Die Fotografin Charlotte Schmitz

Zwischen Dokumentation und Aktivismus

Charlotte Schmitz zählt zu den bedeutendsten Nachwuchsfotografinnen unserer Zeit. Sie bringt Flüchtlinge, Erdoğan-Anhänger und Prostituierte vor die Kamera. Dafür reist sie um die Welt und lässt ihre Protagonisten ihre Bilder mitgestalten. Ceyda Nurtsch hat sie getroffen.

In blauem Kimono wirbelt Charlotte Schmitz an diesem Berliner Morgen bei Minusgraden durch ihr Atelier. Gerade hatte sie eine Ausstellung in den USA, schon ist sie wieder auf dem Sprung. Nach Dubai. Ein schnelles Leben zwischen Dokumentation und Aktivismus, angetrieben von unvoreingenommene Neugier.

Charlotte Schmitz fotografiert Menschen, die sich für sie in Szene setzen, denen etwas Verspieltes und zugleich Sexualisiertes anlastet. Das Time Magazine lobt sie für ihren "sehr persönlichen Ansatz und ihren Mut, mit neuen Bildsprachen zu experimentieren und traditionelle dokumentarische Perspektiven herauszufordern" und listet sie unter die 34 bedeutendsten Fotografinnen unserer Zeit.

Wirklich lange ist sie noch nie an einem Ort geblieben. 1988 in Köln geboren, ziehen die Eltern schließlich ins Flensburger Umland als sie sechs Jahre alt ist. Sie besucht dort die dänische Schule und wird in der dänischen Minderheit sozialisiert. Die aufgeschlossene Tochter soll Zugang zu mehr als einer Welt haben.

Zur Fotografie an den Bosporus

Die Fotografin Charlotte Schmitz; Quelle: charlotteschmitz.com
Charlotte Schmitz fotografiert Menschen, die sich für sie in Szene setzen, denen etwas Verspieltes und zugleich Sexualisiertes anlastet. Das "Time Magazine" lobt sie für ihren "sehr persönlichen Ansatz und ihren Mut, mit neuen Bildsprachen zu experimentieren und traditionelle dokumentarische Perspektiven herauszufordern" und listet sie unter die 34 bedeutendsten Fotografinnen unserer Zeit.

Noch während ihrer Schulzeit geht sie für ein Jahr nach Ecuador, nach dem Abitur zieht sie nach Paris. Sie will im deutsch-französischen Studiengang Politik studieren, etwas verändern. Mit der ersten Kamera, die sie sich kauft, kommt alles anders. Die "super akademische Karriere", wie sie sagt, ist vorerst auf Eis gelegt. Sie studiert Fotojournalismus und Dokumentarfotografie in Hamburg.

2014 zieht es sie nach Istanbul – nach Balat, eines der historischen jüdischen Viertel Istanbuls auf der europäischen Seite am Westufer des Goldenen Horns. Über die mit Kopfsteinen bepflasterten steilen Gassen sind Wäscheleinen gespannt. Einst lebten hier auch Armenier und Griechen, später siedelten sich ärmere Einwanderer aus Anatolien, Roma und Kurden an. Heute haben Designer, Künstlern und Kreative das konservative Viertel für sich entdeckt.

Charlotte Schmitz will wissen, was sich hinter den Vorhängen ihrer Nachbarschaft verbirgt und lernt die Welt der Frauen kennen. Ihre Reihe "Ich bin schön, so schön" (Çok güzelim, çok güzel) zeigt die mädchenhafte künstliche Frauenwelt, eine pinke Blase, der etwas sexuell Abgründiges anlastet.

Die Fotografin ist dabei keine stille Beobachterin, die Bilder entstehen in Interaktion. Freundschaft und Profession fließen ineinander. "Es gibt immer einen Austausch zwischen dem Fotografen und den Menschen, die er fotografiert. Man bringt auch immer etwas in das "Leben der Anderen", beschreibt sie den Prozess ihrer Arbeit.

"How much do you love Erdoğan?"

Durch diese Frauen habe sie ihr Leben, ihre Träume und den gesellschaftlichen Konflikt in der Türkei erst richtig verstanden, erzählt sie. Kurz nach dem Putschversuch im Juni 2016 entwickelt sie ihre Reihe "How much do you love Erdoğan?"

In dieser Zeit flüchten tausende von Menschen über die Türkei nach Europa. Sie lernt einige von ihnen kennen, hilft ihnen, begleitet sie über Whatsapp. Dann macht sie sich selber auf die Reise, um sie zu fotografieren.

Rund 200 Fotos macht sie in dieser Zeit. An der türkisch-mazedonischen Grenze, in Lesbos, an der türkisch-syrischen Grenze bei Antakya, in Istanbul und Izmir. Sie fotografiert Frauen, Männer, Kinder, Gräber. Es entsteht "Take me to jermany".

Die Fotografierten schreiben ihre Bildunterschriften selbst. "Die Liebe zu meinem Sohn rettete mir das Leben. Ich habe ihn vor dem Tod in Syrien bewahrt" steht da. Oder: "Ich rauche jetzt. Schuld ist Lageso".

Persönliche Handschrift der Notleidenden

Dass die Menschen mit ihren eigenen Worten, ihrer eigenen Schrift und Sprache ihre Gedanken auf das Bild schreiben, mache die humanitäre Krise persönlicher. "Es war mir wichtig, dass die Menschen selbst zu Wort kommen, weil das einen anderen Einblick in den Moment geben kann", sagt sie. Und wie reagieren die Menschen auf sie? "Ich glaube, wenn man sich auf gleicher Augenhöhe bewegt und einfach interessiert am Menschen ist, dann begegnet man selten jemandem, der nicht offen ist."

Bild von Charlotte Schmitz aus der Reihe "Ich bin schön, so schön" (Çok güzelim, çok güzel); Foto: Charlotte Schmitz
Blick hinter die Vorhänge der Nachbarinnen: In der Reihe "Ich bin schön, so schön" (Çok güzelim, çok güzel) zeigt Charlotte Schmitz eine mädchenhafte künstliche Frauenwelt - eine pinke Blase, der etwas sexuell Abgründiges anlastet.

Nach Istanbul ist ihr nächster Halt Berlin. Hier treffen sie und ihre Kollegin Johanna Maria Fritz geflüchtete Männer, die in Kontakt mit Heroin gekommen sind und sich im Tierpark prostituieren, um das Geld dafür zu beschaffen. Im Herzen der Bundeshauptstadt, nicht weit entfernt vom Regierungssitz.

Die beiden Fotografinnen verbringen Tage mit ihnen, kommen ins Gespräch, helfen bei der Bewältigung bürokratischer Behördenangelegenheiten, finden Unterkünfte oder Deutschkurse für sie. Dann machen sie Fotos. Es entsteht die Bildreihe "Garden of lost dreams": Es sind anonyme Bilder, in denen sich die Männer hinter der Natur des Tiergartens verstecken, aus der sie herausstechen. "Ich fotografiere generell gar nicht viel", sagt Schmitz. "Vor allem verbringe ich viel Zeit mit den Menschen. Man hängt einfach zusammen ab. Und dann macht man mal ein Bild."

Dokumentation und Kunst in einem

Charlotte Schmitz ist ein Fan der analogen Sofortbildfotografie. Damit trifft sie den ästhetischen Nerv unserer Zeit, in der die Instagram-Generation den Polaroid-Look wieder zum Leben erweckt hat. Außerdem ist sie transparenter. Es entstehen Bilder, die eigentlich mehr zum Verschenken als zum Behalten sind. Das weckt Vertrauen.

Noch immer arbeiten die beiden Frauen daran, Hilfsorganisationen miteinander zu vernetzen und Paten für die Männer zu finden. "Wenn ich hier meine Rolle als Fotografin nutzen kann, mache ich das", sagt sie. Ihre Fotos von den Männern verbreitet sie nur ganz gezielt.

Seit Kurzem ist Charlotte Schmitz Mitglied der in Istanbul ansässigen Agentur Agence Le Journal, gegründet von ihrem Kollegen, dem Magnum-Fotografen Emin Özmen. Wie alle Fotografen, die sich auch als Aktivisten verstehen, fühlt auch sie sich mit den Menschen, die sie fotografiert, verbunden und entwickelt Strategien, um die politische Sphäre zu visualisieren. Dokumentation und Kunst fließen ineinander. Von der dynamischen Frau mit der Kamera ist noch viel zu erwarten.

Ceyda Nurtsch

© Qantara.de 2018

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