Die Geschichte der 'Dhee'

Bangladeschs erste lesbische Comic-Heldin

Diskriminierung und Anfeindungen: Alltag für Schwule und Lesben in Bangladesch. Viele schweigen, führen ein Doppelleben, aus Angst. Andere wollen auf Probleme aufmerksam machen - und lassen eine Comic-Figur sprechen. Informationen von Esther Felden

'Dhee' ist Ende Zwanzig. Sie ist eine typische junge Frau aus der Mittelschicht, wohnt in einer Vorstadt. Trotzdem ist 'Dhee' anders. Sie hat Schmetterlinge im Bauch, ist verliebt – aber nicht in einen Mann, sondern in eine Frau. Und das ist das Problem in ihrem Lebensumfeld. Denn 'Dhee' lebt nicht in San Francisco, Amsterdam oder Berlin. Sondern in Bangladesch, einem streng konservativen und tief religiös geprägten Land. Einem Land, in dem über 90 Prozent der Bürger Muslime sind und in dem Homosexualität verboten und offiziell strafbar ist – auch wenn sie juristisch bislang nicht verfolgt wird.

Die Geschichte von 'Dhee' ist erfunden, sie ist ein Comic, herausgegeben von den "Boys of Bangladesh". Die Gruppe gründete sich 2002 und engagiert sich seitdem gegen Diskriminierung: gegen Schwule, aber auch gegen Lesben, Bisexuelle und Transsexuelle. Jeder sollte sich frei entscheiden können, wen er liebt – das ist die Überzeugung der Aktivisten. Ohne Angst haben zu müssen, aufgrund der eigenen sexuellen Orientierung in ständiger Angst leben zu müssen.

Mit "Weisheit" gegen Intoleranz

Genau das aber sei nach wie vor die Realität, erzählt Ms. Khan. Sie ist eine der vier geistigen "Mütter" von 'Dhee'. Sie hatte den Mut, mit einer solchen Comic-Idee an die Öffentlichkeit zu gehen. Ihren vollen Namen möchte sie aber trotzdem nicht nennen. Das ist sicherer, sagt sie, und erzählt aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis. "Ich kenne Menschen, die wegen ihrer sexuellen Identität ihren Job verloren haben, nicht zur Armee gehen durften, den Zugang zu medizinischer Versorgung verwehrt bekamen." Auch sie selbst habe jeden Tag mit Diskriminierung zu kämpfen. "In meinem Fall noch nicht einmal aufgrund der Sexualität. Sondern einfach deshalb, weil ich eine Frau bin, die in Bangladesch lebt."

Die Handlung des Comics wird in Einzelgeschichten erzählt - und auf Karten gedruckt; Foto: Boys of Bangladesh
Das Anliegen des 'Dhee'-Comics ist breit gefasst: Es geht nicht nur um die Diskriminierung von Schwulen und Lesben, sondern ganz allgemein um Toleranz, um Offenheit, um Nächstenliebe - die Handlung des Comic-Bandes wurde in Einzelgeschichten erzählt - und auf Karten gedruckt.

Deshalb ist das Anliegen des 'Dhee'-Comics auch breiter gefasst: Es geht nicht nur um die Diskriminierung von Schwulen und Lesben, sondern ganz allgemein um Toleranz, um Offenheit, um Nächstenliebe. Nicht zufällig ist deshalb auch die Wahl des Namens der Titelheldin. "Das Wort 'Dhee' bedeutet übersetzt ‚Weisheit‘. Wir haben diesen Namen gewählt, weil wir die Bevölkerung aufklären und sensibilisieren wollen", erklärt Ms. Khan. Grundlegende Fragen wollen die Autoren aufwerfen: Was bedeutet es, als homosexueller Mensch in einem Land wie Bangladesch zu leben? Welche Vielfalt gibt es in Bezug auf die sexuelle Orientierung? Wie kann man allgemein die Frauen in Bangladesch stärken?

 

Vor allem geht es um die Fragen, die einen Menschen an "Dhees" Stelle beschäftigen: Sie hat Angst, nicht zu gefallen, den Erwartungen ihres Umfelds nicht genügen zu können. Sie fragt den Leser, ob sie lieber einen Mann heiraten soll, nur um ihre Familie zufrieden zu stellen. Ob eine Flucht aus Bangladesch der richtige Ausweg wäre – oder gar der Selbstmord? Oder ob es einfach das Richtige wäre, zu bleiben und den Mut zu haben, dem eigenen Herzen zu folgen.

 

Viel Resonanz – positive und negative

Etwas mehr als 4000 Exemplare hat die Erstauflage von 'Dhee'. Der Comic ist kein zusammenhängendes Buch, sondern auf einzelnen Karten gedruckt. Ein Kartenset umfasst zehn Karten, auf der Vorderseite ist jeweils eine kurze Comic-Geschichte, auf der Rückseite begleitende Informationen zum Thema. Kaufen kann man 'Dhee' aber nicht. Der Comic liegt bei insgesamt 15 von den "Boys of Bangladesh" organisierten "Project Dhee"-Events aus, die überall in Bangladesch stattfinden. Bei dieser landesweiten Kampagne können sich Teilnehmer die Karten mitnehmen und sie dann unter Bekannten verteilen, so die Vorstellung von Ms. Khan.

Fundraising-Künstler-Performance zur Förderung des "Dhee"-Projektes; Foto: AFP/Getty Images/M. Uz Zaman
Feierlicher Auftakt: Auch Tänzer traten anlässlich der Präsentation des "Dhee"-Comic-Porjektes in Dhaka auf.

"Wir hätten niemals damit gerechnet, dass wir mit dieser Sache so viel Aufmerksamkeit erregen würden. Dass auch die ausländische Presse darüber berichtet. Wir dachten, es spricht sich vielleicht in bestimmten Kreisen und regional herum. Aber das, was wir an Aufmerksamkeit erregt und an Feedback bekommen haben, ist einfach unglaublich. Darüber sind wir sehr froh."

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Auch wenn die Reaktionen gemischt waren. "Wir haben viel Anerkennung und Lob bekommen. Aber auf der anderen Seite gab es auch massive Kritik, Hass-Mails und sogar Drohungen", berichtet sie. "Über Sexualität zu sprechen, ist ein Tabubruch in Bangladesch. Und eine Menge Leute fühlen sich unwohl damit, Homosexualität offen zu thematisieren. Das verletzt bei einigen auch religiöse Gefühle."Dass Homosexualität noch lange kein Thema wie andere ist, das zeigte sich auch bei der Präsentation des Comics.

Am vorletzten Wochenende wurde 'Dhee' offiziell vorgestellt. Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen in der britischen Botschaft in Dhaka, aus Angst vor Protesten von konservativen Hardlinern. "Wir hoffen, dass so ein Ereignis künftig draußen in der Öffentlichkeit stattfinden kann", sagte der in Bangladesch bekannte Aktivist Khushi Kabir nach der Veranstaltung gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. "Wir wollen unser Leben nicht drinnen und im Verborgenen führen."

Die Geschichte von 'Dhee' soll ein Schritt sein auf dem Weg dorthin, sagt Ms. Khan. Sie soll Ängste nehmen. "Wir wollen den Menschen zeigen, dass ihre Angst vor Homosexualität unbegründet ist. Und dass viele Vorurteile haltlos sind." 'Dhee' solle Licht bringen in die Dunkelheit. Die Dunkelheit in den Köpfen.

Esther Felden

© Deutsche Welle 2015

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