Die sahrauische Sängerin Aziza Brahim

Die Qual der Entwurzelung

Aziza Brahim singt über die Hoffnungen und Sehnsüchte ihres Volkes. Ihr jüngstes Album "Abbar el Hamada" thematisiert die Nöte der Flüchtlinge und Entwurzelten in aller Welt. Richard Marcus hat sich dieses künstlerisch eindrucksvolle Werk angehört.

Zu jener Zeit, als die Spanier im 15. Jahrhundert Muslime und Juden vertrieben oder töteten, gingen diejenigen, denen die Flucht gelang, hauptsächlich über das Mittelmeer nach Nordafrika, um dort eine neue Heimat zu finden.

Dass über 500 Jahre später nordafrikanische Muslime auf der Flucht vor Verfolgung nun einen sicheren Hafen in dem Land finden, aus dem sie einst fliehen mussten, ist eine Ironie der Geschichte. Eine dieser Menschen ist Aziza Brahim. Als Angehörige des unterdrückten Sahraui-Volkes musste sie in Marokko in Flüchtlingslagern leben. Später emigrierte sie nach Barcelona, um die Aufmerksamkeit der Welt auf das Schicksal ihres Volkes zu lenken.

Ebenso wie die berühmten Tuareg-Bands aus dem gleichen Teil der Welt entschied sich Brahim, dies über das Medium der Musik zu tun. Ihr neuestes Album "Abbar el Hamada" trägt die prägnante Widmung: "Für mein Volk, nach 40 Jahren Besatzung, Exil und Diaspora". Jeder Aspekt des Albums ist Ausdruck von Brahims Botschaft der Hoffnung, des Widerstandes und der Todesverachtung: vom Titel, der als "Durch die Hamada" übersetzt werden kann und sich auf den Sahraui-Ausdruck für die steinige Wüstenlandschaft ihrer Flüchtlingscamps bezieht, bis hin zu den Texten der zehn Stücke des Albums.

Ihre Songs handeln allerdings nicht nur vom eigenen Volk. Zwar steht die Not der Sahrauis zweifelsohne im Mittelpunkt ihrer Musik, doch die Songtexte verstehen sich auch als universelle Botschaft für alle staatenlosen Völker in der Region und auf der ganzen Welt. Dies bezeichnet sie auch als "Austausch zwischen Ländern, zwischen Kulturen, zwischen Generationen, zwischen Stämmen, zwischen Glaubensrichtungen, zwischen Menschen". Um einen solchen Austausch zu erreichen, erinnert die Musik dieses Albums nicht nur an ihre Wahlheimat Spanien. Sie ist auch durch die kulturellen Traditionen der westlichen Sahara und deren weiterer Umgebung inspiriert.

CD-Cover "Abbar el Hamada" von Aziza Brahim; Quelle: Glitterbeat Records
Fulminante Klangwelten der Westsahara: "Es gibt viele wunderbare Musikgruppen, die über ihre verlorene Heimat und die Nöte ihres Volkes singen. Aber nur wenige von ihnen haben das erreicht, was uns Aziza Brahim mit 'Abbar el Hamada' schenkt", schreibt Richard Marcus.

Suche nach Frieden

Auf dem ersten Stück des Albums, "Buscando la Paz" ("Suche nach Frieden"), verwendet Brahim Gitarrenriffs und Rhythmen der lateinamerikanischen Musik, um eine Botschaft von universalem Frieden und allgemeiner Hoffnung zu verbreiten.

Gleichzeitig betont sie ausdrücklich, Frieden werde erst dann entstehen, wenn die Enteigneten und Entwurzelten in ihre Heimat zurückkehren können. "Wie ich hoffe, dass wir uns wiedersehen/Im Land der verlorenen Heimat/Sie ruft mich, und ich höre zu/Auch ich will sie haben, da ich sie brauche".

Im zweiten Titel des Albums, "Straßen von Dakhla", nimmt die Musik die offensiveren Klänge des "Wüstenblues" an. Das Lied, das mit dem traditionellen Klang einer klagenden Frauenstimme beginnt, preist die Stadt Dakhla. Diese Stadt befindet sich zwar offiziell unter der Kontrolle des marokkanischen Königreichs, sie wird aber auch von der "Demokratischen Arabischen Republik Sahara" für sich beansprucht. Der Song handelt von einer Zukunft, in der die Sahrauis die Stadt und die von ihnen beanspruchten Gebiete der Westsahara wieder ihr Eigen nennen können.

Das Titelstück des Albums, "Abbar el Hamada" ("Durch die Hamada"), ist eine Hommage an das Gebiet der Westsahara. Es erinnert uns an die tiefe Verbindung, die ein Volk für seine Heimat empfinden kann. Wie ungastlich dieser Fleck Erde auf Fremde auch wirken mag, er wird wohl in denen, die dort verwurzelt sind, stets patriotische Gefühle hervorrufen. In diesem Stück singt Brahim von ihren Erinnerungen an eine Nacht draußen in der Wüste. "Unter dem Blau des Himmels im Sternenlicht/Zwischen diesen üppigen Bergen/Die Dünen, Paradies, Entzücken/Über so eine kreative Nacht".

Dieser Text wird von einer sanften Musik begleitet, die die Sehnsucht in Brahims Stimme unterstreicht. Gleichzeitig erweckt sie die schlichte Schönheit ihrer Beschreibung zum Leben und lässt uns die wahre Tiefe ihrer Gefühle verstehen. Sie ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie diese gesamte Aufnahme Musik und Text dazu verwendet, nicht nur politische Botschaften zu übermitteln, sondern auch die tieferen Gefühle der Verbindung eines Volkes mit seinem Heimatland.

Aziza Brahims Wunsch, einen universelleren Sound zu schaffen, spiegelt sich auch in der Auswahl der Musiker für dieses Album wider. Zusätzlich zu jenen, die bereits auf ihrem vorherigen Album vertreten waren – Guillem Aguilar (Bass), Ignasi Cusso (Gitarre) und Kalilou Sangare (Gitarre) – wird die Sängerin auf "Abbar el Hamada"  vom senegalesischen Perkussionisten Sengane Ngom und von dem im Senegal und in Gambia ausgebildeten Schlagzeuger Aleix Tobias begleitet. Diese Kerngruppe wird durch die Gastmusiker Samba Toure (Gitarre), Xavi Lozano (Flöte) und Badra Abdallahi (Harmoniegesang) ergänzt. Brahim selbst singt nicht nur, sondern spielt auch die Tabal (eine katalonische Trommel).

Eine emotionale Reise

Mit den zehn Stücken dieses Albums nimmt Brahim ihre Hörer mit auf eine emotionale Reise. Nicht nur reflektieren die unterschiedlichen Musikstile den Weg, den sie von der Sahara bis nach Spanien zurückgelegt hat, sondern es gelingt der Sängerin auch, den emotionalen Aufruhr zu vermitteln, den sie bei ihrer Flucht aus der Heimat erleben musste.

Auch wenn wir die Texte ihrer Songs vielleicht nicht verstehen können, ohne die Übersetzungen im Booklet der CD zu lesen, gibt Brahim mit ihrer Ausdruckskraft jeder Melodie eine Tiefe, die wohl kaum jemand anders erreichen kann.

Die Welt scheint sich immer mehr mit vertriebenen Menschen zu füllen. Ob sie nun durch einen Krieg zur Flucht gezwungen oder durch Besatzer oder Hungersnöte vertrieben wurden, so haben sie doch alle eine Sache gemeinsam: die Sehnsucht, wieder dort zu sein, woher sie stammen; an dem Ort, wo die Luft, die sie atmen, ein Teil ihrer Identität darstellt.

Es gibt viele wunderbare Musikgruppen, die über ihre verlorene Heimat und die Nöte ihres Volkes singen. Aber nur wenige von ihnen haben das erreicht, was uns Aziza Brahim mit "Abbar el Hamada" schenkt: Zwar singt sie über die Hoffnungen und Sehnsüchte ihres eigenen Volkes, hat aber gleichzeitig ein Album mit Liedern geschaffen, die die Nöte der Flüchtlinge und Entwurzelten in aller Welt erfassen. Dies ist eine eindrucksvolle und zutiefst emotionale Sammlung von Liedern, die für all jene, die den Schmerz dieser Menschen immer noch nicht verstehen, Pflichtprogramm sein sollte.

Richard Marcus

© Qantara.de 2016

Übersetzt aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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Leserkommentare zum Artikel: Die Qual der Entwurzelung

Lieber Herr Marcus,
ihn Ihrem Artikel stehen viele politische falsche Attituden, die zurecht angefochten werden sollen.
Meine Wenigkeit ist mit dem politischen Problem im Süden des Königreiches Marokko sehr gut informiert und finde Ihre Meinung ziemlich sehr Unsachlich, deshalb muss ich Ihnen an dieser Stelle widersprechen. Begriffe wie "Das Volk der Sahraouis", "Besatzungsmacht", "Unterdrückung"...sind nicht adäquat und zeigen eigentlich wie Sie sehr wenig von dieser Thematik Ahnung haben.
Allein Ihre Behauptung; die Sahraouis mussten das Königreich verlassen, weil sie verfolgt und unterdrückt wurden, ist vollkommen daneben. Die extremistische paramilitärische Guerilla Organisation der Polisario - die aus dem algerischen Boden operiert und vom dortigen Militär finanziert und gegründet wurde - entführte in den 70er Jahren ganze südmarokkanische Stämme zu ihren Lagern im Zuge Ihres "Kampfes" für Sozialismus und psydo Freiheit... Bis heute dürfen diese marokkanische Bürger nicht mal als Flüchtlinge von den UNHCR gezählt und identifiziert werden, sie verfügen über keinerlei Rechte, Ausreisdokumente usw. ..Sie leben in absoluter Armut und träumen davon zum Königreich Marokko zurückzukommen...Rum um das Flüchtlingslager Lahmada - das sie hier fast wie einen wunderbaren schönen und romanistischen Touristencamp darstellen herrscht Schießbefehl. Jeder der versucht Lahmada zu verlassen muss im kaufnehmen mit seinem Leben zu bezahlen...
Über die Machenschaften der Polisario und des algerischen Militärs an der Grenze zum Königreich Marokko muss dringend berichtet werden. Die Öffentlichkeit in unserem Deutschland weiß leider zu wenig über den Terror der Polisario - nicht wie in Frankreich und Spanien wo man genau die historischen Begebenheiten der Region gut kennt.

Paul Ginter11.03.2016 | 20:21 Uhr

Herr Ginter hat absolut Recht. Wann werden wir endlich aufhören diese Polisario Terroristen als Vertreter von Südmarokkanern zu betrachten... Ich meine...Überall in Marokko leben Menschen die aus der Wüste kommen...Sie sind vertreten im Parlament, gründen Parteien und leben friedlich in Dakhla und Layyun in Marrakesch und Rabat... Polisario-Unterstützer müssen sich echt schämen...
Über die politische Bildung bei uns, was kann ich dazu sagen? Die Franzosen kennen Nordafrika sehr gut und wissen, dass Marokko im Recht ist. Herr Ginter wissen Sie, dass es Abgeordneter der Linkenpartei gibt, die die Polisario mit unserem Steuergeld unterstützen?

Miriam Köhler15.03.2016 | 17:19 Uhr