sind. Waren es zu Beginn noch zwölf Mädchen und Jungen, sind es heute bereits 30. Die Älteren helfen mittlerweile den Betreuern bei der Aufsicht der Jüngeren, manche von den damaligen Anfängern sind heute Künstler, haben ihre eigenen Geschäfte oder gehen wieder zur Schule.

Doch Arbeitskreise für Kinder sollten nicht das einzige Projekt der Galerie bleiben. Im Juni 2006 startete das Townhouse seine "Sawa"-Workshops. "Sawa" bedeutet auf Arabisch "gemeinsam". "Wir wollten etwas für die vielen sudanesischen Flüchtlinge in Kairo tun", erzählt Mina Noshy.

Der 30jährige fing vor elf Jahren als erster Angestellter bei der Galerie zu arbeiten an. "Ich hatte keine Ahnung, was eine Kunstgalerie überhaupt ist", erzählt der gelernte Buchhalter und lacht. Heute ist er Geschäftsführer der Galerie und verantwortlich für "Sawa".

Erfolgskonzept "Sawa"

Im Sommer 2006 lud er eine kleine Gruppe Sudanesen in die Galerie zu einem Workshop ein, irgendwann kamen Ägypter dazu und später auch Ausländer. Heute kommen zu den "Sawa"-Workshops teilweise bis zu 200 Menschen. "Alte, Junge, Mechaniker, Schreiner, Maler, Studenten, Ausländer, Flüchtlinge – alle arbeiten und lernen gemeinsam", sagt Mina Noshy, und der Stolz über diesen Erfolg ist ihm von seinem strahlendem Gesicht abzulesen.

Außenansicht Townhouse in Kairo; Foto: Amira El Ahl
Im Einklang mit den Menschen aus dem Viertel: Seit Jahren kommen regelmäßig Künstler und Einheimische aller Couleur in das Townhouse im Zentrum Kairos.

​​Bald wurden die Gruppen, die samstags zum Malen, Zeichnen, Bildhauern und Design-Unterricht kamen so groß, dass aus einem zwei Workshops wurden. "Weil sie ihre Kinder nicht alleine zu Hause lassen wollten, brachten die Teilnehmer oft ihre Kinder einfach mit", erzählt Noshy. Deshalb kommen die Kinder immer Samstag früh zusammen, die Erwachsenen am Nachmittag.

An diesem Samstag wuseln Dutzende durch das "Rawabeet"-Theater, welches an die Galerie angrenzt. Konzentriert sitzen junge Frauen und Männer über ihren Zeichnungen, kolorieren, skizzieren, entwerfen.

Immer wieder bitten sie Ana Seco um Rat. Die Spanierin hat an vier Samstagen versucht, den "Sawa"-Teilnehmern die Grundlagen des T-Shirt-Designs beizubringen. Die Künstlerin und Modedesignerin lebt seit sechs Monaten in Kairo und gibt diesen Kurs ehrenamtlich, wie alle Künstler. "Ich habe Spaß daran, den Menschen etwas beizubringen", sagt Seco, während sie mit einer Studentin die Auswahl ihres Motivs bespricht.

Auch Walid Farouk ist da, wie jeden Samstag. Der Sudanese lebt seit zwei Jahren mit seiner Familie in Kairo. Schon im Sudan hatten sie über befreundete Künstler von der Townhouse-Galerie gehört – "einem offenen Ort, an dem man immer eine Chance bekommt", sagt Farouk.

Bekanntschaftsgrad über die Grenzen hinweg

Der Maler verdankt auch der Galerie, dass er so schnell in Kairo Anschluss gefunden hat und sich ein Leben aufbauen konnte. Das Künstlerpaar kommt mit den beiden Kindern regelmäßig zu den "Sawa"-Workshops.

Morgens arbeiten Farouk und seine Frau als Betreuer für die Kinder-Kreise, wofür sie - wie alle anderen Mitarbeiter - bezahlt werden, nachmittags nehmen sie an den Workshops für die Erwachsenen teil. "Die Kinder lieben es zu malen und sie profitieren sehr davon, so viele verschiedene Menschen und Kulturen kennenzulernen", sagt Walid Farouk.

So wie Walid Farouks Familie haben schon unzählige Familien die so genannten Outreach-Programme der Townhouse-Galerie besucht. Sie bieten ihnen allen die Möglichkeit, sich eine neue Welt zu erschließen und ohne finanziellen Aufwand neue Talente zu entwickeln.

"Workshops kosten eigentlich immer viel Geld", sagt die Kostümdesignerin Lina Ali. Die 26jährige ist zum ersten Mal bei "Sawa" dabei. Über Facebook hatte sie von dem anstehenden Design-Workshop erfahren. "'Sawa' ist eine großartige Möglichkeit für alle Menschen, egal welchen Hintergrunds, Neues zu lernen, ohne dafür einen Cent ausgeben zu müssen."

Trotzdem verschlingen die Workshops natürlich riesige Mengen an Geld, die eine unabhängige Galerie wie das Townhouse erst einmal aufbringen muss. Doch mittlerweile ist die Galerie auch über die Grenzen Ägyptens bekannt für ihre Arbeit und hat so viele Unterstützer, sodass sie es immer wieder schafft, das nötige Geld für die Programme aufzubringen.

Im vergangenen Juni veranstaltete das Townhouse zum zweiten Mal eine Kunstauktion, deren Erlös fast komplett in die Outreach-Programme fließt. Insgesamt standen 42 Werke zum Verkauf. Die Kairoer Kunstszene kam und kaufte für insgesamt 130.000 Dollar. In diesem Fall in zweierlei Hinsicht klug investiertes Geld.

Amira El Ahl

© Qantara.de 2009

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