"Diamantenstaub" von Ahmed Mourad

Ein düsterer Politkrimi aus Ägypten

Der neue Roman des ägyptischen Autors Ahmed Mourad wirft die Frage auf, ob das Böse der unumgängliche Weg zum Guten ist und wie viel Gewalt für den Kampf gegen die Bestechlichen und die Skrupellosen nötig ist. Von Sonja Hegasy

Auch in Ägypten gibt es "saucoole" Kommissare mit unorthodoxen Ermittlungsmethoden, deren beste Freunde im Rotlichtmilieu zu Hause sind, und die ihren Widersacher schon mal mit einer Beförderung nach Oberägypten aus dem Weg räumen.

Aber mit dem gewissen Etwas: Immer wenn Walid Sultan am Polizeirevier ankam, sprang er aus dem Auto, erwiderte den Gruß der Spalier stehenden Untergebenen mit einem flüchtigem Wink und ging in sein Büro, "wo ein Rekrut fünf Minuten zuvor, als er gehört hatte, der Pascha sei unterwegs, ein Raumdeo versprüht hatte." – Raumdeo?? Wir wissen nicht, was Inspektor Columbo dazu gesagt hätte, aber...

Dass in der ägyptischen Literatur in den Jahren vor dem Sturz Mubaraks 2011 Umsturzszenarien brodelten, das wissen deutsche Leser heute. Sei es Khaled al-Chammissis Im Taxi, Ich wollt', ich würd' Ägypter und Der Jakubijan-Bau von Alaa al-Aswani oder Cairo Swan Song von Mekkawi Said - sie alle werden an erster Stelle unter dem Gesichtspunkt gelesen, dass die Literatur Vorbote radikaler gesellschaftlicher Umbrüche sein kann, und dass Schriftsteller die inneren Erschütterungen und den Zerfall früher in Worten fassen können als andere – beispielweise Wissenschaftler.

Mit einigem Erstaunen wird diese Literatur seitdem zunehmend im Westen entdeckt. Nicht immer ist sie von hoher literarischer Qualität. Aber inzwischen gibt es glücklicherweise die Möglichkeit, auch die Highlights der modernen ägyptischen Literatur in sehr guten deutschen Übersetzungen zu lesen.

(Un-)Sittenbild Ägyptens

Polizeieinsatz gegen Frauen auf dem Tahrir-Platz im Dezember 2011; Foto: Reuters
Wie viel Deklassierung kann ein Mensch aushalten und was passiert, wenn er sich selbst zum Rächer aufschwingt? Ahmed Mourads Roman studiert akribisch die Stimmung in Ägypten kurz vor dem Arabischen Frühling.

Obwohl Ahmed Mourads Roman Diamantenstaub, der sechs Monate vor dem Sturz Mubaraks auf Arabisch veröffentlicht wurde, mindestens genauso viel zum Verfall der ägyptische Gesellschaft zu sagen hat, wird er hier einmal nicht aus diesem Blickwinkel gelesen. Die besondere Spannung liegt in der Beschreibung der düsteren Atmosphäre zwischen Vater, Sohn und den Aussätzigen vor ihrer Haustür. Das Vergnügliche sind die deftigen Beschreibungen gepaart mit der ägyptischen Leichtigkeit des Seins. Nichts ist unmöglich im Land am Nil.

Das Geschehen spielt sich auf kleinem Raum ab. Die wesentlichen Handlungsorte sind die Wohnung des an den Rollstuhl gefesselten Tatverdächtigen und seines Sohnes Taha, die gegenüberliegende Villa des legendären Millionärs Machrus Bergas und die Apotheke, in der sich der studierte Pharmazeut Taha nachts ein Zubrot verdient. Tagsüber klappert er als Pharmavertreter die umliegenden Praxen ab.

Taha ist der klassische Antiheld, dessen Beruf ihm hauptsächlich Kriminelle in die Arme treibt (egal ob Arzt oder Fixer), und dem beim Anblick seiner schönen Nachbarin Sara – die ihm einmal das Leben rettet - die Stimme und leider auch der Verstand versagen. Haschisch und Tramadol tun ihr Übriges. Sara ist Journalistin, Bloggerin und Demonstrantin. In seiner Freizeit spielt Taha Schlagzeug, was Sara – zunächst - jedoch nicht sonderlich beeindruckt. Tahas Mutter hat Vater und Sohn verlassen – aus Gründen, die sich im Laufe des Romans klären.

Es ist genau diese Darstellung der fünf zentralen Personen in ihrem kleinen Kosmos im Kairoer Stadtteil Dokki, die Mourads Buch zu einem spannenden Drama über das Ägypten von gestern und heute macht. Am Ende kommt es, wie es kommen muss – nichts ist, wie vermutet. Der perfekte Mord scheint auf jeden Fall möglich zu sein. Fans haben ein animiertes Filmposter ins Netz gestellt.

Böses für das Gute

Ahmed Mourad; Foto: Ahmed Mourad
Ahmed Mourad war seinem vorherigen Leben der persönliche Fotograf von Husni Mubarak.

Ahmed Mourad begann seine Arbeiten zu diesem Roman mit einer Recherche über Giftmorde. Diamantenstaub soll die "Königin der Gifte" sein. Mourad umkreist in diesem Roman die Frage, ob das Böse der unumgängliche Weg zum Guten ist, wie viel Gewalt für den Kampf gegen die Bestechlichen und die Skrupellosen nötig ist und was diese Gewalt mit dem Einzelnen macht. Wie viel Deklassierung kann ein Mensch aushalten und was passiert, wenn er sich selbst zum Rächer aufschwingt? Nebenbei erfährt der Leser viel über die populäre Kultur Ägyptens vom Militärputsch der Freien Offiziere 1952 bis heute.

Dies ist Mourads erster Roman, der auf Deutsch erscheint, obwohl sein 2007 erschienener Roman Vertigo in Ägypten deutlich erfolgreicher war und 2012 als Fernsehserie verfilmt wurde. Auch Vertigo und Der blaue Elefant sollen demnächst auf Deutsch erhältlich sein. Die atmosphärisch sehr gut gelungene Übertragung ist Christine Battermann geschuldet, die sich schon mit Übersetzungen von Mahmud Darwisch und Rosa Yassin Hassan einen Namen gemacht hat.

Diamantenstaub ist ein spannender Kriminalroman, der zum Ende hin etwas blutrünstig wird. Er lebt von dem genauen Auge seines 1978 in Kairo geborenen Autors. In seinem vorherigen Leben war er der persönliche Fotograf von Husni Mubarak.

Sonja Hegasy

© Qantara.de 2015

Ahmed Mourad: Diamantenstaub. Lenos 2014, 407 Seiten. Aus dem Arabischen übersetzt von Christine Battermann.

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Leserkommentare zum Artikel: Ein düsterer Politkrimi aus Ägypten

Klingt interessant. Und es stellt sich wieder die Frage, warum gute arabische Romane, wenn überhaupt, dann mit langer Verspätung ihren Weg in die deutsche Übersetzung finden. Aber auch, inwieweit man sie als politische Werke lesen soll.
Eines ist aber auffällig: Die arabische Literatur ist oft politisch, und sie ist ein Gradmesser für gesellschaftliche Unruhe. Auf dem Berliner Literaturfestival hat man das 2009 bei fast allen arabischen AutorInnen gemerkt. Als ich über diese aufrührerische Tendenzen in der Literatur einen Essay schreiben wollte und ihn über Beziehungen der ZEIT anbot, bekam ich nicht einmal eine Antwort.

Günther Orth07.02.2015 | 13:16 Uhr