Die libanesische Sängerin Tania Saleh

Beiruts Fenster nach Rio

Auch wenn die 45-Jährige Sängerin Tania Saleh das Leben einer Underground-Künstlerin nie geführt hat, den bequemen, geradlinigen Pop-Weg ist sie ebenfalls nicht gegangen. Als Jugendliche lotete sie ihre Talente in Beiruts Rockszene aus und entdeckte, wie die Mechanismen einer Band funktionieren. Von Stefan Franzen

Es sind ganz schlichte Szenen von einem morgendlichen Erwachen in der Stadt: Ein Fischer wirft die Netze aus, ein Mädchen richtet ihren Hidschab, ein älteres Paar frühstückt in der Küche, eine tätowierte Joggerin sieht sehnsüchtig einem Flugzeug nach.

"Die Fenster von Beirut" heißt der Videoclip zu einem Lied aus Tania Salehs neuem Album "A Few Images". Man lernt in diesen knapp vier Minuten eine Menge über die Stadt, mehr als es in der gleichen Zeit ein Reiseführer vermitteln könnte. Die Lyrik, die in eine empfindsame Ballade eingebettet ist, spricht in starken, poetischen Bildern von Libanons Kapitale: "Sie steht im frühen Morgen da, mit Lidschatten um ihre wunderschönen Augen, das Meer mit seiner Ebbe und Flut ist nie müde, und ganz gleich, wie alt sie wird, das Meer ist der einzige Nachbar, der sich wirklich um sie kümmert."

Man kann angesichts dieser feingliedrigen Tonkunst nicht recht verstehen, warum Tania Salehs Musik sowohl in der arabischen als auch der westlichen Welt als "Underground" klassifiziert wurde. "Das ist die alte Verwechslung von Underground und unabhängig", stellt sie im Interview klar. "Ich würde meine Musik als 'Indie Alternative Arabic' bezeichnen – ich bin unabhängig, arbeite abseits des Mainstreams und singe auf Arabisch."

Flucht vor dem Schrecken des Bürgerkriegs

"Die traditionelle arabische Musik mit ihren ständig gleichen Mustern und der Besetzung mit Oud, Qanun, Riq, Violine – das, was auf den Hochzeiten gespielt wird, das interessierte mich damals nicht. Ich begeisterte mich für

die Stimmen von Fleetwood Macs Stevie Nicks, Grace Slick, für JoniMitchell und fing auch an Jazz, zu hören", berichtet Saleh. "Musik war ein Mittel, vor dem schrecklichen Alltag des Bürgerkriegs zu fliehen, in der Musik lagen so viele glückliche Momente. Wenn wir mit den Bands die Grenzen der geteilten Stadt überquerten, merkten wir, dass die Medien nur Unsinn in unsere Köpfe stopften: Der, der auf der anderen Seite hätte mein Feind sein sollen, war eine genauso liebenswerte Person wie die Leute in meiner unmittelbaren Nähe."

Ihre Lehrjahre erweitert sie, indem sie ein Jahr auf einem Hausboot auf der Seine in Paris lebt. Vorgeprägt durch die frankophone libanesische Gesellschaft fühlt sie sich dort alles andere als fremd, lässt sich durch das Herumstreifen in den Straßen inspirieren und setzt ihre schon in Beirut begonnenen Studien der Künste fort.

Zurück in der Heimat beginnt sie, in der Werbeindustrie zu arbeiten: „Ich war immer sehr interessiert, Musik mit Visuellem zu verbinden. Und durch meine Arbeit in diesem Business habe ich gelernt, wie man für jeden Song ein Konzept kreiert, mit Farben eine Geschichte erzählt, die in einem Maximum an Leuten etwas zum Klingen bringt." Parallel beginnt sie mit dem Dramatiker Zaid Rahbany zu arbeiten und nimmt 1996 ihr erstes Soloalbum auf.

"Keine wirkliche Demokratie"

Seitdem ist sie beiden Welten, der des Ohrs und der des Auges treu geblieben. Und dieser Spagat führte zu großartigen Schöpfungen, etwa "Mreyte Ya Mreyte", ihr Titelsong für Nadine Labakis Film "Caramel", oder dem Video zu "Ya Wled", in dem sie die Gesichter bekannter Politiker durcheinander würfelt – ein Zeichen ihrer Austauschbarkeit. "Der Libanon wird regiert von einem korrupten Haufen raufender Kinder, die den Hass der religiösen Gruppierungen gegeneinander schüren und an der Macht kleben. Du kannst hier niemandem von ihnen trauen, ganz gleich aus welcher Partei, und das ist auch keine wirkliche Demokratie."
Auch wenn sie von sich selbst sagt, für Politik sei sie nicht clever genug, nimmt Tania Saleh doch kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Verwerfungen in der libanesischen Gesellschaft geht. So ist das auch auf ihrem neuen Album "A Few Images". Verpackt in neckisch-tänzerische Rhythmen ergreift sie in "Reda" Partei für eine Frau, die von ihrem Ehemann schikaniert wird – ein Pascha, der nie zufrieden ist. Durchaus ein realistisches Abbild der chauvinistischen Gesellschaft, in der sie lebt.

"Zur Gleichberechtigung ist es noch ein langer Weg, auch wenn wir in einem der fortschrittlicheren arabischen Staaten leben und zum Beispiel im Badeanzug zum Strand gehen dürfen. Wenn es um Heirat und Erbschaft geht, wird das Gesetz immer zum Vorteil des Mannes ausgelegt. Eine Frau, die geschlagen wird, hat keine Instanz, vor der sie klagen kann."

"Mein Herz muss repariert werden", klagt die Frau in "Reda", und ein großes mechanisches Herz mit Aufziehfeder ist auch auf dem Innencover der CD abgebildet.

Selbstbewusste Weiblichkeit

Tania Saleh räumt mit der männlichen Perspektive auf das Liebesleben auf, das die arabische Kultur traditionell beherrscht hat. Den süßen, schmachtenden Liedern von unerfüllter Liebe setzt sie selbstbewusste Weiblichkeit entgegen. In "She Doesn't Love You" gibt sie dem Poeten Mahmoud Darwiche gar Gelegenheit, in die Haut einer Frau zu schlüpfen und ein Tabu zu brechen. Denn die Frau bestimmtim Text, ob sie denn nun den Mann lieben möchte oder nicht, oder vielleicht nur einen Teilaspekt an ihm.

Die ganz besondere Farbe erhält ihres neuen Albums durch die Bossa Nova-Färbungen, die etliche Stücke durchzieht. Man hat das in dieser eleganten Verbindung bislang selten so gehört, auch wenn Tania Saleh hier keine Pionierin ist: die mit Fairuz arbeitenden Rahbani-Brüder oder der Ägypter Abdel Wahhab haben bereits in früheren Jahrzehnten mit Latin-Farben in der arabischen Musik experimentiert.

"In keinem Land der Welt leben mehr Libanesen als in Brasilien – dreimal mehr als im Libanon selbst", so Saleh, die Bossa Nova wegen ihrer ausgefeilten Harmonien liebt. "Ich möchte mit diesem Album auch den brasilianischen Markt austesten, denn ich stelle mir vor, dass die Libanesen dort sich mit Nostalgie ihrer Heimat erinnern, wenn sie zu einer Bossa-Melodie meine Songs auf Arabisch mitsingen können!"

Stefan Franzen

© Qantara.de 2015

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.