Die Jüdin Hedwig Klein und "Mein Kampf"

Die Arabistin, die niemand kennt

Hedwig Klein arbeitet in der Nazi-Zeit an einem Wörterbuch, mit dessen Hilfe Hitlers Schmähschrift ins Arabische übersetzt werden soll. Geholfen hat es der Arabistin nicht: Klein wird 1942 in Auschwitz ermordet. Das Wörterbuch aber ist bis heute ein Renner – ohne Verweis auf das Schicksal Kleins. Von Stefan Buchen

"Allah wird schon helfen." So drückt die damals 27-jährige Hamburgerin Hedwig Klein ihre Zuversicht aus. Sie ist Islamwissenschaftlerin und hat eigentlich an der Hamburger Universität Karriere machen wollen. Dem steht jedoch ein unüberwindliches Hindernis entgegen: Hedwig Klein ist Jüdin. Vom Dampfer "Rauenfels" schreibt sie eine Briefkarte zurück nach Hamburg an ihren Fluchthelfer Carl August Rathjens.

"Ich fühle mich bei dem schönen Wetter sehr wohl an Bord und mache mir im Augenblick keine Sorgen um die Zukunft." Die Briefkarte ist vom 21. August 1939. Vor zwei Tagen hat das Schiff Hamburg verlassen. Zielhafen: Bombay, Indien. Rathjens, ein Wirtschaftsgeograph mit Kontakten in vielen Ländern, hat der verfolgten Jüdin ein Visum für die britische Kronkolonie besorgt.

Die Rettung scheint nahe und bleibt doch trügerisch. Hedwig Kleins Versuch der Emigration misslingt. Die letzte Hoffnung der Hamburger Jüdin sollte schließlich daran hängen, bei der Verbreitung des Antisemitismus in der Arabischen Welt behilflich sein zu dürfen. Am Ende arbeitete sie an einem Wörterbuch mit, das als Grundlage für die Übersetzung von "Mein Kampf" ins Arabische dienen sollte.

Hedwig Klein wurde 1911 als zweite Tochter des Ölgroßhändlers Abraham Wolf Klein und seiner Frau Recha geboren. Als Kind von nicht einmal fünf Jahren verlor sie ihren Vater. Er fiel im Ersten Weltkrieg im Frühsommer 1916 an der Ostfront.

Wettlauf mit der Zeit

Die Halbwaise Hedwig Klein ging in Hamburg zur Schule, legte 1931 die Reifeprüfung ab und schrieb sich an der Universität in den Fächern Islamwissenschaft, Semitistik und englische Philologie ein. Ihre Studentenkarte ist erhalten. Darauf gibt sie als Berufsziel "wissenschaftl. Bibliotheksdienst" an.

Kleins Studium gerät zum Wettlauf mit der sich verschärfenden Ausgrenzung der Juden im seit 1933 nationalsozialistischen Deutschland.

Die Jüdin Hedwig Klein; Foto: privat
Hedwig Klein wurde 1911 als zweite Tochter des Ölgroßhändlers Abraham Wolf Klein und seiner Frau Recha geboren. Als Kind von nicht einmal fünf Jahren verlor sie ihren Vater. Sie ging in Hamburg zur Schule, legte 1931 die Reifeprüfung ab und schrieb sich an der Universität in den Fächern Islamwissenschaft, Semitistik und englische Philologie ein.

Im Frühjahr 1937 ist ihre Doktorarbeit fertig: die kritische Edition einer arabischen Handschrift über die islamische Frühgeschichte. Hedwig Klein beantragt die Zulassung zur Promotion. Mündlich wird ihr im Geschäftszimmer der Philosophischen Fakultät mitgeteilt, dass aufgrund eines Erlasses des Reichsministers für Erziehung und Volksbildung vom15.4.1937 Juden ab sofort nicht mehr zur Doktorprüfung zugelassen seien.

Hedwig Klein kämpft. Am 3.5.1937 richtet sie einen Brief an den Dekan, der mit den Worten beginnt: "Ich, Hedwig Klein, Jüdin deutscher Staatsangehörigkeit…" Sie erläutert, wieviel Mühe sie in ihre Arbeit gesteckt habe. Außerdem erwähnt sie, dass ihr Vater im Kampf für das Deutsche Reich gefallen sei.

Der Antrag schließt mit dem Satz: "Da der Ausschluss von der Doktorprüfung eine große Härte für mich bedeuten würde, bitte ich nochmals aus den angeführten Gründen um Zulassung." Tatsächlich lässt sich die Leitung der Universität überzeugen: auf der Zulassungsbescheinigung wird unter dem Namen Hedwig Klein angemerkt: "Jüdin, ausnahmsweise zugelassen."

Die beiden Gutachter bewerten die Doktorarbeit mit der Bestnote "ausgezeichnet". Dieses Ergebnis erzielt sie auch in der mündlichen Prüfung am 18.12.1937. Ihr Betreuer Arthur Schaade bescheinigt der jungen Wissenschaftlerin ein "Maß an Fleiß und Scharfsinn, das man manchem älteren Arabisten wünschen möchte."

"Doktorbrief nicht erteilt, da Jüdin"

1938 soll die Arbeit dann gedruckt werden. Die Promotionsurkunde ist schon aufgesetzt. Da zieht der Dekan der Philosophischen Fakultät sein "Imprimatur" zurück. Er hatte bei einem Hamburger "Oberregierungsrat" und beim Reichsministerium nachgefragt, ob denn eine Jüdin noch die Doktorwürde erhalten könne. Schließlich sei "das Judenproblem in Deutschland in ein neues Stadium getreten".

In der Pogromnacht des 9.11.1938 wird die gleich neben der Hamburger Universität gelegene Synagoge verwüstet. Auf dem Deckblatt der Promotionsakte von Hedwig Klein wird nun handschriftlich vermerkt: "Doktorbrief nicht erteilt, da Jüdin".

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