Deutschlands Muslime und die Flüchtlinge

Integration einer neuen Generation

Wie denken muslimische Zuwanderer, die schon länger in Deutschland leben, über die Neuankömmlinge in Deutschland und die europäische Flüchtlingskrise? Canan Topçu hat sich in Hessen unter afghanischen, türkischen, arabischen und bosnischen Migranten umgehört.

Wenn Fatah Qayumie über die neuen Flüchtlinge spricht, dann greift er auf eigene Erfahrungen zurück: Zu seiner Integration habe beigetragen, dass das Asylverfahren "schnell durch" war, dass er bald darauf habe Deutschkurse besuchen und arbeiten können. "Arbeit ist ganz, ganz wichtig", sagt Qayumie. Er hält nichts davon, dass der Staat, wie er meint, "die Leute aushält", das mache sie bequem.

Knapp drei Jahrzehnte ist es her, dass Qayumie aus Afghanistan flüchtete. Auf den Weg machte er sich mit Frau und Kind, einem sechs Monate alten Mädchen. In Deutschland erhielt die Familie bereits nach einem halben Jahr Asyl und Qayumie begann zu arbeiten – anfangs als Reinigungskraft, dann als Taxifahrer und später als Briefsortierer bei der Post, bis er sich schließlich selbständig machte.

Inzwischen ist Qayumie 51 Jahre alt, hat fünf Kinder und ein Eigenheim in einem Neubaugebiet bei Gießen. Er ist in der "Facilitymanagement"-Branche tätig und beschäftigt in seiner Firma 70 Personen, hat also weit mehr erreicht, als Politiker und Arbeitsmarktforscher sich von Zuwanderern erhoffen. Warum sollten die Neuankömmlinge das nicht auch schaffen?

"Zu viele auf einmal"

Ein Problem sieht Qayumie darin, "dass zu viele auf einmal gekommen sind". Dafür sei auch die Bundeskanzlerin verantwortlich. Das Ergebnis von Angela Merkels Aussage "Wir schaffen das!" sei, dass nun auch all die kommen, "die ihr Land nicht wirklich wegen des Krieges verlassen". Zu ihnen zählt er "Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Balkan" und auch "Leute aus Pakistan und Afghanistan".

Während Politiker darüber debattieren, ob Afghanistan als sicheres Herkunftsland einzustufen ist, hat Qayumie eine klare Haltung in dieser Frage. "Es gibt keine Gründe außer wirtschaftliche, um Afghanistan zu verlassen", meint er in einem Gespräch nach dem Freitagsgebet.

Angela Merkel bei Anne Will; Foto: Imago/J. Heinrich
Skepsis gegenüber den Neuankömmlingen: Fatah Qayumie glaubt, dass zu viele Flüchtlinge auf einmal gekommen seien. Dafür sei auch die Bundeskanzlerin verantwortlich. Das Ergebnis von Angela Merkels Aussage "Wir schaffen das!" sei, dass nun auch all die kommen, "die ihr Land nicht wirklich wegen des Krieges verlassen".

Qayumie ist einer der wenigen Muslime, die Merkel wegen ihrer Haltung in der Flüchtlingsfrage kritisieren. Die meisten lassen nichts auf "unsere Kanzlerin" kommen und loben sie. Vom "Wir" ihres Ausspruchs fühlen sich etliche Muslime angesprochen.

Auf den Punkt bringt es eine junge Frau, Tochter türkischer Arbeitsmigranten aus Frankfurt: "Ich denke, dass ich meinen eigenen Beitrag in meinem 'Mikrokosmos' leisten kann und muss, um irgendwann in vielen Jahren sagen zu können, ich war Teil dieser gesellschaftlichen Herausforderung, habe mitgewirkt und auch etwas getan."

Dieses "Wir" der Kanzlerin scheint also zum Helfen zu motivieren. Land auf, Land ab sind viele muslimische Gemeinden in der Flüchtlingshilfe aktiv. Es wird Bekleidung gesammelt und Geld gespendet, Gemeindemitglieder sind als Übersetzer oder Betreuer geflüchteter Kinder und Jugendlicher aktiv.

Das Engagement der Moscheegemeinden stützt sich ganz auf ehrenamtliche Aktivitäten ohne institutionelle Förderung. Darauf haben Islamverbände in den vergangenen Monaten immer wieder hingewiesen – und damit auch auf jene Kritik reagiert, sie seien zu wenig in der Flüchtlingshilfe aktiv. Den Moscheegemeinden – ob angeschlossen an einen Verband oder nicht – fehlt es in der Tat an professionellem Personal und finanziellen Ressourcen. Denn anders als christliche Organisationen und Wohlfahrtsverbände erhalten sie keine staatlichen Zuschüsse.

Imageverlust durch die "Neuen"?

Der Industriemeister Ahmed Araychi ist Vorstandsmitglied eines Moscheevereins, der sich vor allem aus Muslimen marokkanischer Herkunft zusammensetzt. Ihm ist es wichtig, auf das Engagement seiner Gemeinde in der Flüchtlingshilfe hinzuweisen: "Wenn es Deutschland schlecht geht, dann sind wir Muslime auch davon betroffen, also haben wir die Pflicht, unseren Beitrag dazu zu leisten, dass unser Land die Probleme meistert", sagt der Mittvierziger mit überzeugendem Ton in der Stimme.

Die syrischen Flüchtlinge Sharif Baraa, Jarkas Anas, Mohammad Amin (r-l) beten am 15.09.2015 in der Ditib-Moschee Köln-Chorweiler; Foto: picture-alliance
Zuflucht und Hilfe für die "Neuen": Die Dachorganisationen Türkisch-Islamische Union (Ditib) und Zentralrat der Muslime (ZMD) berichten von einer Welle der Hilfsbereitschaft unter den alteingesessenen Muslimen für Flüchtlinge aus Syrien, Irak und anderen islamischen Ländern.

Araychi ist aber auch der Ansicht, dass in Deutschland auf hohem Niveau gejammert werde. "Wir alle müssen bereit sein, ein bisschen zu verzichten, um Menschen in Not zu helfen." Das Land sei wirtschaftlich stark, es gebe hier genug Arbeit und Wohlstand.

Seien es Männer oder Frauen, jüngere oder ältere, Studierende oder Berufstätige, mit oder ohne akademischem Beruf: Angst vor wirtschaftlichen Problemen und einer unsicheren ökonomischen Zukunft äußern nur wenige Muslime. Allerdings gibt es bei einem Teil Angst vor noch größerer Islamfeindlichkeit. Manche Kopftuch tragende Muslima hat den Eindruck, dass das Umfeld in den vergangenen Monaten skeptischer und feindlicher geworden ist. Sorgen haben etliche vor einem Imageverlust durch die Neuankömmlinge, von denen Schätzungen zu Folge etwa 80 Prozent Muslime sind.

Es gibt allerdings keine messbaren Erkenntnisse darüber, wie religiös diese Menschen wirklich sind. Experten mutmaßen, dass ein Teil derer, die aufgrund des islamistischen Terrors aus ihrer Heimat geflohen sind, ein eher gespaltenes Verhältnis zum Islam haben und nicht ausgeprägt religiös sind.

"Wir haben uns in all den Jahren so sehr um Anerkennung bemüht", erklärt Ayşe Eroğul. Jetzt befürchtet die 28-jährige Studentin "einen Rückfall in Hinblick auf die gesellschaftliche und politische Integration von Muslimen, weil sich die Neuen mit den Gepflogenheiten in diesem Land nicht auskennen und sich schlecht benehmen".

Solche Überlegungen sind wiederum Selma Öztürk-Pınar fern. Sie wurde als Tochter türkischer Gastarbeiter in Hannover geboren und ist 37 Jahre alt. "Probleme bei der Anerkennung hatten wir auch schon vorher", sagt Öztürk-Pınar. Es sei absurd, wenn sich wegen der Neuankömmlinge unter den "alteingesessenen" Migranten und Muslimen die Angst um wachsende Ausgrenzungen breit mache, sagt die Juristin, die sich mit ihrem Kopftuch als Muslima zu erkennen gibt.

Aiman Mazyek, Vorsitzender des "Zentralrats der Muslime in Deutschland"; Foto: picture-alliance/dpa/O. Berg
Aktive Hilfe: Laut Aiman Mazyek, Vorsitzender des "Zentralrats der Muslime in Deutschland", unterstützen die Verbände eine Vielzahl von Bürgerkriegsflüchtlingen. Man helfe auch mit Imamen aus, spende Gebetsteppiche, Korane, Halal-Essen und unterstütze die Schutzsuchenden auch bei Behördengängen, Wohnungs- oder Arbeitssuche. Der mitunter geäußerte Vorwurf, Muslime seien passiv, sei falsch. Es gebe Hunderte Hilfsprojekte bundesweit.

Empathie mit den Geflüchteten

Öztürk-Pınar plädiert für Empathie mit den Geflüchteten. Sie seien traumatisierte Menschen, die oft ohnmächtig in einem völlig fremden Ort ankämen, am Verlust der Heimat und des Vertrauten litten und Unterstützung nach der Ankunft in Deutschland benötigen. Anders als die Generation ihrer Eltern seien die Neuankömmlinge aber durchaus im Vorteil. Ihre Integration in die Gesellschaft könne schneller und besser gelingen, denn "es gibt hier schon eine Infrastruktur". Dazu gehörten auch die Moscheegemeinden und die vielen Selbsthilfeorganisationen von Migranten, die sich um die Belange von Muslimen kümmerten, Öztürk-Pınar.

Andere wiederum vertrauen auf die deutsche Politik und die institutionellen Hilfsnetzwerke. Dass Flüchtlinge "hier gut versorgt und gut aufgehoben" sind, meint Mersudin Cehadarevic. Der 42-Jährige kam 1989 im Zuge einer Familienzusammenführung aus Bosnien nach Deutschland. Inzwischen hat er selbst eine Familie, ist Autohändler und engagiert sich ehrenamtlich als Vorsitzender eines Moscheevereins in Frankfurt. Anfangs sei auch in seiner Gemeinde viel über die Flüchtlinge gesprochen worden, berichtet Cehadarevic. "Wir haben sogar Geld gespendet." Inzwischen seien Flüchtlinge nicht mehr "das" Thema in der Moschee.

Auch wenn er sich nicht aktiv an der Flüchtlingshilfe beteiligt, beschäftigt Cehadarevic das Thema sehr. Kummer bereiten ihm vor allem all die, die in den Kriegsgebieten den Bombardements ausgesetzt sind und um ihr Leben bangen müssen. Er sei zwar Muslim, überblicke aber trotzdem nicht die Kriege in den Gebieten und Ländern, in denen Muslime lebten, sagt Cehadarevic.

Warum sich "Sunniten und Schiiten, Türken und Kurden die Köpfe einhauen", warum "Idioten mit ausgetrocknetem Gehirn" von sich behaupteten, Muslime zu sein und Menschen ermorden, bleibt ihm ein Rätsel. Der vierfache Vater fühlt sich überfordert von den Geschehnissen auf der Welt und beruhigt sich mit Gebeten. Eins davon lautet so: "Lieber Gott, hilf den Menschen, zu Verstand zu kommen und im Frieden miteinander zu leben."

Canan Topçu

© Qantara.de 2016

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Integration einer neuen Generation

Es mag sein, lieber Herr Mazyak, dass die Islamverbände und Moscheevereine das Ihre tun, um Flüchtlingen mit materiellen Dingen, Devotionalien oder Behördengängen zu helfen. Zu glauben DAS habe etwas mit Integration zu tun ist aber ein Riesenirrtum, Herr Mazyak. Integration findet in säkularen Schulen, bei Ethikunterricht oder gerne auch beim Islamunterricht in den Schulen durch entsprechend ausgebildete Lehrkräfte und in Integrationskursen statt und leider eben genau nicht in Moscheen. Dort werden im Allgemeinen eher genau jene patriarchalischen Strukturen und althergekommenen Rollenverständnisse vermittelt und bedient, die das gesellschaftliche Problem darstellen derzeit, oder der Koran wird den Kindern in den Koranschulen auswendig auf Arabisch eingebläut (verstehen werden sie sowieso kaum etwas davon). Was und wie das alles bei der Integration helfen soll, ist mir schleierhaft. Facebookseiten und Websites von vielen Moscheen sprechen eine deutliche Sprache, vor allem wenn man sich die geposteten oder veröffentlichten Fotos ansieht. Bei den meisten derart propagierten Seiten hat man zum Beispiel das Gefühl, dass es gar keine Frauen in dieser Moscheen-Welt gibt... Auf den Fotos sind sie jedenfalls meistens kaum zu finden und wenn, dann nur als kleine und kleinste Mädchen die schon mit Kopftuch oder Tschador verhüllt im Koranunterricht sitzen, während Jungs und Männer sich auf vielen Fotos bar jeden Respekts vor dem doch eigentlich heiligen Ort präsentieren und nicht zu sagen herumfleezen. Und das ist nur ein Beispiel, ich könnte viele andere nennen. Nein, Moscheen sind meistens leider KEIN Ort der Integration, vor allem nicht die kleinen und nicht so bekannten, wo eh keiner einen Überblick hat was dort eigentlich so vor sich geht und wer dort predigt oder unterrichtet. Nicht mal der Integrationsbeauftragte der Landesregierung Rheinland-Pfalz weiß, wie viele Moscheen es eigentlich in diesem Bundesland gibt....

Ingrid Wecker16.02.2016 | 19:34 Uhr

Ich finde den Artikel gut und informativ. Nur die Hysterie von Frau Wecker ist ärgerlich. Diese Dame träumt von Muslimen, die man nicht sieht. Ihre Kommentare braucht niemand.

Karl Hadi 18.02.2016 | 14:39 Uhr