Die palästinensische Zirkusschule

Akrobatik hinter Mauern

Die Verantwortlichen der "Palestinian Circus School" begreifen ihre Arbeit nicht nur als Gesellschaftskritik, sondern wollen vor allem jungen Palästinensern im rauen Alltag in den besetzten Gebieten eine Perspektive bieten. Laura Overmeyer hat die Artistenschule besucht.

Der Pfeil auf dem Schild weist in eine schmale Seitenstraße. Man muss schon zwei Mal hinschauen. Steht da wirklich "Palestinian Circus School"? Vor dem inneren Auge erscheint ein riesiges bunt gestreiftes Zelt, ein Löwe springt durch einen brennenden Reifen und Trapezkünstler schwingen sich durch schwindelerregende Höhen. All das scheint so gar nicht in das kleine beschauliche palästinensische Dorf Birzeit zu passen. Soll das etwa ein Scherz sein?

Ganz und gar nicht! Shadi Zmorrod ist Mitbegründer und Geschäftsführer der "Palestinian Circus School", Zirkusdirektor sozusagen. Allerdings trägt er weder Zylinder und Frack noch schwingt er eine Peitsche. "Wir betreiben hier keinen traditionellen, sondern einen zeitgenössischen Zirkus", erklärt er. Keine dressierten Tiere und Messerwerfer, keine Blaskapelle und kein Popcorn. "Traditioneller Zirkus ist eine Art der darstellenden Kunst. Es geht darum, anhand traditioneller Zirkustechniken, also Akrobatik, Trapez, Tanz, Jonglieren und so weiter, eine Geschichte zu erzählen."

Eine palästinensische Zirkusschule für Palästinas Kinder

Im Jahr 2006 wurde die "Palestinian Circus School" gegründet. Ihre Geschichte beginnt jedoch früher, nämlich im Jahr 2000, dem Jahr als Zmorrod bei einem Zirkus-Workshop in Bethlehem seine Liebe für diese Kunstform entdeckte und in dem zugleich der Beginn der Zweiten Intifada das Leben der Palästinenser in der Westbank dramatisch veränderte.

Zmorrod, der in Westjerusalem Schauspiel studiert hatte, war bitter enttäuscht als er erfahren musste, dass seine israelischen Kollegen sich weigerten, gegen das Vorgehen ihrer Regierung zu protestieren. Er und andere palästinensische Künstler beschlossen daraufhin, die Zusammenarbeit abzubrechen.

"Damals habe ich viel im Ausland gearbeitet, Workshops gegeben und an internationalen Theaterfestivals teilgenommen. Doch mein Heimatland hat mich nicht losgelassen. Daher beschloss ich, nach Palästina zurückzukehren, um meine Kenntnisse und Fertigkeiten an palästinensische Kinder weiterzugeben." So entstand die Idee einer Zirkusschule.

Kinder bei der Probe in der Palestinian Circus School: Palestinian Circus School)
Kreativität, Inklusion und Gruppendynamik: Jeder ist in der "Palestinian Circus School" unabhängig von seinen Begabungen gleichermaßen Teil der Gruppe.

Kreativität und Inklusion

Wieso gerade Zirkus? "Wir Menschen reden zu viel – besonders in arabischen Ländern", erklärt Zmorrod lachend. "In Palästina, wo ein physisches Bewusstsein kaum existiert, ist es wichtig zu lernen, die Möglichkeiten und auch Grenzen der eigenen körperlichen Ausdruckskraft kennenzulernen."

Gerade jungen Palästinensern müsse man die Chance geben, ihren Geschichten Ausdruck zu verleihen, da sie unter der Besatzung am meisten litten. Gewalt und Verhaftungen, Willkür, Mauern und Checkpoints. All dies gehöre ebenso zu ihrem Alltag, wie die wachsende Arbeitslosigkeit und die gesellschaftliche Instabilität. Hoffnungslosigkeit und Aggression stauten sich an – jede Menge negative Energien, die Artistik und Aerotistik in Selbstvertrauen, Kreativität und Hoffnung umwandeln sollen.

"Zirkus ist eine besonders dynamische und experimentelle Art der darstellenden Kunst", erklärt Zmorrod weiter. "Es geht um Kreativität und Inklusion, denn jeder ist – unabhängig seiner Begabungen – gleichermaßen Teil der Gruppe."

Dieser Aspekt ist es, der Ala' besonders gefällt: "Zirkus ist so vielseitig. Jeder kann sich auf das spezialisieren, was ihm am meisten liegt." Der zwanzigjährige Accounting-Student aus Jenin trainiert seit fast sieben Jahren mit der "Palestinian Circus School". Aus Neugier hatte er damals an einem Workshop teilgenommen, der Anfängern in Jenin angeboten wurde. Heute fährt er jede Woche in das knapp zwei Autostunden südlich gelegene Birzeit, um am freitäglichen Training der "Profi-Gruppe" teilzunehmen.

Traum von der Zirkuskarriere

Die "Palestinian Circus School", die im Sommer 2006 als winzige Zirkusgruppe in Ramallah ihre Arbeit aufnahm, hat ihre Aktivitäten längst auf die gesamte Westbank ausgeweitet: In Ramallah, Hebron, Jenin, Bethlehem, in den beiden Flüchtlingslagern Al-Faraa und Jalazon sowie natürlich in Birzeit wird regelmäßig getanzt, geturnt und gespielt.

Mit 170 Schülern im Alter von zehn bis 25 Jahren hat die Schule inzwischen die Grenzen ihrer Kapazität erreicht. Trotz einer Flut weiterer Anfragen mussten Shadi Zmorrod und Jessika Devlieghere, Mitbegründerin und Co-Geschäftsführerin der Schule, "auf die Bremse drücken", wie Zmorrod es ausdrückt.

Einige Schüler der ersten Generation sind inzwischen so weit fortgeschritten, dass sie selbst zu Trainern ausgebildet wurden und die Leitung eigener Anfängergruppen übernehmen. Und manchen ist es sogar gelungen, mittels Stipendien ein Studium an einer der renommierten Zirkusschulen im Ausland anzutreten.

Nayef Abdallah beispielsweise, der in diesem Jahr sein Studium zum Zirkustrainer an der "Ecole Nationale de Cirque de Montreal" in Kanada beendet hat und nun an die "Palestinian Circus School" zurückgekehrt ist, um sein Wissen an seine eifrigen Nachfolger weiterzuvermitteln.

Auch Fadi Zmorrod und Ashtar Muallem haben ihren Traum verwirklicht und können sich nun, dank ihrer Abschlüsse an der italienischen "Scuola Di Cirko Vertigo" sowie dem französischen "Centre Nationale des Arts de Cirque", offiziell mit dem Prädikat der ersten professionellen Zirkusartisten Palästinas schmücken.

Zurzeit arbeiten die beiden gemeinsam mit den Schülern der "Palestinian Circus School" an ihrer ersten Produktion, die den Namen "B-Orders" tragen soll und in der sich Fadi und Ashtar damit auseinandersetzen, wie sich ihre eigene Identität als Palästinenser durch ihren Aufenthalt im Ausland gewandelt hat.

Eine Gruppe Mädchen der Zirkusschule üben das Jonglieren mit Reifen; Foto: Palestinian Circus School)
Auf Erfolgskurs: Die Palestinian Circus School hat ihre Aktivitäten inzwischen längst auf die gesamte Westbank ausgeweitet: In Ramallah, Hebron, Jenin, Bethlehem, in den beiden Flüchtlingslagern Al Faraa und Jalazon sowie natürlich in Birzeit wird regelmäßig getanzt, geturnt und gespielt.

Politisierte Kunst?

Alle Produktionen sind stets eng verbunden mit der persönlichen Geschichte der Artisten und somit nahe an der politischen und gesellschaftlichen Realität in den besetzten Gebieten. "Circus Behind the Wall" nennt sich die erste Show der "Palestinian Circus School", die 2006 in Palästina, Italien, Frankreich, Deutschland, Belgien und Ägypten auf Tournee ging. Sie schildert die persönlichen Alltagserfahrungen der Artisten hinter der israelischen Trennmauer.

"Oft wird uns vorgeworfen, wir würden die Kunst absichtlich politisieren. Tatsächlich ist es jedoch so, dass in Palästina nichts unpolitisch betrachtet werden kann", meint Zmorrod.

Auch vor innerpalästinensischen Konfliktthemen und Kritik an überkommenen Traditionen schrecken die Artisten nicht zurück. "La Wen" thematisiert die weitreichende gesellschaftliche Problematik der astronomisch hohen Hochzeitskosten in Palästina, während die aktuelle Produktion "Kol Saber" sich mit den schädlichen Folgen interner Machtkämpfe auseinandersetzt – ein Thema, das nicht nur in den palästinensischen Gebieten nichts an Aktualität eingebüßt hat.

In Zirkuskreisen genießt die "Palestinian Circus School" inzwischen hohes Ansehen: Regelmäßig schauen Vertreter internationaler Zirkusschulen und -verbände vorbei und veranstalten Trainingsworkshops. Oft flattern Einladungen für Auslandstourneen ins Haus. 

Der Erfolg ist natürlich erfreulich, vor allem da er die internationale Aufmerksamkeit auf die Situation der Palästinenser lenkt und mit bestehenden Stereotypen aufräumt. Doch das eigentliche Zielpublikum ist die palästinensische Gesellschaft selbst.

"Mit unseren Shows wollen wir Hoffnung in der Bevölkerung verbreiten und die Freiheit des Ausdrucks fördern", erklärt Zmorrod. Und nach einer Pause fügt er hinzu: "Vor allem aber wollen wir darauf aufmerksam machen, wie wichtig es ist die Konflikte und Grenzen innerhalb unserer eigenen Gesellschaft zu überwinden – seien sie sozialer, kultureller, politischer, religiöser oder geschlechtlicher Natur. Denn innere Stabilität ist die Voraussetzung dafür, dass wir auf lange Sicht in Frieden leben können."

Laura Overmeyer

© Qantara.de 2014

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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