Die Deutsch-Türkische Buchhandlung in Istanbul

Goethe am Bosporus

Die Deutsch-Türkische Buchhandlung in Istanbul ist zu einer Institution für Literatur in deutscher Sprache geworden. Seit über 60 Jahren eröffnet sie Interessierten den Blick in die deutsche Literaturwelt. Ceyda Nurtsch über einen Buchladen, der trotz des rasanten Wandels der Metropole seine Identität bewahren konnte.

Erst einmal tief Luft holen. Der kühle Geruch von frisch bedrucktem Papier, Café, Kuchen und Brot umhüllt den Besucher beim Betreten der Buchhandlung. Vor ihm erstreckt sich ein langgezogener Raum, die Wände aus rotem Backstein, davor Regale voller Bücher, eine Auslage in der Mitte. Am Ende des Raums führt eine Holztreppe in den zweiten Stock – in ein Café, das mit exotischen Kaffeesorten wirbt und, im Zuge der neuen Kaffeehauskultur, das Gefühl von Heimeligkeit in einer globalen Welt vermittelt.

Die Buchhandlung befindet sich am Ende der belebten Einkaufsmeile İstiklal Caddesi, der einstigen Grande Rue de Péra im Stadteil Beyoğlu, zwischen Bibelbuchhandlung und Schwedischem Generalkonsulat und etwa 200 Meter von der Deutschen Schule entfernt, die seit 1894 deutschsprachige und türkische Schüler unterrichtet. 2012 erlangte sie einige Bekanntheit, als Fatih Akin einige Szenen seines Films "Auf der anderen Seite" in der nachgestellten Kulisse der Deutsch-Türkischen Buchhandlung drehte. Ihr Inhaber ist Thomas Mühlbauer.

"Wer Bücher liest, schaut in die Welt"

"Wer Bücher liest, schaut in die Welt, und nicht nur bis zum Zaune", steht an einer der Wände im Eingangsbereich. Goethe ist nicht nur das Aushängeschild deutscher Kultur im Ausland, seine Worte sind in dieser Buchhandlung auch Programm. Denn seit über 60 Jahren hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, Deutschen und Deutsch-Interessierten am Bosporus den Blick in die deutsche Literaturwelt zu ermöglichen.

Die Deutsch-Türkische Buchhandlung in Istanbul; Quelle: Kitabevi Café
Eine Institution für deutschsprachige Literatur und eine Oase der Stille im städtischen Chaos: Auch heute trotzt die Deutsch-Türkische Buchhandlung im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu dem rasanten urbanen Wandel und der zunehmenden Gentrifizierung, der besonders kleine Boutiquen und Programmkinos bereits zum Opfer gefallen sind.

Die Anfänge der Buchhandlung eignen sich als historischer Stoff für jene Romane und Filme, in denen das Schicksal eines Europäers in den Wirren des Zweiten Weltkriegs eine dramatische Wendung nimmt und er sich am Ende im exotischen Orient wiederfindet. Doch das Leben schreibt bekanntlich meist die besten Geschichten. In Europa tobt der Zweite Weltkrieg. Franz Mühlbauer, ein Jugendlicher aus dem österreichischen Graz, wird, wie damals so viele junge Männer, als Soldat eingezogen und gerät in russische Kriegsgefangenschaft. Er überlebt und beschließt nach Kriegsende, sein Pioniergeist ungebrochen, auszuwandern. Nach Persien. Doch soweit wird er nie kommen, denn auf seinem Weg bleibt er in Istanbul hängen. Es ist Liebe auf den ersten Blick, hier will er sich niederlassen. Doch was tun als Nichtmuttersprachler in einer fremden Millionenmetropole?

Die Türkei hat sich bis zuletzt erfolgreich aus diesem Weltkrieg heraushalten können, und Istanbul ist noch immer Wohnort und Sammelplatz für Generationen von Christen und Juden, alteingesessenen Levantinern und ausländischen Diplomaten. Diese internationale Atmosphäre weiß Franz Mühlbauer zu schätzen und beschließt, eine Buchhandlung zu eröffnen, vor allem mit Lehrbüchern für Deutsch. Hauptabnehmer waren damals vor allem deutsche und türkische Schüler der deutschsprachigen Schulen der Stadt. "Zu jener Zeit gab es noch zwei weitere Buchläden, die deutsche Bücher verkauften", erzählt der Sohn Thomas. "Aber die gibt es heute beide nicht mehr."

Franz schaltet damals eine Anzeige über das Goethe-Institut: "Mitarbeiterin gesucht", worauf sich Marlene meldet, eine Rheinländerin. Die beiden heiraten und bekommen drei Kinder. Als die Ehe auseinandergeht, zieht Marlene mit den Kindern nach Deutschland. Franz betreibt weiter seine Buchhandlung. Erst als er 1991 im Alter von 62 Jahren stirbt, kehren die Söhne zurück und treten die Nachfolge des Vaters an. Heute leitet Thomas Mühlbauer den Laden in der zweiten Generation. Er ist mittlerweile mit einer Amerikanerin verheiratet, Vater einer Tochter, und parliert in fließendem Türkisch. Mühlbauer ist einer der vielen kosmopolitischen Istanbuler, wie sie typisch sind für diese Stadt auf zwei Kontinenten.

Eine Institution für deutschsprachige Literatur

Mittlerweile ist "dieser Mühlbauer" zu einer Institution geworden. Sein Geschäft handelt insbesondere mit Literatur mit Schwerpunkt Deutsch als Fremdsprache sowie mit Schulbüchern. "Doch wir führen Titel aller Art", erklärt Thomas Mühlbauer. "Falls bestimmte Werke nicht vorhanden sind, können wir alle Lieferbaren bestellen."

Die Deutsch-Türkische Buchhandlung in Istanbul; Quelle: Kitabevi Café
Drehscheibe für Kulturschaffende und Literaturbegeisterte: In den neuen Räumlichkeiten der Deutsch-Türkischen Buchhandlung finden heute Lesungen, Autogrammstunden und Filmvorführungen statt. Die Buchhandlung ist mehr denn je ein beliebter Treffpunkt für Kultur- und Kaffeeliebhaber sowie Anlaufstelle für deutsche Touristen, Studenten und Auswanderer.

Ein weiteres Hauptaugenmerk liegt auf Buchtiteln mit Türkeibezug sowie auf Werken türkischer Autoren, die ins Deutsche übersetzt wurden. Dass die Buchhandlung mit dem Puls der Zeit geht, manifestiert sich auch in der Auslage: Hier finden sich Bücher, die in Deutschland auf den Bestsellerlisten zu finden waren und sind, wie etwa Darm mit Charme der Science-Slammerin Giulia Enders, historische Abhandlungen wie Mitternacht im Pera-Palast des amerikanischen Politologen Charles King oder türkische Literatur in deutscher Übersetzung wie Orhan Pamuks zuletzt ins Deutsche übersetzter Roman Diese Fremdheit in mir.

Mit ihrer Lage an einer der Hauptschlagadern der Stadt ist die Buchhandlung seit ihrem Bestehen Zeitzeugin radikaler Veränderungen. Angefangen bei den Pogromen im Eröffnungsjahr des Buchgeschäfts 1955, als ein randalierender Mob sämtliche Läden griechisch-stämmiger Istanbuler brandschatzte und in der Folge Panzer in der Einkaufs- und Vergnügungsmeile auffuhren, bis hin zur allmählichen Aufwertung Beyoğlus in den 1990er Jahren, nachdem das Viertel in den vorangegangenen Jahrzehnten seinen einstigen Glanz verloren hatte und durch verfallende Häuser, Kriminalität und Schmuddelkinos von sich reden machte. Und auch heute trotzt die Deutsch-Türkische Buchhandlung den gewaltigen urbanen Veränderungen im Rahmen der voranschreitenden Gentrifizierung, der besonders kleine Boutiquen und Programmkinos bereits zum Opfer gefallen sind und an deren Stelle nun Gastronomieketten und Shoppingmalls stehen.

Eine Oase der Stille im städtischen Chaos

Den Betreibern der Deutsch-Türkischen Buchhandlung ist es gelungen, sich den Ruf als stille Oase in einem vom rasanten Wandel erfassten Viertel zu bewahren. "Im Herbst 2015 sind wir im neuen Glanz als Buch-Kaffeehaus erstanden", erklärt Thomas Mühlbauer den jüngsten Umbau der beliebten Deutsch-Türkischen Buchhandlung. "Dadurch reduziert sich das Kundenpotenzial nicht mehr nur auf Personen, die auf der Suche nach deutschsprachiger Literatur sind."

In den neuen Räumlichkeiten finden Lesungen, Autogrammstunden und Filmvorführungen statt. Die Buchhandlung ist mehr denn je Sammelpunkt für Kultur- und Kaffeeliebhaber sowie Anlaufstelle für deutsche Touristen, Studenten und Auswanderer, die sich zwischen Reiseführern, Wörterbüchern und Klassikern über Wohnungen, Jobs, Lerngruppen und Kinderbetreuung austauschen können.

Neben ihrem literarischen Angebot, ihrer wechselvollen Geschichte und ihrem Ambiente überzeugt die Buchhandlung auch wegen ihrer großzügigen Öffnungszeiten: Unter der Woche hat sie bis 23 Uhr geöffnet, am Wochenende sogar bis 24 Uhr. Und was bietet sich mehr an, als einen hektischen Istanbul-Tag in Ruhe bei einer Tasse Kaffee und einem Buch ausklingen zu lassen?

Ceyda Nurtsch

© Qantara.de 2016

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Leserkommentare zum Artikel: Goethe am Bosporus

Hier ist auch das wenig bekannt, aber sehr interessante, zweisprachige Buch "Daheim in Konstantinopel" (Pagma Verlag) über deutsche Immigranten im 19./20. Jahrhundert zu finden.

Gerard Lescapde08.04.2016 | 18:57 Uhr