Deutsch-palästinensische Rapperin Sahira

"Das Kopftuch ist kein Hindernis für meinen Erfolg"

Die Berliner Rapperin Sahira ist bekannt für ihre Lieder, in denen sie über Liebe, Romantik, über Palästina sowie die Unvollkommenheit der Menschen singt. Nelly Youssef sprach mit Sahira über ihre musikalische Bemühung des Dialoges.

Seit wann arbeitest du professionell als Sängerin?

Rapperin Sahira, Foto: © www.imanimusic.de
Rapperin Sahira: "Ich habe mich nach den Ereignissen des 11. Septembers für das Kopftuch entschlossen. Vorher wusste ich kaum etwas über den Islam."

​​Sahira: Mein erstes Album "Frei Schnauze" erschien 2005 mit einer Auflage von 1000 Stück. Es gab keine Promotion dafür, trotzdem hat es sich gut verkauft. Mit Unterstützung meiner Mutter habe ich es aus eigener Tasche finanziert.

Jetzt verhandele ich mit einigen deutschen Plattenfirmen über die Finanzierung meines neuen Albums. Darauf sind Songs über die Liebe, die Heimat und die Schwierigkeit des Lebens. Ich will den Jugendlichen sagen, dass es ganz normal ist, Fehler zu machen. Man darf keine Angst haben, sondern man soll aus den Fehlern lernen.

Ich singe darauf zum ersten Mal einen Song auf Arabisch über Palästina. Ich singe darüber, dass wir Palästina nicht vergessen haben, und frage, wie lange die Situation dort noch so bleiben wird. Klar, es ist schwer, eine Plattenfirma zu finden, die meine Alben und auch einen Videoclip produziert, obwohl ich Muslimin bin, Kopftuch trage und in manchen Liedern über Palästina singe.

Wie hat das deutsche Publikum reagiert, als du zum ersten Mal mit Kopftuch aufgetreten bist? Sind die Deutschen tolerant gegenüber Kopftuchträgerinnen?

Sahira: In der Öffentlichkeit haben Kopftuchträgerinnen es schwer, man wird ständig angeschaut, und es ist schwieriger, einen Job zu finden. Aber ich bin immer ganz gut klar gekommen.

Als ich zum ersten Mal mit Kopftuch aufgetreten bin, war das etwas anderes, ich hatte keinerlei Probleme. Das liegt wohl hauptsächlich daran, dass die Deutschen Kultur und Kunst lieben und gerne neue Gesichter in der Kunst sehen. Sie schätzen jeden, der etwas Schönes macht. Also, mein Kopftuch hat meinen künstlerischen Erfolg nicht eingeschränkt.

Ich habe mich nach den Ereignissen des 11. Septembers für das Kopftuch entschlossen. Vorher wusste ich kaum etwas über den Islam, ich kannte gerade mal das Glaubensbekenntnis und wusste, wie man betet und fastet. Vorher habe ich auf Partys gesungen, auf denen die Leute getanzt und nicht so genau auf die Texte gehört haben.

Inzwischen finde ich die Bedeutung der Texte wichtiger. Ich habe begonnen, die Veranstaltungen auszuwählen, auf die ich wirklich wegen des Gesangs eingeladen werde, Hochzeiten, Examensfeste, Geburtstage ... Am besten solche, auf denen keine Alkohol getrunken wird, weil ich mir wünsche, dass die Leute meinen Liedern richtig zuhören.

Ich wähle inzwischen also aus, aber ich bin auch nicht allzu streng. Alkoholverbot auf den Partys, auf denen ich singe, ist kein Muss. Es ist mir nur einfach lieber, wenn mein Publikum auch bewusst die Botschaft hört, die ich mit meiner Kunst zum Ausdruck bringen will.

Über welche Themen singst du?

Sahira: Ich singe über Liebe und Romantik, darüber, dass wahre Liebe der Bemühung gleichkommt, gottgefällig zu leben. In Deutschland ist es natürlich leicht, jemanden kennen zu lernen, sich in ihn zu verlieben und dann wieder auseinander zu gehen. Keiner schert sich darum – vielleicht gibt es das ja in den arabischen Ländern auch.

Das heißt, man muss sich anstrengen und mit sich selbst ringen, um sich dem nicht hinzugeben. Aber die Jungen und Mädchen sollen sich nicht davor fürchten. Es kann sein, dass sie einen Fehler machen, aber wir sollten nicht vergessen, dass Gott uns liebt und uns verzeiht – darüber singe ich in meinen Liedern. Auf meinem neuen Album gibt es ein Lied "Ya Ibn al-Halal", darin erzähle ich von der wahren Liebe.

Was unterscheidet dich von anderen Rappern?

Sahira: Ich singe über das, was ich im Herzen trage, ich schlüpfe nicht in eine Rolle. Ich begreife Kunst als Möglichkeit, eine Idee oder Botschaft auszudrücken, ich will die Leute nicht einfach nur unterhalten. Ich will, dass sie aufwachen und nachdenken.

Was mich, glaube ich, zu etwas Besonderem macht, ist, dass die Sprache meines Herzens palästinensisch und emotional ist, aber die Sprache, die ich spreche, deutsch und ziemlich rational. Ich sage ohne Angst, was ich auf dem Herzen habe, anders als viele andere Araber und besonders Araberinnen, die ständig die Tradition vor Augen haben, wonach alles Mögliche falsch und verboten ist.

Ich singe auch vom Leiden der Araber und Muslime in Deutschland, besonders über die Familien, die ihre Töchter in der deutschen Gesellschaft erziehen und große Angst um sie haben. Es gibt Familien, in denen kein Deutsch gesprochen wird und die total isoliert leben.

Ich meine, dass wir Araber und Muslime die Traditionen höher schätzen als den Islam. Kinder werden nach eigenen Vorstellungen erzogen. Ich singe deshalb in meinen Liedern davon, dass die Jungen und Mädchen etwas erleben sollen. Sie müssen selbst ihre Erfahrungen machen, aber dabei sollen sie Rücksicht auf ihre Eltern nehmen. Sie sollen maßvoll und bescheiden sein, dazu hält unser Glaube uns an. Es geht nicht nur darum, fünfmal am Tag in die Moschee zu gehen, sondern wir müssen nachdenken und unser Leben auf natürliche Weise leben.

Meinst du, die Musik kann eine bessere Brücke im Dialog zwischen Ost und West sein als die Politik?

Sahira: Klar. Ich werde oft zu Diskussionen von Parteien oder politischen Organisationen eingeladen, um über die Musik zu reden, weil sie ein Mittel zu echtem Austausch zwischen Ost und West ist. Wir diskutieren dann sehr häufig über den Islam. Die Deutschen wollen uns besser kennen lernen, sie finden die Erfahrungen, die sie mit Muslimen machen, verwirrend. Und man muss ihnen Recht geben. Wir Araber und Muslime sind schon ziemlich eigen. Ich setze mich bei den Gesprächen anders mit ihnen auseinander, wir führen gute Gespräche.

Erzähl von deinem Sohn, wie ist es, ihn allein zu erziehen?

Sahira: Mein Sohn Salim ist jetzt sieben Jahre alt. Sein Vater ist amerikanischer Muslim, wir sind schon seit Jahren getrennt. Ich erziehe meinen Sohn islamisch. Aber ich will nicht, dass er mit den Vorstellungen über die Hölle im Islam in Berührung kommt, ich sage ihm, dass er Gott lieben soll, und er versucht zu beten und auch schon für kurze Zeit zu fasten, alles ohne Zwang.

Nelly Youssef

Aus dem Arabischen von Stefanie Gsell

© Qantara.de 2007

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